Bild: Marcos Moreno
Von Marokko nach Spanien sind es 14 Kilometer, sie entscheiden über Leben und Tod.

Angèle Gomis hat eine Odyssee hinter sich, die in Afrika begann und in Europa nun – vorerst – endet. Sechs Stunden war die Senegalesin in einem Schlauchboot unterwegs, sagt sie. Sie habe gebetet, geschrien, erbrochen und dabei immer wieder Wasser aus dem Boot geschöpft.

14 Kilometer nur misst die schmalste Stelle der Straße von Gibraltar. Vom spanischen Festland aus kann man an guten Tagen Marokko erspähen, wo Gomis, eine Nichtschwimmerin, in der Hafenstadt Tanger in ein Boot stieg, mit dem sie aufs Meer hinausfuhr – und dort von Seenotrettern gefunden wurde.

Immer mehr Geflüchtete kommen über Marokko nach Spanien.

Die Frau mit den kurz geschorenen Haaren ist eine von 399 Menschen an diesem Tag Ende Juli. Bis zum 30. Juli sind auf diese Weise 22.091 Menschen an die Küste Südspaniens gelangt. Immer mehr Migranten wählen die Route über Marokko nach Spanien, um von Afrika nach Europa zu kommen.

Ein spanisches Lampedusa?

Etwa 400 sind es gegenwärtig – jeden Tag. Am Freitag waren es sogar knapp 800. Bis Mitte Juli holten die Seenotretter bereits mehr Menschen aus dem Wasser als im gesamten Vorjahr. Zur Zahl der Vermissten gibt es unterschiedliche Angaben. Laut spanischen Seenotrettern starben 2017 bisher 153 Menschen bei der Überfahrt oder gelten als vermisst.

Die Städte an der südlichsten Spitze Spaniens sind mit der stark steigenden Zahl der Geretteten überfordert. In Tarifa, Algeciras, Barbate, Malaga und Cádiz kommt die Verwaltung nicht mehr mit. Gerettete müssen im Freien schlafen, übernachten in Turnhallen oder in völlig überfüllten Zellen auf Polizeiwachen.

Eine spanische Menschenrechtsorganisation und die Seenotretter selbst sprechen von "unmenschlichen Bedingungen". Der Bürgermeister von Algeciras warnt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, seine Stadt könne zum neuen Lampedusa werden. Er verlangt mehr Geld, mehr Polizei und sagt, die Situation sei zwar auch sein Problem – "aber Europa muss es lösen".

Die Retter bringen Angèle Gomis und 163 weitere Menschen in den Hafen von Algeciras. Von Bord dürfen sie nur, um auf eines der dort aufgestellten Dixi-Klos zu gehen. Die Turnhalle, in der die Polizei Migranten normalerweise unterbringt, ist überfüllt. Gomis hat trotz der abendlichen Hitze eine Decke über ihre Schultern geworfen. Als sie von ihrer Geschichte zu erzählen beginnt, schlingt sie die ein wenig enger um sich.

Geflüchtete im Hafen von Tarifa. (Bild: Marcos Moreno)

Begonnen habe ihre Reise vor einem Jahr und zwei Monaten, sagt sie. Der Grund: Ihre Familie habe sie einem vermögenden entfernten Verwandten versprochen, den sie zuvor nie gesehen habe. "Ich bin aber bisexuell", sagt Gomis. 

Als ihr Vater davon hörte, habe er den Kontakt mit ihr abgebrochen, erzählt sie. "Er sagte, ich sei eine Schande für die Familie", erzählt Gomis. "Er sagte, ich sei krank." Und sie rannte weg

Zunächst nach Dakar, in die Hauptstadt des Senegal. Dort habe sie in einem Casino gearbeitet und Geld gespart, um nach Casablanca in Marokko fliegen zu können. Weil sie viele Sprachen spricht – neben Französisch auch Spanisch und Englisch – jobbte sie dort als Rezeptionistin. Monatslohn: umgerechnet 450 Euro. 

Der Mann, dem sie versprochen wurde, fand sie aber auch in der Ferne. Drohte, er werde sie zurückholen oder jemanden schicken, der ihr etwas antue, so erzählt es Gomis. Die Angst trieb sie weiter an, in die Flucht, fort vom afrikanischen Kontinent, nach Europa. 

"Ich brauche nur Schutz", sagt sie. Und nur in Europa sei sie sicher. 

Warum in diesem Jahr Gomis und so viele andere Menschen wie noch nie die Überfahrt von Marokko in den Süden Spaniens wagen, wissen auch Experten nicht mit Sicherheit. 

Fest steht: Marokko war schon immer eine billige und vergleichsweise sichere Option, um nach Europa zu kommen. Hinzu kommt, dass sich inzwischen rumgesprochen hat, dass in Libyen Folter und Sklavenhandel drohen, und dass Italiens Innenminister Matteo Salvini die Häfen seines Landes dicht macht.

Geflüchtete auf dem Mittelmeer. (Bild: Marcos Moreno)

Unter den spanischen Polizisten und Seenotrettern gibt es noch eine weitere Theorie: Die marokkanischen Sicherheitskräfte würden nicht mehr so effizient wie zuvor gegen die Bootsflüchtlinge vorgehen. 

"Die Marokkaner wollen etwas von Spanien oder der EU, so viel steht fest", sagt ein Retter. "Wenn Marokko die Migration verhindern will, schafft es das auch", dort seien die Sicherheitskräfte nicht zimperlich. "Momentan wollen sie das offenbar nicht."

Auf seinen Fahrten sehe er wie die Menschen an den Stränden ihre Spielzeugboote aufpumpen, sagt der Retter. 

Weil die Marokkaner nicht eingriffen, führen die spanischen Seenotretter deshalb inzwischen regelmäßig bis auf eine halbe Meile an den Strand heran, um die Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Das sei früher nicht nötig gewesen. "Wir retten, egal wen, egal wo, das ist unser Job."

Auch bei Frontex kennt man die Theorie. Dass sich die Migrationsströme wirklich weg von der zentralen Route über Libyen hin zur sogenannten westlichen Route verlagern, sei aber nicht sicher, heißt es auf Anfrage. Fest stehe nur, dass mehr und mehr Menschen über Marokko reisen würden. 

Frontex stehe bereit, mehr Experten nach Spanien zu entsenden, sagt eine Sprecherin. Man habe die Mission bereits ausgeweitet. Auch die spanische Regierung hat einen Notfallplan angekündigt, will mehr Geld bereitstellen.

Wie notwendig das ist, zeigt sich im Hafen von Tarifa. Wenige Hundert Meter von sonnenbadenden Touristen entfernt liegen hier zwei Rettungsschiffe im Hafen. Gut 240 Menschen aus der Subsahara harren auf ihnen aus.

Yussuf, 24, harrt im Hafen von Tarifa aus. Er kommt aus dem Senegal, will in Europa Arbeit finden und seinen Schwestern und seiner Mutter helfen.

Die Stimmung zwischen der spanischen Polizei und den Seenotretten ist trotz 40 Grad eisig. Einen halben Tag lang dürfen die Geretteten nicht von Bord. Auch die Schiffe dürfen nicht auslaufen - und die Retter können nicht arbeiten. 

"Wir wissen nicht wohin mit den Migranten", sagt ein Polizist. Es gebe einfach keinen Platz. Die Seenotretter haben einen anderen Verdacht. "Wenn wir hier im Hafen liegen, können wir keine Menschen retten", sagt einer. Ungelegen komme das der Polizei sicher nicht. "Sie haben uns hier noch nie festgehalten. Noch nie."

Tatsächlich hat auch die neue sozialistische Minderheitsregierung ihren Kurs inzwischen korrigiert. Das Rettungsschiff "Aquarius" nahm man Mitte Juni noch auf, schon bei der "Lifeline" galt die Aufnahmebereitschaft aber nicht mehr. Man wolle nicht zur "maritimen Rettungsorganisation für ganz Europa werden", sagte der zuständige Minister dann Ende Juni.

Eine Helferin des spanischen Roten Kreuzes registriert Geflüchtete im Hafen von Tarifa.

In den Küstenstädten bemüht sich die Polizei, die Migranten von den Anwohnern abzuschirmen. 

Der Bürgermeister von Algeciras spricht von einer "sehr ernsten Situation, die jeden Moment eskalieren könnte." Bisher hätten die Bewohner allerdings sehr verständnisvoll reagiert.

"In Algeciras leben Menschen aus 104 Nationen. Bis jetzt ist alles ruhig", sagt er. Das könne sich allerdings ändern, wenn die illegal eingewanderten Menschen bleiben und nicht weiterreisen würden. "Dann würde die Bevölkerung alle drei Tage um ein Prozent anwachsen. Stellen Sie sich das mal vor."

Im abgeschirmten Teil des Hafens von Algeciras harrt Angèle Gomis auf dem Rettungsboot aus. Die Nacht auf Deck war hart, sie hat kaum geschlafen. Immer wieder habe sie an das gedacht, was auf dem Meer passiert sei. "Ich würde es nie wieder tun", sagt sie. 

Sobald die Polizei Geflüchtete von Bord bringt, nehmen die Beamten ihre Fingerabdrücke ab, sie werden in einer europäischen Datei registriert. Auch Migranten, die kein Asyl beantragt haben und nach 60 Tagen nicht eindeutig identifiziert sind oder aus anderen Gründen nicht in ihr Heimatland zurückgeführt werden können, kommen dann frei. Sie müssen Spanien verlassen. Manche bleiben. Viele reisen aber weiter nach Norden. Auch Angèle Gomis will fort. Nach Frankreich. Dort lebt eine Tante, sagt sie.

Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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