Zwei Frauen, ein Gespräch, viele Vorurteile.

Linda, 20, Lehramtsstudentin, und Greta, 25, Krankenpflegerin, haben eine Gemeinsamkeit, die man auf den ersten Blick nicht sieht: Sie beide haben die Schicht ihres Elternhauses verlassen. Linda ist die Erste in ihrer Familie, die studiert, und Greta die Erste, die eine Ausbildung gemacht hat. 

Studien zeigen, dass Akademiker-sein und der gesellschaftliche Status normalerweise vererbt werden (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung). Für den Aufstieg braucht eine Familie in Deutschland im Schnitt sechs Generationen (DER SPIEGEL).  Nur 27 Prozent der Menschen aus Nichtakademikerhaushalten studieren – und nur 21 Prozent der Kinder von Akademikern studieren nicht (DER SPIEGEL).

Wolfgang Lauterbach, Professor für Bildungssoziologie und soziale Ungleichheit an der Universität Potsdam, sieht einen engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Durchlässigkeit und der Frage, wo man sich selbst zu Hause fühlt:

„Menschen fühlen sich in ihrer eigenen Schicht am sichersten“
Wolfgang Lauterbach

"Wenn man zum Beispiel in der Mittelschicht lebt und zu einem hohen Politiker eingeladen ist, wird man unsicher. Man weiß nicht, wem man zuerst die Hand geben soll. Deshalb versuchen Menschen, in ihrer eigenen Schicht zu bleiben.“

Diese Tendenz hat Folgen: Schon relativ kleine Veränderungen des Status können zu Verunsicherung führen. Aber wie fühlt sich das im Alltag an? 

Deshalb haben wir Linda und Greta zu einem Treffen eingeladen. 

Wir wollen von den beiden wissen, wie Menschen unsere Gesellschaft erleben, die Schichten wechseln. Begegnen ihnen Vorurteile im Alltag? Was ärgert sie? In welchen Momenten fühlen sie sich fremd in ihrer neuen Umgebung?

Wir treffen uns in der Essener Innenstadt. Schnell entsteht zwischen beiden eine vertraute Stimmung. Denn so unterschiedlich ihre Erfahrungen auch sind: Beide haben Vorurteile erlebt und wurden in Schubladen gesteckt.

bento: Greta, du bist Krankenpflegerin, Linda, du willst Lehrerin werden. Warum habt ihr euch für diese Berufe entschieden?

Greta: Ich wollte mein ganzes Leben lang Jura studieren. Nach zwei Semestern haben meine Eltern sich scheiden lassen und da sie zu wohlhabend sind, hatte ich kein Anrecht auf Bafög. Ich musste dann anfangen, nebenbei in einem Krankenhaus als Aushilfe zu arbeiten. Das hat aber so viel Zeit in Anspruch genommen, dass ich kaum Zeit für mein Studium hatte. Mir wurde dann eine Ausbildung angeboten, die ich annahm.

Linda: Ich musste mein erstes Studium auch abbrechen. Nach meinem Abitur habe ich ein Studium für audiovisuelle Medien angefangen. Das konnte ich mir aber nach einer Zeit nicht mehr leisten, weil das in Stuttgart war und die Miete einfach zu teuer war – obwohl ich den vollen Bafög-Satz bekomme. Also musste ich wieder zurück nach Hause und habe dann angefangen, Lehramt zu studieren, weil das eigentlich immer ein Kindheitstraum von mir war.

bento: Wie haben eure Eltern auf eure Wahl reagiert?

Greta: Nicht nur meine Eltern, sondern meine ganze Familie hat studiert. Ich bin die Einzige, die nicht studiert hat. Besonders in den ersten zwei Jahren der Ausbildung war das sehr schwierig. Meine Mutter hat allen Bekannten erzählt, dass ich die Ausbildung nur machen würde, um danach Medizin zu studieren – obwohl das für mich nie in Frage kam. Auf den Weihnachtsfeiern hat meine ganze Familie über mich gelästert. Jemand sagte zum Beispiel zu meiner Mutter, dass sein Sohn einen Doktortitel macht und ich nur eine "professionelle Arsch-Abwischerin" wäre. Das war furchtbar. Seit ich die Ausbildung angefangen habe, habe ich kaum Kontakt zu meiner Familie.

Linda: Bei mir war das Gott sei Dank genau andersherum. Meine Eltern haben sich sehr gefreut und haben mir das Gefühl gegeben, dass ich das schaffe. Sie sind sehr stolz auf mich, weil ihnen immer wichtig war, dass ich es mal besser habe als sie.

bento: Aus eurer Perspektive: Warum ist die deutsche Gesellschaft so undurchlässig? 

Linda: Ich war auf einem Gymnasium, habe ein gutes Abitur gemacht und trotzdem haben viele gedacht, dass ich nur eine Ausbildung machen könnte. In der Schule wurde ich während des Abiturs gefragt, welche Ausbildung ich machen würde. Einige sind direkt davon ausgegangen, dass ich nicht studieren könnte, weil meine Eltern auch nicht studiert haben.

Als die Bewerbungsphase im Abitur für Ausbildungen anfing, schickten mir ein paar Schulfreunde Stellen, von denen sie dachten, dass ich da sehr gut reinpassen würde, zum Beispiel eine Ausbildung in einer Bäckerei. Als ich gesagt habe, dass ich studieren möchte, konnten das viele nicht glauben. Ich fand das sehr verletzend, weil man davon ausging, dass ich nichts Besseres kann.

Greta: Ich finde dieses Schubladendenken absurd und auch unfair. Ich habe zum Beispiel in meiner Ausbildung so viel über Menschen und über ihre Gesundheit gelernt. Ich glaube, kein Studium könnte mir so viel beibringen. Ich würde mir wünschen, dass meine Eltern und meine Familie endlich verstehen, dass Geld nicht alles ist. Und nur, weil man eine Ausbildung macht, heißt das nicht, dass man wenig Geld hat. Ich verdiene gut und ich bin zufrieden.

bento: Aber es ist doch normal, dass Eltern wollen, dass es ihren Kindern finanziell gut geht?

Greta: Natürlich wollen Eltern, dass ihre Kinder es später einfach haben. Dazu gehört auch ein sicheres Einkommen, sodass man keine Geldsorgen hat.  Aber "Reichtum" alleine liegt nicht am Abschluss oder am Einkommen. Wenn man jedes Wochenende sein Geld in Clubs oder beim Shoppen lässt, ist es egal, ob am Anfang des Monats 2000€ oder 5000€ überwiesen werden.  Für mich reichen die 2000€, die ich in meinem sicheren Job quasi stressfrei verdiene. Ich denke nicht, dass es sich für mich gelohnt hätte, zu studieren. Und hätte ich Kinder, wäre ich froh, wenn sie einfach das machen, was ihnen persönlich am meisten bringt. Egal ob Student oder Azubi.

Linda: Ich denke, dass gerade Arbeitereltern wollen, dass es ihren Kinder irgendwann mal finanziell besser geht als ihnen selbst. Allerdings glaube ich nicht, dass man das unbedingt mit einem Studium erreichen muss. Es geht meiner Meinung nach auch mit einer Ausbildung.

bento: Abgesehen von euren Eltern: Wie läuft es heute in eurem Umfeld? 

Linda: Die Leute an der Uni sind manchmal verwundert, wenn sie hören, dass meine Eltern nicht studiert haben und mich finanziell nicht unterstützen. Daran sehe ich, dass sie Vorurteile haben, weil sie denken, dass man ohne Akademiker-Eltern nicht studieren kann. Ich finde das manchmal unfair. Meine ganzen Life-Skills, wie Kochen oder Handwerkeln, habe ich von meinen Eltern gelernt. Ich frage mich manchmal, was man von Eltern lernt, die studiert haben, außer, dass sie einem in der Schule helfen können. 

Greta: Mein Vater kann auch sehr gut handwerkeln und hat viel an unserem damaligen Haus gebaut.

Linda: Da sieht man mal wieder: Jeder hat Vorurteile.

Greta: Na ja, meine Mutter war aber anders. Sie hat mir schon vor der Schule Lesen und Schreiben beigebracht und ihr war es sehr wichtig, dass ich Fremdsprachen beherrsche und sehr gute Noten habe. Einmal hatte ich eine Eins Minus und meine Mutter hat mich angemeckert. Danach musste ich meine Hausaufgaben am Esstisch vor ihr machen.

bento: In der Soziologie spricht man von "Distinktion", wenn Gruppen sich von einander abgrenzen, ob bewusst oder unbewusst. Sind euch solche Abgrenzungsmechanismen auch schon aufgefallen?

Greta: Meine Eltern haben sehr darauf geachtet, mit wem ich befreundet bin. Sie wollten zum Beispiel nicht, dass ich mich mit Kindern treffe, die schon geraucht oder Alkohol getrunken haben, und einmal wollten sie sogar, dass ich mich mit einem Sohn ihrer Freunde anfreunde und vielleicht sogar eine Beziehung eingehe. Er kam aus einer reichen Familie.

bento: Was haltet ihr von Begriffen wie "Aufsteiger" und "Absteiger"?

Greta: Ich finde die Begriffe sehr verletzend. Meine Eltern verstehen nicht, dass es mir mit der Ausbildung viel besser geht: Ich habe genug Geld für mich, habe noch Freizeit und wenig Stress. Ich definiere meine Lebensqualität nicht allein durch das Geld. Ich glaube, jemand, der einen sehr gut bezahlten Job hat, hat auch mehr Stress.   

Linda: Ich finde die Begriffe ebenfalls sehr verletzend, weil es ein schlechtes Bild auf meine Eltern wirft. Nach dem Motto: "Deine Eltern haben es nicht geschafft." Das finde ich schwachsinnig, weil ich nicht besser bin als meine Eltern, nur weil ich studiere. Ich glaube, meine Eltern hätten auch studiert, wenn sie dazu die Chance gehabt hätten.

Greta: Jeder sollte das machen können, worin er gut ist. Ich stehe voll hinter meiner Entscheidung eine Ausbildung zu machen – auch wenn meine Eltern das anders sehen.


Grün

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