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Warum bekriegen sich auch Leute, die eigentlich die gleichen Ziele haben?

Ich habe ständig Angst. Angst davor, dass mein Telefon vibriert und da steht, dass ich mir mal anschauen solle, was gerade bei Twitter oder Instagram los ist. Und dass es da dann um mich geht. Weil irgendjemand fand, dass ich etwas getan habe, über das man sich empören könnte. Und dieses Etwas dann einen gigantischen Shitstorm auslöst.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Bisher waren es nur kleine Stürme, die an mir vorbeizogen. Aber was, wenn es eines Tages so läuft wie bei Madeleine Daria Alizadeh alias dariadaria, einer Influencerin, die sich für Nachhaltigkeit einsetzt? Die hatte sich in einer Insta Story "pro choice", also für das Recht zur Abtreibung geäußert – aber sich nach Meinung vieler nicht deutlich genug, nicht krass genug positioniert. Und dann schrieb sie auch noch, dass es sich beim Thema Abtreibung um eine Meinung handle. Der Shitstorm war geboren. Ist die Empörungsmaschine einmal angeschmissen, läuft und läuft und läuft sie.

Shitstorms sind nichts Neues, Firmen und Marken hatten sie, Politikerinnen und Politiker hatten sie, Stars hatten sie. 

Aber plötzlich überrollen sie eben auch Personen, die nicht ständig von TV-Kameras und Klatschmagazinen umgeben sind. Ein kleiner Account mit weniger als 1000 Followern kann heute schon am Morgen einen Sturm auslösen, der am Abend bereits in den Leitmedien gelandet ist.

Die Eskalationsstufe ist mittlerweile sofort maximal.

Warum? Ich fürchte, ein großer Teil der Antwort ist: Aufmerksamkeit. Schreibe ich zum Beispiel über das Klima, bekomme ich keine Privatnachricht mit der freundlichen Anfrage, ob ich mir sicher bin, dass meine Argumentation stimmt – nein, mir wird sofort öffentlich Framing vorgeworfen. 

Natürlich nicht als Antwort auf meinen Tweet, sondern als eigener Tweet inklusive Kommentar. Denn so bekommt man sie, die Aufmerksamkeit. Nicht falsch verstehen: Ich will sie ja auch, für meine Artikel und meine Meinung. Die Frage ist nur: Wie sollten wir dabei miteinander umgehen? Besonders, wenn wir uns doch in ganz groben Zügen einig sind.

Denn viele von uns sind doch eigentlich im gleichen Team. Und mit Team meine ich: Wir sind im besten Fall antirassistisch, antifaschistisch, antisexistisch, für Umweltschutz und gegen Vorurteile. 

Wir, das sind die, die sich allesamt eine bessere, friedlichere und nachhaltigere Welt wünschen. Natürlich haben wir unterschiedliche Vorstellungen davon, wie genau sich all das erreichen lässt. Aber: Warum bekriegen wir die, die das gleiche wie wir wollen? 

Im Rausch der Empörungswelle geht eines immer öfter verloren: Wer da eigentlich was gesagt hat. Wer diese Person im Kontext ist, was sie sonst tut. Und das beeinflusst, wie wir uns verhalten.

Ich habe zum Beispiel mittlerweile drei Mehrweg-Coffee-To-Go-Becher – weil ich sie oft Zuhause vergesse, aber ständig unterwegs bin und Kaffee trinke. Aber es könnte mich ja jemand sehen, mich, die Veganerin, die sich für Tierschutz und Umweltschutz einsetzt und die trinkt dann aus einem Pappbecher?!?! 

Ein anderes Beispiel: Als ich letztens bei Instagram darüber sprach, dass ich außerdem ein paar Mal im Monat nur vegetarisch und nicht vegan esse, schrieben mir zig Menschen, wie "mutig" es sei, das öffentlich zuzugeben. Sie würden sich das nie trauen. Mittlerweile habe ich das #vegan aus meiner Bio bei Insta entfernt. Denn offenbar laufen wir alle, je mehr wir Gutes tun und dafür werben, Gefahr, doppelt so hart abgestraft zu werden, wenn wir ausnahmsweise mal etwas Dummes tun. Und zwar von genau denen, die die gleichen Ziele haben. Denen man nur nicht radikal genug ist.

Aber würde  die vegane Freundin einen Starbucks-Pappbecher in der Hand halten, während wir mit ihr unterwegs sind: Fotografieren wir sie, posten das bei Instagram, taggen sie und schreiben "Warum machst du sowas, ich dachte, du seist anders?" drunter? Nein. Wir sprechen sie in einer ruhigen Minute darauf an. Weil wir erst einmal davon ausgehen, dass wir im gleichen Team sind. Warum aber gehen wir mit fremden Menschen, die das gleiche wie wir wollen, so anders um?

Um ehrlich zu sein: bei mir löst all das mittlerweile eine immer größer werdende Furcht davor aus, mich überhaupt noch politisch zu äußern – besonders bei den Themen, bei denen es weh tut, als Feministin, als Veganerin, als Wählerin. Denn die Gefahr ist groß, dass eine andere Meinung zu einem Shitstorm führt. Wie grotesk schnell das passiert, kann ich jeden Tag sehen.

Dabei ginge es so viel besser – und wir alle wissen das. 

Die Schritte bis zur Eskalation, sie sind im Moment nur einfach in der falschen Reihenfolge: Erst in die Öffentlichkeit zerren, dann am Ende eventuell via Privatnachricht klären. 

Dabei ist es doch so einfach: 

  1. Wenn ich etwas lese von jemandem, der eigentlich viele meiner Werte vertritt, aber eine Sache macht, die dem zu widersprechen scheint, schreibe ich dieser Person eine Nachricht und weise sie darauf hin oder frage einfach nach. Ich muss das nicht öffentlich machen. Ich kann es auch privat tun.
  2. Wenn diese Person nicht reagiert oder anderer Meinung ist, könnte ich darüber nachdenken, ob das Ganze jetzt wirklich dermaßen relevant ist, dass es alle wissen müssen. Niemand ist perfekt. Niemand. Wir alle machen Fehler. Es gibt keinen Grund, jemandem, der in guter Absicht handelt, direkt öffentlich bloßzustellen.
  3. Wenn ich mich doch dazu entscheide, kann ich das in einem Ton machen, der zumindest einigermaßen sachlich bleibt. Gelingt mir auch wahnsinnig oft nicht. Bewusst machen sollte man es sich aber trotzdem immer wieder.
  4. Wenn ich etwas poste, kann das IMMER eine große Welle auslösen. Immer. Selbst mit nur 30 Followern. Es ist unsere Verantwortung füreinander, ob wir das im Fall der Fälle wollen. Denn oft ist es nur ein Moment der Wut. Die Screenshots, Vorwürfe und Berichte darüber bleiben aber. Bei der anderen Person sogar für immer, denn einen Shitstorm vergisst man nie.
  5. Und erst nach all diesen Überlegungen sollte man in Erwägung ziehen, etwas öffentlich zu machen, das eine einzelne Person getan hat. Denn Menschen wie dariadaria sind zwar Influencer*innen, aber sie sind keine Heidi Klum. Sie haben meistens kein PR&Presseteam im Rücken, keine Social Media Abteilung. Diese Menschen kriegen all das ungefiltert ab – egal, ob sie Influencer sind oder Autorinnen oder Tennisspieler.

Wir müssen aufhören, uns gegenseitig zu zerfleischen. Dabei können wir alle mithelfen, indem wir konstruierte Empörung nicht sofort teilen, nicht reflexhaft lospoltern. Denn so machen wir genau das, was Populisten und Trolle tun, was wir eigentlich immer vermeiden wollten: Wir differenzieren nicht mehr, wir sehen keinen Kontext, keine Person. Wir sind einfach nur noch blind vor Wut.


Future

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