Bild: FUNK
Wie er es in ein rechtes Netzwerk schaffte – und warum er beinahe süchtig wurde vom Hass.

Ein Jahr lang postete Hans rechte Kommentare unter Artikel über Angriffe auf Flüchtlinge, er likte rassistische Tweets und beschimpfte irgendwelche YouTuber und Blogger im Internet. Er tat das auf Befehl – und über Fake-Accounts. Er war Teil der rechten Internetplattform "Reconquista Germanica". Die Trollfabrik wurde von einem rechtsextremen YouTuber mit dem Decknamen Nikolai Alexander gegründet. Die Mitglieder des Netzwerks sprechen sich ab, um unliebsame Seiten und Personen mit möglichst vielen Hass-Kommentaren zu überschwemmen.

Hans war undercover dort unterwegs, für das Netzwerk "Funk" von ARD und ZDF.  "Funk" wollte für eine Doku herausfinden, wie diese Hetzkampagnen entstehen, ob sie überhaupt organisiert sind. Hans ist sein Deckname, auch in der Doku. Wir haben mit dem 28-Jährigen darüber gesprochen, wie man ein rechter Undercover-Troll wird, warum das süchtig machen kann und ob Jan Böhmermann vielleicht die Lösung haben könnte.

Hans, wie bist du rechter Undercover-Troll geworden?

Die Idee war, zu gucken, ob Hass im Internet organisiert ist. Wenn ja: Aus welcher politischen Richtung? Wir haben uns für die Doku in "links" und "rechts" aufgeteilt. Ich war für "rechts" zuständig und hab angefangen, bei der Identitären Bewegung und rund um Martin Sellner (österreichischer, rechter Aktivist und einer der Köpfe der rechtsextremen "Identitären Bewegung", Anm. d. Redaktion) zu recherchieren. Über einen Telegram-Kanal bin ich auf einen Discord-Server gestoßen, so etwas wie Skype oder WhatsApp, wo erste Trollaktionen geplant wurden. Darüber habe ich dann mitbekommen, wie sich im September "Reconquista Germanica" gründete. Am Anfang nahmen die einfach jeden auf, der wollte.

Inzwischen gibt es einen extra Rekrutierungsserver, wo man ein schriftliches Bewerbungsgespräch machen muss. Dann ist man auf der untersten Hierarchie. Wer höher kommen will, muss ein etwa halbstündiges Aufnahmegespräch per Sprachchat führen.

Was ist Reconquista Germanica?

"Reconquista Germanica" ist eine von rechten Netzaktivisten ins Leben gerufene Internetplattform, die über die ursprünglich für Gamer entwickelte Software "Discord" betrieben wird. "Reconquista Germanica" heißt so viel wie "Rückeroberung Deutschlands" und ist an die Vertreibung der Muslime aus Spanien im 15. Jahrhundert angelehnt. 

Das Result dieser Hetzkampagnen: Dadurch, dass die Kommentarspalten mit rechten Hashtags und Inhalten geflutet werden, sieht es so aus, als sei die Mehrheit im Internet rechts. Und: Als sei die Mehrheit gegenüber eher linken Inhalten skeptisch bis feindlich eingestellt. 

Hans und sein Kollege Patrick Stegemann beim Dreh der Doku "Lösch Dich". (Bild: FUNK)

Wie bereitet man sich denn auf so ein Aufnahmegespräch vor?

Ich hab mich im Vorfeld recht lange mit neurechter Ideologie beschäftigt, insofern musste ich mich da nicht groß vorbereiten. Ich hatte schon vor dem Gespräch Martin Sellners Buch gelesen, um zu schauen, was er da über soziale Medien schreibt. Im Gespräch habe ich gesagt, dass ich Politik studiert habe und auf konservative Theorien gestoßen bin. Ich konnte das Gespräch ein wenig dahin lenken, wo ich mich akademisch auskenne. Es fiel mir nicht schwer zu sagen, was die hören wollen.

Das muss der anderen Seite doch aber klar sein, dass diese schablonenhaften Antworten sehr leicht vorzutäuschen sind?

Ich hab versucht, nicht so schablonenhafte Antworten zu geben, indem ich Sachen relativierte. Ich habe sehr rechts, aber nicht rechtsextrem geantwortet. Zum Beispiel habe ich gesagt, dass ich auf sozialstaatlicher Ebene fast eine linke Position vertrete, aber finde, dass das Grenzen braucht. Man hat gemerkt, dass der Interviewer einen Leitfaden hatte. Er stellte die Frage, ich antwortete. Dann meinte er: "Ja, okay." Check. Antwort war in Ordnung. Ich hab dann mit ihm auch danach noch ein wenig weiter gesprochen, er war auch ganz nett. Er hatte gerade Semesterferien und meinte, er macht das sechs Stunden am Tag, Bewerbungsgespräche für "Reconquista Germanica" führen und lesen.

Kriegt er dafür auch was?

Kein Geld, aber Gratifikation, Aufstiegsmöglichkeiten. Er hatte zu diesem Zeitpunkt glaube ich den Unteroffiziersrang. Inzwischen ist er aufgestiegen. Er meinte, er habe Zeit – warum solle er die nicht in eine gute Sachen investieren?

Glaubst du, dass dieses Aufsteigermodell die Leute noch stärker motiviert, im rechten Netzwerk zu bleiben?

Definitiv. Ich halte das für eines der zentralen Erfolgsrezepte des Servers. Einerseits nehmen die diese Hierarchie sehr ernst. Der Gründer Nikolai Alexander ist tatsächlich der Oberbefehlshaber, weil es seine Idee war, diesen Server zu machen. Alle anderen ordnen sich unter. Es gibt aber die Möglichkeit, aufzusteigen. Auf Spaßränge, wie "Memelord". Wer das lustigste Meme zu einer Aktion macht, bekommt den Rang verliehen. Es ist ein bisschen wie ein Online-Game zu spielen, zum Beispiel "World of Warcraft". Man folgt Anweisungen wie: "Findet dieses Video, findet meinen Kommentar darunter und dann Daumen nach oben." Ich hab bei solchen Aktionen mitgemacht. Ich saß da stundenlang und likte, klickte, postete irgendwelchen Mist und schaltete ein bisschen ab. 

Es ist ein bisschen wie ein Online-Game zu spielen, zum Beispiel World of Warcraft.
Hans, Undercover-Troll

Gibt es noch mehr Mechanismen, mit denen die Trolle die Community zusammenhalten?

Es gibt diesen Ausspruch von Nikolai Alexander, dem Gründer des Servers: "Wir wollen, dass das euer zweites Wohnzimmer wird, euer neues Facebook, euer neues Skype." Gerade in der Anfangszeit hat das sehr gut geklappt. Du hättest den ganzen Tag auf diesem Discord-Server rumhängen, mit denen schreiben und reden können. Man braucht in dieser rechten Blase eigentlich kein Facebook mehr. 

Das hierarchische System von "Reconquista Germanica": So können die Mitglieder aufsteigen.(Bild: FUNK)

Kurz nach Veröffentlichung eurer Dokumentation hat Jan Böhmermann in seinem "Neo Magazin Royale" das Thema aufgegriffen und erweitert. Was hältst du von seiner Gegen-Aktion "Reconquista Internet"?

Die finde ich sehr gut. Tatsächlich hatten wir eine ähnliche Idee während der Recherche. Wir sind aber nicht Jan Böhmermann. Uns laufen nicht Zehntausende Menschen nach. Ich finde es gut, wie bedacht die Moderatoren und Böhmermann selbst – ich nehme an, dass einer der Accounts zu ihm gehört – darauf sind, dass es sehr demokratisch zugeht. 

Gut fand ich auch die Aktion, bei der die "Reconquista Internet"-Aktivisten eine Liste mit rechten Troll-Accounts veröffentlicht haben. Die war am ersten Mai für fünf Minuten online. Da wurde gesagt: Wir stellen euch diese Information zur Verfügung, ihr könnt damit machen, was ihr wollt. Ihr könnt sie einfach blockieren, wenn ihr keinen Bock auf Nazitrolle in eurer Timeline habt. Das ist ein netter Service, finde ich.

Ihr könnt sie einfach blockieren, wenn ihr keinen Bock auf Nazitrolle in eurer Timeline habt.
Hans, Undercover-Troll

Die Aktion war auch nicht ganz unumstritten, was hältst du denn von Lovetrolling? Also Hasskommentaren mit netten Kommentaren zu begegnen?

Ich halte das nicht für die Lösung des Problems. Aber es ist ein Anfang und besser, als alles einfach so stehen zu lassen. Ich stimme da mit Böhmermann überein, wenn er sagt: "Wir sind die, die denen, die uns den Spaß am Internet verderben, den Spaß am Internet verderben." Allein, indem man diese Twitteraccounts zusammenfasst und die Möglichkeit eröffnet, sie zu blockieren, wenn man damit nichts zu tun haben will. Oder sie mit Liebe zuzuspammen. 

Das ist ein wichtiger Punkt. Es macht den Trollen einfach Spaß, Leute mit rassistischen Memes zu provozieren und zu sehen, wie die AfD quasi synchron in den Umfragen steigt. Das ist ein Erfolgserlebnis, das man ihnen verderben muss. Dass das zunächst mit Gegengebrüll geschieht, ist eher ein vorübergehender Schritt.

Wie könnte denn eine langfristige Lösung aussehen?

Gute Frage. Es muss von den Plattformen selbst kommen. Rassistische Sachen müssen gelöscht werden. So blöd das NetzDG ist, das auf einmal Plattformen wie Facebook Aufgaben in die Hände drückt, die eigentlich die des Staates sein sollten. Ich glaube, es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber in diese Richtung muss es gehen, wenn man einen vernünftigen Diskurs im Internet dauerhaft ermöglichen will. Auch wenn ich jetzt schon wieder die Kritik von rechts höre, dass das ja nur noch mehr "Zensur" bedeuten würde.

Was ist das NetzDG?

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz NetzDG, ist seit Juni 2017 in Kraft. Es soll die Betreiber von sozialen Medien stärker in die Verantwortung zwingen, Hassreden zu löschen und Beschwerden ernst zu nehmen. So müssen sie beispielsweise ein transparentes Verfahren für Beschwerden einrichten und offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden löschen. Das NetzDG steht von verschiedenen Organisationen und Journalisten in der Kritik, weil es staatliche Aufgaben an private Unternehmen abgibt.


Today

Auf der Party nicht eingeladen? Rihanna hat die richtige Antwort
"Nein" lautet sie nicht.

Es gibt wohl kaum einen unangenehmeren Moment als folgenden: Alle sprechen von der krassen Party, die XY nächstes Wochenende schmeißt, man steht daneben mit einem Fragezeichen im Gesicht und muss sich folgenden Satz anhören: "Hä, bist du gar nicht eingeladen?" Zwangsläufig lautet dann die wahrheitsgemäße Antwort: "Nein". 

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