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Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Wahrscheinlich kennt jeder Mensch mit tiefen politischen Überzeugungen dieses Gefühl: Das können "die anderen" unmöglich ernst meinen! Verstehen die nicht, was sie da sagen? Sind sie vielleicht einfach zu dumm, um es zu checken? 

Das linksgerichtete Lager gibt sich gern intellektuell, das konservative hält sich dagegen für "realistisch" und "bodenständig". 

Das sind die Vorurteile gegenüber Rechten und Linken. 

Sind das nur arrogante Thesen – oder ist da wirklich etwas dran? 

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Im ersten Teil beleuchten wir die eine Seite der Medaille: Die Intelligenz.

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Was sagen Studien und Forschung zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Einstellung?


Das zeigt die Forschung

  • In einer britischen Langzeitstudie wurden 6000 Menschen begleitet, die 1970 geboren wurden. Die 2008 veröffentlichen Ergebnisse zeigen: Wer später im Leben grün wählte, hatte als Kind im Schnitt einen IQ von 108. Bei Konservativen waren es 104, bei Labour-Wählern 103. Wer nicht gewählt hat oder sich für eine rechtsextreme Partei entschied, dessen IQ lag als Kind bei unter 100. (Süddeutsche Zeitung)
  • 2010 wurde eine Studie veröffentlicht, für die Forscher Befragungen von 14.000 Jugendlichen aus den USA ausgewertet haben. Teilnehmer, die sich als "very liberal" bezeichneten – was bei uns linksliberal oder links wäre –, kamen auf einen IQ von durchschnittlich 106. Die Gruppe der nach eigener Aussage sehr konservativen Jugendlichen kam auf einen mittleren IQ von 95. Auch die Religion spielte in der Studie eine Rolle: Strenggläubige hatten einen Durchschnitts-IQ von 97. Auf 103 kamen die Befragten, die sich als nichtreligiös bezeichneten. (SPIEGEL ONLINE)
  • Bei einer Meta-Analyse von 67 Studien zum Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und rechtsgerichteten Einstellungen kam 2015 heraus, dass es eine sogenannte negative Korrelation zwischen den beiden Faktoren gibt. Der Wert ist mit 0.2 zwar niedrig, aber erkennbar. Das bedeutet: Die Forscher gehen davon aus, dass zumindest ein kleiner Teil rechtsgerichteter Einstellungen mit geringerer Intelligenz zusammenhängen. (Online Library)
  • Nicht nur Intelligenz spielt eine Rolle – auch Persönlichkeitsmerkmale entscheiden, was wir wählen. Eine Studie von 2012 zeigt: Wer offen für neue Erfahrungen ist, ist eher liberal eingestellt. Personen mit hohem Pflichtbewusstsein zählen eher zu Konservativen. Wieder waren die Korrelationen schwach, aber für die Forscher aussagekräftig genug. Übrigens zeigte sich auch, dass neurotische Personen eher liberal eingestellt waren. (Journal of Research in Personality)

Was bedeutet das jetzt?

Natürlich wäre es sehr einfach, mit diesen Ergebnissen das Vorurteil zu bestätigen. Wir haben mit einem Experten darüber gesprochen, wie man die Studien einordnen kann: Prof. Dr. Tobias Rothmund forscht an der Uni Koblenz-Landau zum Thema politische Psychologie.

"Es gibt eine lange Forschungstradition zum Thema Konservatismus", sagt Rothmund. "Das hat möglicherweise auch mit der Perspektive der Forscher zu tun – viele sind in einem klassischen Links-Rechts-Spektrum eher links angesiedelt." Sie kommen also von der anderen Seite und unterstellen, dass der Konservative der Wählertyp ist, den man erklären muss, weil er von den eigenen Ansichten abweicht.

"Es wurde relativ gut untersucht, dass es Unterschiede gibt: Vor allem im kognitiven Stil, also der Art und Weise wie Informationen verarbeitet werden", sagt Rothmund. Damit ist nicht die intellektuelle Kompetenz gemeint, sondern die Lust daran, sich mit Themen kritisch auseinanderzusetzen. 

Studien zeigen, dass Konservative weniger motiviert sind, Erklärungen zu hinterfragen.
Prof. Dr. Tobias Rothmund

Das nennt sich Tendenz zur kognitiven Geschlossenheit. Es geht darum, möglichst einfache Antworten für komplexe Fragen zu finden.

Kann man denn erklären, warum man dieses Verhalten eher bei Konservativen findet? "Ein solcher Zusammenhang kann sehr viele unterschiedliche Gründe haben kann. Die genauen Ursachen sind bislang nicht bekannt." 

  • Eine These: Menschen mit linken Einstellungen seien tendenziell neugieriger und offener für neue Erfahrungen als Menschen mit konservativen Ansichten. "Möglicherweise führt dies dazu, dass sie lieber und leichter Neues lernen und dadurch ihre kognitiven Fähigkeiten eher erweitern können", vermutet Rothmund.
  • Eine andere These: Intelligente Menschen passen sich gerne den sozialen Gegebenheiten an, weil sie das erfolgreicher machen könnte. "In modernen Gesellschaften herrscht oft eine leicht liberale Haltung vor, es könnte also sein, dass intelligente Menschen liberale Ansichten vertreten, weil es sozial erwünscht ist."

Was dem Experten zufolge aber deutlich wird: "Menschen mit linken Einstellungen hinterfragen und reflektieren Traditionen und althergebrachte Erklärungen eher." Sie sind also eher bereit für neue Erfahrungen, Gesetze und Politikstile – und wollen nicht, wie viele Konservative, um jeden Preis das Alte bewahren. Auch wenn es einfacher wäre.

Stimmt das Vorurteil also?

Jain. Denn die Studien könnten in die Richtung deuten. Sie könnten aber auch auf einen Bias in der Forschung hinweisen – oder ein Zeichen für das sein, was gerade gesellschaftlich aktzeptiert ist. 

Beide Aspekte sind wertvolle Hinweise darauf, wie man das Vorurteil hinterfragen kann. Denn eine Sache ist sicher: Intelligenz, besonders die, die in Tests gemessen werden kann, ist nicht alles, was einen Menschen ausmacht. Und in jedem Fall brauchen Linke und Konservative vernünftige Arten, mit einander zu reden und sich ernst zu nehmen. 

In unserer nächsten Folge widmen wir uns deshalb der Frage: 

Sind Linke wirklich zu naiv?




Gerechtigkeit

4 "Argumente" von Gender-Gegnern – und warum sie totaler Quatsch sind
Wir brauchen endlich eine gendergerechte Sprache!

Mal ist es ein kleines Sternchen, mal ein großgeschriebenes I, ein Unter- oder Schrägstrich mitten im Wort. Mal ist es ein x am Ende, mal wird ein Wort doppelt genannt, mit unterschiedlichen Endungen: Es gibt viele Möglichkeiten, in der Sprache auf das Vorhandensein von Menschen hinzuweisen, die keine Männer sind. Trotzdem entscheiden sich noch immer viele dagegen. Die weibliche oder neutrale Variante störe den Lesefluss, heißt es und es wisse doch jeder, dass bei der männlichen Form Frauen "mitgemeint" sind.

Ich finde: Beides ist weder wahr noch hilfreich für die Gleichstellung der Geschlechter.

Am Freitag traf sich die höchste Autorität in Sachen deutscher Sprache in Passau, der Rat für deutsche Rechtschreibung. Das sind die Leute, die sich Rechtschreibreformen überlegen und staatlichen Institutionen Empfehlungen zur korrekten Verwendung von Grammatik und einzelnen Begriffen geben. Eine Arbeitsgruppe des Rates hatte zuvor analysiert, wie im deutschsprachigen Raum überhaupt gegendert wird. Es wurde erwartet, dass der Rat nun eine klare Empfehlung zum Gendern ausspricht – selbst die Leiterin der Duden-Redaktion hoffte darauf. (SPIEGEL ONLINE)

Doch der Rat teilte stattdessen mit: Die Entscheidung wird vertagt. Man wolle erst mal sehen, wie die Genderformen in der Alltagssprache überhaupt verwendet würden. (Tagesspiegel)

Ganz ehrlich? Damit haben sie die Chance auf Fortschritt verpasst, denn es gibt kein einziges gutes Argument gegen das Verwenden von gendergerechter Sprache. 

Hier sind die meistgenannten Sätze von Gendergegnerinnen und -gegnern und die Antworten darauf: 

1 "Das machen wir doch schon immer so."

Nein. Das sogenannte Generische Maskulinum – also die alleinige Verwendung der männlichen Form für alle – gibt es in seiner heutigen Form erst seit dem 19. Jahrhundert. Bis dahin waren mit den meisten Bezeichnungen wie "Bürger", "Pfarrer" oder "Richter" tatsächlich nur Männer gemeint. Frauen gab es in den meisten dieser Positionen nicht, also mussten sie auch nicht benannt werden. Das Problem entstand erst, als Frauen immer mehr Rechte erstritten. (SZ)

Vor genau 100 Jahren beispielsweise erkämpften Frauen das Wahlrecht – und plötzlich waren sie beim Wort "Wähler" mitgemeint, weil sich offenbar niemand die Mühe machte, das Wort "Wählerinnen" zu verwenden. Knapp hundert Jahre später hatte sich sprachlich noch immer nicht viel getan. "Selbst 2005 nach der Wahl von Angela Merkel hat man sich gefragt, ob man sie nicht lieber weiterhin 'Kanzler' nennen sollte", sagte Sprachforscher Anatol Stefanowitsch in einem Interview mit der SZ, "inzwischen kommt uns der Ausdruck Kanzlerin normal vor".

2 Na gut, aber "Frauen sind doch trotzdem mitgemeint".

Frauen sollen mit einem Drittel der Plätze im Bundestag zufrieden sein. Sie sollen sich nicht darüber aufregen, dass sie in Deutschland im Schnitt 21 Prozent weniger Gehalt für dieselbe Arbeit bekommen als Männer. Und Frauen sollen sich bitte einfach mitgemeint fühlen, wenn nur von Männern die Rede ist. 

Nun gut, nehmen wir einfach mal an, der oder die Schreibende meint es nicht böse und verwendet einfach nur die gewohnte Form, schreibt von "Schülern" oder von "Abgeordneten". Nichts für ungut. 

Doch leider weiß man aus der Sprachforschung, dass zu jeder Kommunikation sowohl eine sendende als auch eine empfangende Person gehört. Selbst wenn erstere Frauen mitmeint, entsteht im Gehirn von letzterer ein Bild von Männern. Das zeigen zahlreiche Studien: Werden Menschen nach ihren Lieblingssportlern gefragt, schreiben sie deutlich mehr Männer auf, als wenn sie nach ihren Lieblingssportlerinnen und -sportlern gefragt werden (Journal of Language and Social Psychology).

Damit Frauen und andere Geschlechter nicht nur mitgemeint, sondern auch mitgedacht werden, müssen sie sprachlich auch tatsächlich vorkommen. 

3 "Sprache ist doch nicht wichtig. Warum kümmert man sich nicht lieber um die echten Probleme von Gleichsstellung, wie Diskriminierung im Arbeitsmarkt?"

Das sollte man auf jeden Fall tun! Aber beide Themen schließen sich nicht aus, sondern sind unterschiedliche Symptome des selben Problems: Lange Zeit waren nur Männer in wichtigen Positionen – das zeigt sich sowohl in gesellschaftlichen Strukturen als auch in der Sprache.

Veränderung fängt immer in den Köpfen an. Wenn alle Geschlechter sprachlich mitgedacht und nicht nur mitgemeint werden, zementiert sich in den Köpfen, dass sie tatsächlich dazu gehören. Dann sind auch "echte" Ziele wie eine bessere Mischung in traditionellen Männer- und Frauenberufen erreichbarer.

Das zeigt auch eine Studie zu den Berufswünschen von Kindern: Ging es um Ärzte und Ärztinnen oder um Astronauten und Astronautinnen, dann trauten sich Mädchen eher zu, den Beruf selbst zu erlernen (Tagesspiegel). Eine andere Studie zeigt, dass es Menschen verwirrt, wenn erst von "Handwerkern" die Rede ist und im Satz darauf eine von ihnen als Frau erkennbar wird. (Stuttgarter Zeitung). 

4 "Einen gegenderten Text kann man doch gar nicht mehr lesen!"

Natürlich werden vielen Menschen beim Lesen zunächst über Gender-Varianten stolpern. Das Generische Maskulinum wird schließlich seit mehr als hundert Jahren verwendet. Aber das kann keine Ausrede sein, für immer an Formulierungen festzuhalten, die manche Gruppen einfach ausschließt. Schließlich haben wir es auch in anderen Bereichen geschafft, uns von diskriminierender Sprache zu verabschieden, die früher als normal galt.

Außerdem gibt es aktuell sehr viele Varianten: Wer das Binnen-I gewöhnt ist, dem fällt beim Lesen eines Textes vermutlich das Sternchen mehr auf als Menschen, die dieses regelmäßig sehen. Daher hätte es wirklich geholfen, wenn sich der Rat der deutschen Rechtschreibung zu einer Empfehlung durchgerungen hätte. Damit wir alle uns daran gewöhnen, dass es noch andere Menschen gibt als Männer und ein weiterer Schritt zu mehr Gleichstellung gemacht wird. 

Manchmal zählen Worte nämlich genauso viel wie Taten.