Bild: Thomas Vonier
In Australien will sich Siemens am Bau einer Kohlemine beteiligen. Murrawah Johnson wirft dem Konzern deshalb die Missachtung indigener Landnutzungsrechte vor.

Noch bevor die Siemens-Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle am Mittwochmorgen begann, waren "Fridays for Future" und andere Umweltgruppen bereits da: Mit einer Menschenkette protestierten sie gegen die Beteiligung des Konzerns an einer Kohlemine in Australien, an der Siemens-Chef Joe Kaeser nach wie vor festhalten möchte. Für die Proteste zeigte er in einer Ansprache an die Aktionärinnen und Aktionäre kein Verständnis (SPIEGEL).

Doch auch in der Olympiahalle muss er sich kritische Stimmen anhören: Murrawah Johnson ist aus Australien angereist und darf bei der Hauptversammlung sprechen – die Vereinigung der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre hat ihr das Rededrecht übertragen. 

Die 25-Jährige ist Sprecherin des "Wangan und Jagalingou Family Council" – einem Familienrat der indigenen Volksgruppe, die dort beheimatet ist, wo der indische Adani-Konzern die Kohlemine bauen will. Insgesamt erheben die Wangan und Jagalingou Anspruch auf Land in der Größe von Belgien im Bundesstaat Queensland (ABC). 

Murrawah sagt: Eine Zustimmung ihres Volks zur Landnutzung für das Projekt habe es nie gegeben. 

bento: Murrawah, weshalb bist du in München und was wirst du den Siemens-Aktionären sagen?

Murrawah Johnson: Ich bin nach München gereist, um mein Volk und meinen Familienrat der Wangan und Jagalingou zu vertreten. Denn wir, das indigene Volk, auf dessen Territorium Adani die weltweit größte neue Kohlemine bauen will, haben diesem Projekt mehrfach widersprochen. Es gibt keine indigene Zustimmung dafür, und in Anbetracht des Klimawandels leben wir in einer Zeit, in der wir uns die Eröffnung neuer Kohleminen einfach nicht leisten können. 

Wenn diese Mine gebaut wird, verlieren wir als Volk einen Bezugspunkt. Wir verlieren einen Ort, der uns zeigt, wer wir als Volk sind, was unsere traditionellen Bräuche sind, was unsere Kultur ist, und was unsere Sprache ist. Wenn sie unser Land zerstören, dann zerstören sie uns als Volk. 

bento: Siemens-Chef Joe Kaeser sagte in einem Statement aber, dass das Volk der Wangan und Jagalingou der Mine zugestimmt hat.

Murrawah: Diese Zustimmung zur Landnutzung ist fabriziert und wurde von der Landesregierung und Adani inszeniert: Wir hatten davor bereits dreimal gegen die Landnutzung gestimmt, was jedoch nicht respektiert wurde. In Australien ist es so: Wenn die indigene Bevölkerung nicht so entscheidet, wie es die Regierung und die Kohlelobby will, dann wird versucht, diese Entscheidungen zu untergraben.

bento: Gibt es in diesem Fall dafür Belege?

Murrawah: Adani hat die Zusammenkunft zur Abstimmung in der Nähe einer indigenen Siedlung abgehalten, hat Busse organisiert und Aborigines 300 Dollar gezahlt, um an dem Treffen teilzunehmen und dem Projekt zuzustimmen. Viele davon hatten sich aber nie zuvor als Angehörige der Wangan und Jagalingou identifiziert. (SBS)

Aborigines sind am Ende der sozialen Leiter in Australien. Es ist nicht leicht, systematisch verarmten Leuten zu sagen, dass sie kein Geld annehmen sollen. Adani hat sich im Grunde ein Volk gemietet, das nicht mit unserer Nation und unserem angestammten Land verbunden ist und sich damit über unsere vorherigen Entscheidungen hinweggesetzt. Und anscheinend ist nur diese Entscheidung legitim.

bento: Was ist nun euer Vorwurf an Siemens?

Murrawah: In seinem Statement hat Joe Kaeser gesagt, dass die Zustimmung der Wangan und Jagalingou ihm sehr wichtig sei. Wenn ihm diese tatsächlich wichtig wäre, hätte er aber mit uns gesprochen, er hätte mit jemandem gesprochen, der vom Bau dieser Kohlemine betroffen sein wird.

bento: Tatsächlich spielt Siemens ja nur eine kleine Rolle beim Bau der Mine – es geht nur um Signaltechnik. Wäre die australische Regierung nicht der richtige Adressat für eure Wut?

Murrawah: Es geht hier um ein gigantisches Projekt, 50 Kilometer lang und mit sechs Tagebauen (SRF). Mit der Signaltechnik für die Bahnlinie würde Siemens die Eröffnung der Kohlemine unterstützen. Das darf nicht passieren! Denn eine funktionierende Bahnlinie ist essentiell für den Abbau der Kohle. 

Wenn Adani mit dem Projekt erfolgreich sein wird und es die Zugverbindung erst einmal gibt, könnten außerdem weitere Minen in der Gegend entstehen – was zu noch mehr Zerstörung unseres Landes führen würde, ganz abgesehen von der irreparablen Zerstörung des Klimas.

bento: Als Argument für den Bau der Mine werden immer wieder Jobs vorgebracht. Die Arbeitslosigkeit in Queensland, wo sie gebaut werden soll, ist hoch, insbesondere in der indigenen Bevölkerung.

Murrawah: Es wird immer behauptet, dass der einzige Weg aus der systematischen Armut der Aborigines die Kohleindustrie ist. Dass unsere Rettung im Abbau von Rohstoffen liegt, und dass wir nicht in der Lage sind, etwas anderes zu tun, als Kohle abzubauen. Damit wird auch unsere Intelligenz beleidigt, denn die Jobs, die uns versprochen werden sind einfachste Einsteigerjobs, ohne Aufstiegschancen und mit niedrigem Gehalt. 

Dazu kommt, dass es überhaupt nicht so viele Jobs geben wird, wie versprochen. Vor fünf Jahren waren es noch 10.000, vor einem Jahr nur noch 1000 und heute kann niemand mehr sagen, wie viele es wirklich sein werden. (Guardian)

bento: Was erwartest du von deinem Besuch bei Siemens?

Murrawah: Ich bin diesen ganzen Weg gekommen, da sollte Joe Kaeser zumindest den Anstand besitzen, mit einer Angehörigen der Wangan und Jagalingou zu reden, die vom Bau der Mine direkt betroffen sein wird. Es gab nach internationalen Standards keine freie Zustimmung der indigenen Bevölkerung – für uns hat er deshalb die Verpflichtung, dieses Projekt zu stoppen, bis zu dem Zeitpunkt, dass er in einen Dialog mit uns getreten ist und auch die Auswirkungen seines Handelns als Siemens-Chef versteht. 

Mit seiner Äußerung, es gebe doch Zustimmung, nutzt er die Tatsache aus, dass die australische Gesetzgebung die indigene Bevölkerung diskriminiert und internationalen Standards nicht genügt. 

bento: Wie siehst du eure Chancen?

Murrawah: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es auch anders geht: 2015 trafen wir und Greenpeace uns mit Vertreten von großen Banken und Geldgebern, um ihnen zu sagen, dass es keine Zustimmung für das Projekt gibt und sie deshalb kein Geld geben sollten. Unser größter Sieg dabei war, dass die eine britische Bank anschließend öffentlich verkündete, nicht länger Teil der Mine zu sein – obwohl sie bereits einen Vertrag unterschrieben und Geld gegeben hatten. (Guardian


Fühlen

"Ich habe ein Jahr lang niemanden berührt": Was die Krätze mit Betroffenen macht
Die Hautkrankheit kann auch psychisch zur Belastung werden.

"Ich habe alle Dating-Apps von meinem Smartphone gelöscht, weil ich wusste, dass ich mich mit niemandem treffen kann", erzählt Max*, 28. Ein Jahr lang blieb Max allein – denn ein Jahr lang war er krank. Er hatte die Krätze.

Krätze – allein das Wort löst bei vielen Menschen Ekel aus. Immerhin benennt Harry Potters Freund Ron seine schäbige Ratte nicht umsonst nach der Krankheit. Und wir kriegen sprichwörtlich die Krätze, wenn uns etwas zuwider ist oder wir uns über etwas ärgern. 

Doch Krätze existiert nicht nur in Büchern. Tatsächlich ist die Hauterkrankung in Deutschland wieder besonders aktiv. Und sie hat nicht nur körperlich unangenehme Auswirkungen. 

Für Menschen wie Max kann die Krätze auch zur psychischen Belastung werden.

Die Krätze, auch Skabies genannt, wird durch eine Milbe ausgelöst. Die Parasiten sind mit dem bloßen Auge nur schwer zu sehen. Einmal eingefangen, paaren sie sich auf der Hautoberfläche. Anschließend sterben die männlichen Milben, während die Weibchen Gänge in die obere Hautschicht graben und dort Eier legen und Kot ausscheiden. Dieser Vorgang verursacht eine allergische Reaktion, die, vor allem bei Wärme, zu starkem Juckreiz führt. Besonders schlimm ist das Jucken oft nachts.

Übertragen wird die Krankheit vor allem durch längeren Körperkontakt. Bei einem Begrüßungskuss oder einer kurzen Umarmung gibt es also kein Risiko, beim Sex allerdings schon. So war es wahrscheinlich auch bei Max: "Ich glaube, ich habe mich beim Sex im Urlaub angesteckt," erzählt er. Für ihn der Beginn eines langen Leidenswegs.

"Insgesamt hatte ich die Krätze ein Jahr, ich bin sie einfach nicht losgeworden. Irgendwann habe ich meinen besten Freund angesteckt. Danach hatte ich ständig Angst, noch jemanden zu infizieren. Deshalb habe ich versucht, niemanden anzufassen und so wenig Körperkontakt wie möglich zu haben. Ich habe ein Jahr niemanden gedatet und, abgesehen von einem Ausrutscher, mit niemandem geschlafen."

Über Apps neue Leute kennenzulernen, sich mit ihnen zu treffen und auch intim zu werden, gehört für viele junge Menschen zum Alltag. Daran, dass man sich mit einer hartnäckigen Hautentzündung infizieren könnte, denken allerdings wohl die wenigsten von ihnen. Im Gegensatz zu sexuell übertragbaren Krankheiten wie Chlamydien oder Syphilis schützen auch Kondome nicht vor den Milben. Und: Die Krankheit macht sich zwar erst nach zwei bis fünf Wochen bemerkbar, aber kann schon übertragen werden, bevor jemand Symptome hat. Dating kann also ein Risikofaktor sein.