Nathan Thanki war 2011 zum ersten Mal dabei. Werden junge Leute heute anders wahrgenommen? Ein Gespräch.

In Madrid treffen sich seit vergangener Woche Diplomaten aus aller Welt, um über Lösungen für die Klimakrise zu beraten – während draußen Tausende junge Menschen die teilnehmenden Regierung zum Handeln auffordern. Ihre Hoffnungen, dass es beim 25. Weltklimagipfel zum Durchbruch kommt, sind klein.

Nathan Thanki (29) besuchte bereits 2011 als Mitglied einer UN-Jugendorganisation die Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban. Heute, acht Jahre später, ist er auch in Madrid vor Ort. 

Hat sich der Einfluss der Jugend in der Klimadebatte verändert? Welche Hoffnungen setzt er noch in die Klimapolitik? Darüber haben wir mit Nathan gesprochen. 

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Wie bist du zu deiner ersten Klimakonferenz gekommen?

Nathan Thanki: Ich hatte mich im Rahmen meines Studiums ein paar Monate lang mit dem Verhandlungsprozess bei der Weltklimakonferenz beschäftigt. Ich hatte den Eindruck, dass radikaler Aktivismus dort weitestgehend unbeachtet blieb. Die große Mehrheit hatte nicht sehr hochgesteckte Ziele – und für globale Gerechtigkeit hat sich kaum jemand interessiert. 

bento: Mit welchen Hoffnungen bist du damals zu den Konferenzen gegangen?

Nathan: Ich glaube nicht, dass ich große Hoffnungen hatte – ich hatte mich ja schon damit beschäftigt und wusste um das Machtverhältnis zwischen den Staaten. Wir hatten eine Ahnung davon, was die Agenda dort sein würde und die Agenda hat sich seitdem nicht verändert: Die reichen Länder entziehen sich ihrer Verantwortung.

bento: Wie ist man jungen Aktivisten dort begegnet?

Nathan: Zunächst muss man sagen, dass viele Menschen Teil des UN-Sekretariats gute Absichten haben. Aber die Haltung, mit der uns begegnet wurde, hing sehr von unseren politischen Botschaften ab: Wir waren weit weniger willkommen, wenn unsere Forderungen radikal waren. Wer dagegen eher im Einklang mit den mächtigen Nationen war, wurde mit offenen Armen empfangen und mit Freude als junge Stimme präsentiert.

bento: Wie hat sich das zum Beispiel geäußert?

Nathan: 2013 hat die UN-Jugendorganisation YouNGO einen Brief an Christiana Figueres geschrieben, die damalige Generalsekretärin der UN-Klimarahmenkonvention. Darin haben wir sie aufgefordert, nicht am Kohlegipfel teilzunehmen. Für uns gab es keinen Grund, zum Kohlegipfel zu gehen, außer um zu sagen, dass wir aus der Kohle rausmüssen. Sie ging trotzdem hin – und wir luden sie deshalb von unserer Jugendkonferenz aus. Darüber war sie sehr verärgert und das hat sie auch auf Twitter geäußert. 

bento: Nun bist du erneut auf der Weltklimakonferenz. Hat sich etwas daran geändert, wie die Jugend wahrgenommen wird?

Nathan: Nicht viel. Ich glaube nur, dass die Aufmerksamkeit dank Greta Thunberg und den Schulstreiks größer geworden ist. Das ist auch den Veranstaltern der Konferenz klar und sie wollen diese Aufmerksamkeit auch nutzen. 

Aber wenn es darum geht, die jungen Menschen ernst zu nehmen, ist es so ähnlich wie vor acht Jahren, als ich anfing, an diesen Diskussionen teilzunehmen. Im Grunde ist das nur eine Show. Sie geben dir eine Bühne und all die Aufmerksamkeit, bedanken sich für dein Kommen und sagen, wie wichtig deine Stimme sei – aber sie respektieren deine Forderungen nicht. Das ist eine seltsame kognitive Dissonanz, die aber, glaube ich, den Aktivistinnen und Aktivisten sehr bewusst ist.

bento: Wenn diese Arbeit so frustrierend ist – warum bist du dann trotzdem vor Ort? 

Nathan: Der Klimawandel ist ein globales Problem, das globale Lösungen benötigt. Der Prozess der internationalen Kooperation ist unfassbar frustrierend, aber das liegt nicht am Prozess selbst, sondern an bestimmten Akteuren, die keine guten Absichten haben – seien es von persönlichen Interessen getriebene Unternehmen oder Staaten an sich.

Letztendlich geht es ja um die Frage: Warum machen wir überhaupt Politik? Weil wir glauben, dass wir etwas ändern müssen und dass es etwas gibt, um das es zu kämpfen gilt. Das muss nicht immer heißen, dass wir glauben, den Kampf gewinnen zu können. Manchmal muss man es einfach versuchen, auch wenn die Chancen schlecht stehen. Und manchmal geht es auch einfach darum, gefährliche Ideen, die hier vorgeschlagen werden, zu verhindern – Schadensbegrenzung gewissermaßen.

bento: Glaubst du, dass die junge Klimabewegung wirklich etwas verändern kann?

Nathan: Sie haben bereits die Art, wie über den Klimawandel berichtet wird, zu einem gewissen Grad verändert. Das hatte bereits Auswirkungen auf die Rhetorik in den Gesprächen, aber noch nicht in den Ergebnissen. Das sehe ich allerdings nicht als Schwäche dieser Klimabewegung. Es wäre unrealistisch, das in so kurzer Zeit zu erwarten. 

Sie mobilisieren und politisieren viele Menschen und ich habe den Eindruck, dass viele von ihnen ihr ganzes Leben dem Klimaschutz verschreiben werden. Ich bewundere diese Generation dafür. Und ich habe die Hoffnung, dass sie es wirklich schaffen, die Bewegung zu einer globalen Gerechtigkeitsbewegung zu machen.


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