Bild: Unsplash/Mitchel Lensink

Heute Abend, nur falls es irgendwer verpasst haben sollte, gibt es Sekt, Feuerwerk und das "Ende von Gleichberechtigung, Freizügigkeit und Selbstbestimmtheit". Das glaubt zumindest der durchaus kontroverse und konservative Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Warum? 

Weil auf der Silvesterparty am Brandenburger Tor in Berlin ein Schild aufgestellt wurde. "Women’s Safety Area" soll darauf stehen, also "Frauensicherheitszone". Das Schild ist aber das einzige, was sich im Vergleich zum Vorjahr geändert hat – es verweist nämlich auf ein Zelt vom Deutschen Roten Kreuz, das dort immer steht. Und in dem man sich, wie jedes Jahr, behandeln lassen kann, wenn man einen auf die Nase gekriegt hat. Oder, klar, Hilfe suchen, wenn man bedrängt wurde. Denn wie jedes Jahr wartet dort auch psychologisch geschultes Personal. (Alle Hintergründe hier bei bento)

Nun hat so ein Schild, besonders auf Englisch, eine Menge Vorteile: 

Es ist ein Hinweis für Frauen in Not, also für Menschen, die einen solchen Hinweis gerade in diesem Moment vielleicht gut gebrauchen können. Es macht Besucherinnen, die Deutschland nicht so gut kennen, klar, wohin sie sich wenden können – so ähnlich wie auch auf dem Oktoberfest seit 2003.

Es kann aber auch eine Menge Nachteile haben. Dann nämlich, wenn es missbraucht wird, um Stimmung zu machen. Wenn Menschen wie Alice Weidel (AfD) davon sprechen, dass der deutsche Staat kapituliert habe vor "Übergriffen von Migranten“ und wenn die Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg, Antonia Niecke, schreibt, Sicherheit für Frauen müsse überall gewährleistet werden, nicht nur in speziellen Zonen.

Dann entstehen zwei Eindrücke: Einmal, der Staat könne seine Bürger nicht vor "unzähligen Migranten" schützen. Spätestens seit der Silvesternacht von Köln 2015 sitzt diese Angst in den Köpfen vieler Menschen fest, und auch wenn seither nichts Vergleichbares passiert ist, bleibt die Sorge bestehen. Das nutzen Leute wie Weidel politisch, sie schüren Ressentiments und positionieren sich weiter gegen Flüchtlinge und Einwanderer, das ist das immer wieder gern gespielte Spiel des Jahres 2017: traurig aber nicht neu.

Vor allem wird aber einmal mehr suggeriert, Frauen seien nicht nur nicht sicher, nein, sie bräuchten ganze eigene Zonen mit Wachpersonal, um geschützt zu werden. Was nicht stimmt. Nach wie vor: 

Es geht um ein Schild. Nicht um ein "Gehege".

Und das ist ein verdammt wichtiger Unterschied. Denn in einer Welt, in der Frauen glauben, es bräuchte ein Gehege, um sie zu schützen, fühlen sie sich deutlich weniger sicher. Wer hat schon Lust, rauszugehen, frei zu sein, sich auf Menschen und Begegnungen einzulassen, wenn immer das Gefühl mitschwingt, es sei gefährlich, was man da macht? 

Dabei geht es mir nicht darum, die Realität zu verleugnen: Ja, Frauen werden Opfer von sexuellen Übergriffen. Die meisten kennen den Täter zwar, aber manchmal ist es wirklich der unbekannte Angreifer, vor dem wir Schutz suchen müssen. Die Sache ist nur die: Das ist eine von vielen Gefahren in unserer Welt. Indem wir uns allein auf sie konzentrieren, besteht die Gefahr, dass wir uns selbst einsperren: in ein Gehege aus Angst.

Ich merke das unter anderem jedes Mal, wenn ich von meinen Reisen spreche – von langen Reisen an merkwürdige Orte, die ich als Frau allein mache. Noch immer ist eine der häufigsten Fragen, ob das nicht sehr gefährlich sei, so als Frau

Ich spreche also von den Verlockungen der Welt – und meinem Gegenüber fallen dazu als erstes ihre Abgründe ein.

So etwas beeinflusst, wie man sich durch die Welt bewegt. Und für viele Frauen bedeutet das, lieber "auf Nummer sicher" zu gehen, weil man es "ja auch nicht herausfordern müsse", also: sich zurückzunehmen und zu glauben, die Welt sei in erster Linie ein Ort, vor dem man sich in Acht nehmen muss und nicht einer, der sie einlädt.

Dabei ist beides wahr: Die Welt ist gefährlich. Und wunderbar. Aber wir bringen Männern eher bei, dass es gilt, sie zu erobern. Und Frauen, dass es gilt, sich vor ihr zu schützen. Und beide Rollen können anstrengen und nerven und sich falsch anfühlen. Auch Männer können Schutz brauchen. Und Frauen Mut. Und beides wird schwieriger, wenn ein Schild mit dem Wort "Women’s Safety Area" eine derartig überhitzte Debatte auslösen kann.

Denn in einer perfekten Welt braucht natürlich niemand eine Schutzzone, ganz egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche sexuelle Orientierung jemand hat. In einer weniger idealen Welt müssen wir uns mit solchen Problemen auseinandersetzen. Aber vielleicht könnte man Schutzzonen eher betrachten wie Krankenversicherungen – die meiste Zeit des Lebens brauchen die meisten sie nicht. Und es nutzt auch nichts, sich sein Leben lang paralysiert vor Angst vor Krankheiten im Bett zu verstecken. Aber für den Fall, dass man sie braucht, ist es gut, sie zu haben.

So ein Schild ist dann auch nicht das Ende der Emanzipation. 

Die Hysterie um das Schild hingegen ist ein Schritt in diese Richtung – in Richtung eines Angst-Geheges für Frauen.

Lass uns Freunde werden!


Wie die Welt aussähe, wenn Männer öfter wie Frauen behandelt würden? So vielleicht:


Gerechtigkeit

Wir haben uns Merkels Neujahrsansprache angeschaut, damit du es nicht musst

Die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin oder des Bundeskanzlers ist traditionell eine gute Gelegenheit, die Bürger des Landes auf das kommende Jahr einzustimmen. Alte Wunden ein bisschen zu lecken, aber nicht zu viel, es ist ja schließlich Silvester und die Hälfte der Zuschauer ist eh schon angetrunken. Ein guter Moment also, um einigermaßen optimistisch in die Zukunft zu blicken, mit klug gewählten Worten den Ton für das kommende Jahr zu setzen, ein bisschen Hoffnung zu machen.

Das hat Angela Merkel auch in diesem Jahr versucht. Naja, auf ihre Weise.