Bild: Meike Neitz
Auf einem Hochzeitsmarkt wird hart verhandelt – um Wohnung, Auto und Geld

Mitten in Shanghai, in einem Park zwischen Bürohochhäusern, bieten Eltern ihre Kinder an.

Sie sitzen hinter Regenschirmen, eine Allee von Hundert Metern. Auf den Schirmen kleben Zettel mit Größenangaben, Geburtsdaten, Telefonnummern. Manchmal ist ein Foto dabei.

Das hier ist ein Hochzeitsmarkt, hier werden Söhne und Töchter verkuppelt.

Seit drei Jahren kommt Frau Wang her, sie will ihren Vornamen nicht nennen. Jeden Samstag steht sie auf dem Markt, um einen Mann zu finden, der zu ihrer Tochter passt.

So sieht es auf dem Hochzeitsmarkt aus – zum Klicken:
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"Meine Tochter ist schon 38 Jahre alt. Das ist in China sehr alt", sagt sie. Die Tochter lege Wert auf eine gute Bildung, habe nach dem Studium viel gearbeitet – und nie jemanden kennengelernt, mit dem sie ihr Leben verbringen möchte.

"Der ideale Mann ist zwischen 1,70 und 1,74 Meter groß und hat einen gut bezahlten Job", sagt Wang. Auf ihrem Schirm-Zettel steht: Der Wunschkandidat müsse unter 40 sein, dürfe keine Scheidung hinter sich haben, seine Wohnung sollte mindestens 80 Quadratmeter groß sein.

Er solle ein Auto haben – aber keinen Gebraucht- oder Mietwagen.

Und dann stehen da noch einige Worte über die Tochter: Sie habe weiße Haut und sei gut zu ihren Eltern.
(Bild: Meike Neitz)
Männer ohne Geld, Männer mit Kindern, geschiedene Männer: Sie alle haben auf dem hart umkämpften Hochzeitsmarkt in China offenbar keine Chance.

Die Zeit vergeht schnell inmitten der Marktstraße der Lebensläufe: Langsam senkt sich die Sonne über die Dächer der Megastadt, auf dem Hochzeitsmarkt herrscht emsiger Betrieb. Die Jüngsten, die vermittelt werden sollen, sind 20 – die ältesten 45 Jahre alt.

Durch die Gassen streifen suchende Eltern. Immer wieder bleiben sie stehen, lesen sich die Beschreibung durch, kommen mit den Anbietern ins Gespräch. Wortfetzen: Was arbeitet sie? Wie viel verdient er? Welches Auto hat er?

(Bild: Meike Neitz)

Immer sollen Mann und Frau verkuppelt werden, Homosexuelle werden nicht vermittelt – und auch keine Minderjährigen: Sie müssen das offizielle Heiratsalter von 20 Jahren streng einhalten.

Wang erklärt: "Wenn die Fakten passen tauschen wir Nummern aus und machen den Kindern einen Termin für ein Blind Date, meistens Kaffeetrinken. Haben sich die beiden gut verstanden, geht es mit einem Abendessen weiter."

Meistens seien die, die sich verlieben sollen, dann allein unterwegs. "Aber manchmal sitzen auch die Eltern daneben, ganz erwartungsvoll", sagt Wang. Sie hatte konnte heute noch keine Verabredung für ihre Tochter organisieren. Ihre Nachbarin ist hinter ihrem Schirm eingeschlafen.


Wer in China Single ist, der hat deswegen oft kein unbeschwertes Leben.

Kinder werden schon früh, ab 20 und spätestens bei Ende des Studiums, von ihren Eltern unter Druck gesetzt, so schnell wie möglich heiraten zu müssen. Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder für die Zukunft abgesichert sind – dass sie dabei aber vielleicht nicht glücklich sind, nehmen sie in Kauf.

Ich will meine Eltern nicht enttäuschen
Bessie

So ist es auch bei Bessie, 25. Sie wohnt außerhalb der Stadt und hat Tourismus in der Schweiz studiert. Jetzt arbeitet sie hier in einem Hotel.

Seit sie zurück ist in China, stellen ihr die Eltern immer wieder mögliche Kandidaten vor. Zunächst wollte Bessie sich mit keinem treffen, doch nach ein paar Monaten gab sie nach und ging mit einem Mann in ihrem Alter aus. "Als gute Tochter wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen", sagt sie.

Gefunkt hat es zwischen den beiden nicht.

"Es stimmte einfach nicht", sagt Bessie. Ihre Eltern schlagen ihr weiter Männer vor. "Ich weiß ja, dass sie helfen wollen", sagt Bessie.

Doch dass die Eltern an ihr zerren, sie unbedingt vermitteln wollen, engt sie ein: "Ich versteh nicht, warum sie sich unbedingt einschalten müssen. Das gibt es in Europa doch auch nicht."

Sie hätte zwar gern einen Freund, sagt sie – aber im Gegensatz zu ihren Eltern habe sie auch das Gefühl, dass noch genug Zeit sei, einen zu finden. Ihr seien auch andere Dinge wichtig, die Karriere und die Freunde.

(Bild: Meike Neitz)

Ähnlich wie bei Bessie scheinen sich bei vielen chinesischen Frauen inzwischen die Prioritäten verschoben zu haben: Familie gleich Glück – das war mal. Die Hochzeitsrate geht seit Jahren zurück – und es werden immer weniger Kinder geboren.

Seit den Siebzigerjahren waren weniger Geburten ein Ziel der chinesischen Regierung. Mit der Ein-Kind-Politik, nach der eine Familie nur ein Kind bekommen durfte, kontrollierte sie das Bevölkerungswachstum. Immer wieder gab es Lockerungen in diesem Gesetz, bis es im vergangenen Jahr schließlich außer Kraft gesetzt wurde. Nun darf jedes Paar zwei Kinder bekommen.

Familie gleich Glück – das war mal

Aus Angst vor einer Gesellschaft, die aus viel mehr älteren als jüngeren Menschen besteht, unterstützt die Regierung in China nun das Zusammenleben von Mann und Frau: Verheiratete Paare bekommen zum Beispiel einen Zuschuss für ihre erste gemeinsame Wohnung, mehr Urlaubstage für die Hochzeitsreise, in machen Fällen sogar Bargeld.


Und auch auf dem Hochzeitsmarkt in Shanghai kämpfen Eltern dafür, ihre Kinder zu vermitteln. Herr Wu, der seinen Vornamen ebenfalls nicht nennen möchte, ist einer von ihnen.

Er steht in der ausländischen Sektion: für die Vermittlung der Töchter, die sich derzeit im Ausland aufhalten. Mit Stolz berichtet er, dass seine Tochter gerade ihren Abschluss in England macht.

Sie sei 20 Jahre alt und habe kaum Zeit, sich neben der vielen Arbeit noch um die Partnersuche zu kümmern, sagt Wu. Der Hochzeitsmarkt sei ehrlich, auf Augenhöhe.

Ich möchte sie nicht zwingen
Wu

Deswegen bemühe er sich hier um einen Mann für sie. "Ich möchte sie zu nichts zwingen", sagt er. "Aber ein wenig Unterstützung schadet eben auch nicht." Es gehe eben um seinen sorglosen und finanziell gesicherten Lebensabend.

Und was ist mit Liebe? Was ist, wenn sich diejenigen, die hier vermittelt werden, einfach nicht verlieben?

Weil sie sich nicht kennen, nie gesehen haben, weil sie vielleicht einen ganz anderen Plan haben vom Leben – ohne Partner, ohne Hochzeit?

"Wahre Liebe?", fragt Wu. Er lächelt sanft. "Die kann sich ja entwickeln. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen dafür überhaupt stimmen." Das Einkommen. Das Auto. Die Wohnung. Dieser Markt ist eine Welt, die aus Erwartungen, Ansprüchen, Ängsten und enttäuschten Hoffnungen besteht.

(Bild: Meike Neitz)

Nur ein Mensch ist für sich selbst hier. Lucy, 32, Krankenschwester, war schon mal verheiratet.

Sie steht in einer Ecke des Marktes und sagt, sie wünsche sich nichts mehr als einen Neuanfang mit einem Mann aus Shanghai.

Sie selbst komme vom Land – was die Suche nach einem Neuen komplizierter mache. Denn die Städter blieben am liebsten unter sich, eine gemischte Ehe mit jemandem, der nicht aus der Shanghai kommt, komme in guten Kreisen kaum vor.

Für meine Eltern bin ich ein verlorener Fall
Lucy

"Für meine Eltern bin ich ein verlorener Fall", sagt Lucy. Die Beziehung zu ihnen sei gut, doch die Suche nach einem Mann nage an der Stimmung.

"Mir ist es egal, dass ich die Einzige hier bin. Hauptsache, jemand wird auf mich aufmerksam."

Und dann kommt einer. Er sieht älter aus als Lucy. "Du bist geschieden, ich bin geschieden – warum tun wir uns nicht zusammen?", fragt er. Und lacht.

Lucys Wangen verfärben sich rot. Er ist nichts für sie. "Du bist mir zu alt", sagt sie selbstbewusst. Da geht der Mann wieder.


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Tag 74: Donald Trump lobt jetzt doch die EU
Was hat Donald Trump gesagt?

Donald Trump hat in einem Interview mit der "Financial Times" die "sehr gute" Arbeit der EU gelobt. Er habe nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt zunächst gedacht, dass weitere Länder folgen würden, "aber ich glaube wirklich, dass die Europäische Union die Kurve kriegt".

Die EU habe die Mitgliedsstaaten nach der Entscheidung zum Brexit wieder zusammengeführt, es herrsche nun ein "anderer Geist des Zusammenhalts".