Warum wir ein Gesetz gegen "Catcalling" brauchen.

Stell dir folgende Situation vor: Du bist eine Frau und sitzt in der U-Bahn. Ich bin ein Mann. Ich folge dir. Du steigst aus. Ich steige aus. Du steigst in eine andere Bahn. Ich steige ebenfalls ein. Ich frage nach deiner Telefonnummer. Ich frage nochmal. Ich frage ein drittes Mal. Du fühlst dich unwohl.

Das Verhalten des Mannes in diesem Szenario wäre in den meisten Ländern nicht strafbar. Doch in Frankreich könnte sich das bald ändern. 

Das oben genannte Beispiel stammt von Frankreichs Ministerin für Gleichberechtigung, Marlene Schiappa, und illustriert einen Umgang mit Frauen, den sie nicht mehr akzeptieren will. Schiappa hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, über den das Parlament innerhalb der kommenden Monate entscheiden soll. Stimmt es dafür, wäre Belästigung im öffentlichen Raum strafbar. Täter müssten dann mit hohen Geldstrafen rechnen. (Zeit Online)

Das ist genau richtig! Und diese Debatte muss endlich auch bei uns stattfinden. 

Jetzt denken manche vielleicht: Tugendterror! Jetzt soll schon das Anmachen und Hinterherpfeifen strafbar sein?

Ja. Denn warum sollte es das nicht sein?

Wer in Deutschland jemandem einen Stinkefinger zeigt, kann dafür angezeigt werden. Auch verbale Beleidigungen sind nach Artikel 185 des Strafgesetzbuches verboten. Wer sich nicht daran hält, kann angezeigt werden und dann droht meist eine Geldstrafe. Sexuelle Übergriffe sind nach Artikel 177 ohnehin strafbar. Seit 2016 steht auch die körperliche sexuelle Belästigung – also beispielsweise das Grapschen – unter Strafe. 

Beide Paragrafen haben die Absicht, Menschen vor Verletzungen durch andere zu schützen – seien diese nun körperlich oder nicht. Doch es gibt eine riesige Grauzone: 

Verbale sexuelle Übergriffsind nicht strafbar. Warum zur Hölle nicht?

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Es wurden schon Menschen zu Hunderten Euro Geldstrafe verurteilt, weil sie zu jemandem gesagt haben "Bei dir piept's wohl!" (KStA) Da muss es doch mindestens ebenso strafbar sein, jemanden zu bedrängen oder ungebetene sexuelle Kommentare über dessen Körper zu machen.

In Frankreich, wo nun über ein solches Gesetz abgestimmt werden soll, gibt es immerhin schon ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Noch nicht einmal das gibt es in Deutschland. Darüber müssen wir reden!

Fast keine der befragten Frauen fand die Belästigungen 'insgeheim schmeichelhaft'.

Mache fragen sich jetzt bestimmt: Sind beiläufige Kommentare auf der Straße denn wirklich so schlimm?

Ja!

Für eine Studie hat die Cornell University 2014 in 22 Ländern 16.607 Frauen zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit befragt. 

Hier sind die wichtigsten Ergebnisse für Deutschland – ja, es sind viele Zahlen, aber sie sind alle schockierend:

  • 85 Prozent der befragten Frauen aus Deutschland waren jünger als 17 Jahre, als sie das erste Mal in der Öffentlichkeit sexuell belästigt wurden. Bei 68 Prozent geschah es schon vor dem Alter von 15 Jahren, bei 17 Prozent sogar vor dem 10. Geburtstag.
  • Verbale und nonverbale Belästigung sind die am häufigsten genannten Vorfälle. Fast keine Frau gab an, dies im vorigen Jahr nicht erlebt zu haben.
  • 66 Prozent gaben allerdings an, im Jahr vor der Studie begrapscht worden zu sein.
  • 70 Prozent wurden in diesem Zeitraum von einzelnen Männern oder Männergruppen verfolgt und fühlten sich dabei nicht sicher.
  • Fast keine der befragten Frauen fand die Belästigungen "insgeheim schmeichelhaft", wie es oft von Tätern behauptet wird. 
  • 80 Prozent haben lieber einen Umweg oder ein anderes Transportmittel genommen, um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen.
  • Die emotionalen Reaktionen der Frauen auf die Situationen reichten von Wut über Angst bis hin zu Depressionen.

Weltweit sehen die Zahlen nicht besser aus. Sie zeigen: In einem Umfeld, wo solche Verhaltensweisen toleriert oder sogar als normal angesehen werden, fühlen sich Frauen nie komplett sicher. 

Wer immer noch nicht glaubt, dass es in Deutschland kein großes Problem ist, der kann sich einfach mal das Projekt "Hollaback Berlin" angucken. Dort senden Frauen Fälle von sexueller Belästigung auf offener Straße ein.

Hier geht es zur interaktiven Karte.

Noch ein gutes Beispiel: 2014 hat die amerikanische Dach-Organisation "Hollaback" eine Schauspielerin 10 Stunden für einen Test durch New York laufen lassen. Dabei filmten sie die sogenannten "Catcalls", also die Anmachen, die sie über sich ergehen lassen musste:

Okay, es ist ein Problem. Aber was heißt das für Männer? Darf man niemanden mehr ansprechen?

Doch, natürlich. 

Es geht nicht darum, einer fremden Person zu sagen: "Hey, ich  würde mich freuen, wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen" oder "tolles Kleid, das steht dir super". Natürlich kann ein ekliger Tonfall beide Beispiele kaputt machen, aber an sich sind das astreine Arten, jemanden anzusprechen.

Es geht eher darum, dass viele Männer offenbar noch immer den Eindruck haben, sie dürften Frauen einfach hinterherbrüllen, dass sie einen geilen Arsch haben – und auch noch denken, dass das ein Kompliment sei. Kleines Update: Das ist es nicht! Siehe die Zahlen aus der Studie.

Wie die französische Ministerin Marlene Schiappa sagt: "Du musst einer Frau nicht zwei oder drei Straßen weit hinterherlaufen und sie 20 mal nach ihrer Telefonnummer fragen." (NPR) Männer, die so etwas tun, behaupten oft, es sei ihr gutes Recht – sie würden ja nur mit dem Mädel quatschen und ihr Komplimente machen. Aber so ein Verhalten ist nichts anderes als übergriffig und bedrängend.

In einigen Ländern gibt es bereits entsprechende Gesetze.

Zum Beispiel in Belgien. Dort gibt es seit 2014 ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum (Flanders Today). Es besagt, dass sowohl sexuelle Belästigung als auch Einschüchterung aufgrund des Geschlechts verboten sind und bestraft solche Fälle mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr. Auslöser für das Gesetz war eine gesellschaftliche Debatte über den Dokumentarfilm einer belgischen Filmstudentin. Darin sah man das Ausmaß an Belästigung, dass junge Frauen in Brüssel erleben müssen. (Hier kannst du ihn ansehen)

Auch in Portugal gibt es ein ähnliches Gesetz. Nachdem das Land bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz strafbar gemacht hatte, legte es 2015 mit einem Gesetz für den öffentlichen Raum nach. Damit nichts unklar bleibt, ist darin ganz klar auch von "Formulierungen mit sexuellem Unterton" die Rede. (Guardian)

Komm schon, Deutschland!

Es ist hier erst seit 2016 strafbar, jemandem ohne Zustimmung in den Schritt oder an die Brüste zu grapschen. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Denn es zeigt, wie viel hier noch zu tun ist!

Verletzungen enstehen nicht nur durch körperliche Übergriffe. Sie entstehen auch durch eine gesellschaftliche Struktur, die Tätern signalisiert: Ihr könnt euch verachtend gegenüber Frauen verhalten, denn niemand wird das sanktionieren. Das selbe gilt übrigens auch für Beleidigungen und Abwertungen, die sich queere Menschen oder Personen mit Migrationshintergrund immer wieder in der Öffentlichkeit anhören müssen.

In einer idealen Welt würden solche Verhaltensweisen von den Tätern nicht als normal empfunden und von der restlichen Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Und um dorthin zu gelangen, braucht es einen gesellschaftlichen Wandel. 

Ein Gesetz allein kann den nicht bringen. Genau so wenig, wie die Einführung der Elternzeit automatisch dazu geführt hat, dass Frauen am Arbeitsplatz plötzlich komplett gleichberechtigt sind. Aber ein Gesetzesvorschlag und die Debatte darüber könnten zumindest der erste Schritt in die richtige Richtung sein.

Übrigens: Nach dem Dreh dieses Videos waren unsere bento-Männer ganz schön verstört. Sie hatten solche Momente noch nie erlebt und obwohl es nur Spaß war – sie waren echt froh, als es vorbei war.


Gerechtigkeit

Schluss mit Rollenklischees: Das ist die progressivste Werbung Deutschlands

Eine Frau schaut mit entschlossenem Blick in die dunkle Fabrikhalle. In der Hand hält sie einen Vorschlaghammer. Vor ihr stehen Statuen – alle zeigen klischeehafte Frauenrollen: Eine hält High Heels in der Hand, eine andere ist Poledancerin und wird von Männerhänden bedrängt, wieder eine andere Skulptur zeigt einen Mann im Business-Anzug, der auf einer am Boden liegenden Frau steht. 

In den folgenden 30 Sekunden geht die Frau brüllend auf die Statuen los, zerschlägt eine nach der anderen. 

Keine besonders überraschende Metapher – aber trotzdem eine erfrischende.

Denn der Clip stammt nicht aus einem Film und ist auch kein Video von feministischen Aktivisten. Es ist eine Werbung, die zwischen Germany's Next Topmodel und dem Bachelor laufen könnte. Da man solche Szenen selten in der Werbung sieht, wurde der Spot nun für sein fortschrittliches Frauenbild ausgezeichnet.