Bild: Unsplash/ Ariel Lustre

Ich stehe im Club und tanze mit geschlossenen Augen. Neben mir im Halbdunkeln tanzen zwei Freundinnen und jede Menge andere Leute, die ich nicht kenne. Es ist ein guter Abend. 

Plötzlich tippt mir jemand auf den Rücken. Ein junger Mann grinst mich an, lallt mir etwas ins Ohr. Als ich mich genervt wegdrehe, spüre ich plötzlich seine Hand auf meinem Bauch. Ich stoße ihn weg und sage wütend: "Fass mich nicht an."

Er schaut mich fassungslos an und erwidert "Ich hab’ dich überhaupt nicht angepackt!"

Wir berühren andere Menschen jeden Tag und werden jeden Tag berührt. Manches davon genießen wir, manches ärgert uns, manches empfinden wir als Belästigung. Welche Berührung welchen Effekt hat, kann von denen, die berühren, ganz anders eingeschätzt werden, als von denen, die berührt werden. 

Hier findest du unsere Artikel zum Thema "Sexuelle Belästigung": 
1/12

Der Mann, der mir an den Bauch gefasst hat, hat das nicht als "anpacken", als sexuelle Belästigung verstanden. Vielleicht ist das für ihn erst bei einem Griff zwischen die Beine oder an die Brust der Fall. Für mich nicht. 

Und seit knapp einem Jahr steht das deutsche Rechtssystem in dieser Sache hinter mir.

Im Herbst letzten Jahres wurde das Sexualstrafrecht verschärft, nachdem die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln vor fast zwei Jahren und der Fall von Gina-Lisa Lohfink für eine öffentliche Debatte zum Thema "Sexuelle Belästigung" geführt haben. 

Hier kannst du nachlesen, wie es zu der Gesetzesänderung kam:

Der Paragraph 177 greift bei "Sexuellen Übergriffen, Nötigung und Vergewaltigung". Unrecht fängt aber nicht erst an, wenn jemand ungefragt in meinen Körper eindringt. 

Sondern auch schon, wenn mir jemand an den Hintern fasst, ans Bein – oder eben an den Bauch. Dinge, die Frauen jeden Tag passieren. Dafür ist der Paragraph 184i zuständig. Er trägt den Titel "Sexuelle Belästigung".

Bisher war es so, dass das Anfassen gegen den Willen einer Person nur als Beleidung oder Nötigung galt, aber nicht als Sexualstraftat. Dafür kam niemand ins Gefängnis. 

Der Paragraph 184i stellt seit November 2016 jede Berührung unter Strafe, die sexuell motiviert ist – wenn die berührte Person sich davon belästigt fühlt. 

Das kann ein Anfassen am Po, eine Hand an der Brust oder im Gesicht sein. Jede Art von Berührung, die eine Person als Belästigung empfindet, zählt.


Diese neue Gesetzgebung macht deutlich, dass Grapschen eben kein Kavaliersdelikt ist.
Dr. Dirk Hertle, Richter am Amtsgericht im Bautzen

Dr. Dirk Hertle, Richter am Amtsgericht im Bautzen, war der erste Richter, der sich im vergangenem Mai auf Paragraph 184i berufen und einen Po-Grapscher für vier Monate ins Gefängnis geschickt hat. (SPIEGEL ONLINE)

Ich könnte also den jungen Mann, der mir an den Bauch gefasst hat, anzeigen? "Ja", sagt Richter Hertle. 

Was genau muss man tun, wenn man jemanden anzeigen möchte, der einen gegen den eigenen Willen anfasst? 

"Am besten ruft man gleich die Polizei an", rät Richter Hertle. "Wenn man beispielsweise beim Feiern ist und die Person nicht kennt, kann man auch an der Bar oder bei den Türstehern nachfragen, ob die Person bekannt ist." 

Tatsächlich kann man auch einfach mit dem Handy ein Foto von der Person machen. Die Polizei wird dann anfangen zu ermitteln, sie wird versuchen, Zeugen zu finden. Als nächsten Schritt wird die Staatsanwaltschaft Anklage erheben. Dann kommt die Sache vor Gericht. 

Was, wenn die Person, die mich angefasst hat, es nicht zugibt, und es Aussage gegen Aussage steht? 

"Das heißt noch lange nicht, dass der Angeklagte wegen des Grundsatzes 'Im Zweifel für den Angeklagten' freizusprechen ist", sagt Richter Hertle. "Wenn das Gericht die Schilderungen des Tatopfers überzeugender und nachvollziehbarer findet, dann werden die Richter den Angeklagten verurteilen – wenn für sie eben kein Zweifel besteht. Der Fall in Bautzen hat gezeigt: Es funktioniert. Niemand muss sich gegen seinen Willen anfassen lassen."

Niemand muss sich gegen seinen Willen anfassen lassen.
Dr. Dirk Hertle

Es klingt ganz einfach, ein Telefonanruf, ein Gespräch mit der Polizei, ein Tag bei Gericht. Ich habe trotzdem noch nie jemanden angezeigt, weil er mich angefasst hat. Und auch niemand, den ich kenne. Warum ist das so? 

Weil ich mich daran gewöhnt habe. Weil angefasst werden, obwohl man es nicht will, fast Normalität ist. Weil man oft annimmt, die Hürden, um jemanden fürs Grapschen vor Gericht zu bringen, wären riesig. Weil man sich vielleicht schämt. Weil wahrscheinlich viele Menschen sagen würden, jemanden vor Gericht zu bringen, weil er einem an den Bauch gefasst hat, sei übertrieben. 

Das stimmt nicht. Ich muss mir das nicht gefallen lassen. 

Ob die neuen Gesetze tatsächlich dazu führen, dass Menschen sexuelle Belästigung häufiger zur Anzeige bringen, wird sich zeigen. Noch liegen keine Zahlen vor. Wenn solche Fälle aber häufiger zur Anzeige gebracht werden, könnte das zu einem wachsenden Bewusstsein für das Thema führen. 

Zu einem Bewusstsein, wann Anfassen ok und schön ist – und wann übergriffig. Denn daran fehlt es vielen in unserer Gesellschaft. Es fehlt an Sensibilität dafür und auch an Kommunikation. Im Zweifel kann man auch einfach fragen: „Hey, ist es ok, wenn ich meinen Arm um dich lege?“ Lieber einmal weniger romantisch sein als einmal zu viel eine Grenze übertreten. 

Die Gesetzgebung hat das inzwischen verstanden und Anfassen gegen den Willen einer Person zur Sexualstraftat erklärt. Es wird Zeit, dass die, die anfassen, das auch verstehen. Und die, die angefasst werden, sich stärker wehren.

Dieser Musiker zeigt, wie man auf sexuelle Belästigung reagieren sollte:


Today

Mit dieser Truppe würde "Die Partei" regieren
Shahak Shapira wird Medienbeauftragter

Diese Menschen werden wohl niemals in eine Regierung kommen. Aber sollte "Die Partei" doch noch zufällig die Bundestagswahl im September gewinnen, dann würden die hier unser Land führen: