Bild: Unsplash/Andrew Neel
"Bring deine kleine Möhre mal hier rüber – mein Häschen hat Hunger."
Na? Wohin gehst du denn so ganz alleine? Bring deine kleine Möhre mal hier rüber – mein Häschen hat Hunger. Komm schon her! Wenn ich dich jetzt nehme, mache ich einen richtigen Mann aus dir.

Dieses absurd klingende Zitat ist der Inhalt eines Werbespots, der Männern in Spanien seit vergangener Woche auf Spotify ausgespielt wird. Eine lasziv klingende Frauenstimme soll Männern verdeutlichen, wie es sich anfühlt, wenn man auf öffentlichen Plätzen sexuell und verbal belästigt wird. (Verne)

Der zweite Teil des Spots lautet so:

Du wurdest gerade belästigt und konntest nicht auf "überspringen" klicken. Das passiert Frauen jeden Tag. Durchschnittlich werden sie eine Minute am Tag sexuell belästigt. 
Belästige nicht. Habe Respekt. 
Wer steckt hinter dem Werbespot auf Spotify?

Eine Organisation, die sich "Fundación Triángulo" nennt und sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen einsetzt. Gemeinsam mit einer Werbeagentur wurde die Kampagne ins Leben gerufen. Der Spot wird nur männlichen Spotify-Nutzern ausgespielt – und das Besondere ist, dass selbst Premium-Mitglieder ihn nicht wegklicken können, schreibt die Organisation. 

So klingt der Werbespot:

Auf ihrer Seite kommentiert die Organisation den Spot so: 

"Wir Frauen leiden unter solchen verbalen Belästigungen Tag ein Tag aus – von dem Moment an, in dem wir das Haus verlassen, bis wir irgendwann wieder zurückkommen. Sie sind eine Demonstration männlicher Dominanz im öffentlichen Raum, die wir nicht mehr tolerieren können. Sie kann dazu führen, dass Frauen sich aus den öffentlichen Räumen zurückziehen und Freiheit einbüßen." (Fundación Triángulo)

In Spanien diskutieren derzeit viele über härtere Strafen bei sexuellen Übergriffen. Anlass war ein Gerichtsurteil, in dem fünf Männer, die eine Frau missbraucht hatten, mildere Strafen bekamen, weil der Fall lediglich als sexueller Missbrauch und nicht als Vergewaltigung gewertet wurde. (bento)

Seither erlebt Spanien seine eigene #MeToo-Debatte. Frauen erzählen auf Twitter ihre Geschichten von Belästigung und sexueller Gewalt.

Diese Erfahrungen teilen Spanierinnen unter dem Hashtag #Cuéntalo:

Ein Professor hat mich zwei Jahre lang immer wieder vergewaltigt, er hat mich betrogen und belogen. Er wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach drei Jahren wurde er wegen guter Führung entlassen. Ich dagegen bin seit 14 Jahren in psychiatrischer Behandlung. #cuéntalo
Ich war 13 Jahre alt, mitten im Sommer, mein Onkel sagt zu den anderen Männern, während wir Frauen den Tisch abgeräumt haben: "Schau an, schöne Titten sind ihr über den Winter gewachsen."
Ab da war er nicht mehr mein Onkel, er wurde zu einem Wolf, einem Räuber. Unser Umgang war nie wieder derselbe. #cuéntalo
Ich war 17 Jahre alt, nach einer Abschlussfeier verfolgte uns ein Mann auf der Straße. Wir waren vier Frauen. Wir rannten zur Polizei, der Mann folgte uns und wartete vor der Wache.
Als wir ihn anzeigen wollten, sagte der Polizist zu uns: "Das Problem ist, dass ihr euch so schön gemacht habt." #cuéntalo
Ich bin 18 Jahre alt. Mit 14 wurde ich von einem Jungen vergewaltigt. Er war 21, der DJ einer Disco für Minderjährige. Bis heute habe ich ständig Angst.
Mit 16 Jahren wurde ich von einem Jungen sexuell belästigt. Mit 18 Jahren hat ein Junge aus meiner Klasse versucht, mich zu vergewaltigen. ICH BIN ES LEID! #cuéntalo
Ich habe geschrieen und versucht, ihn wegzudrücken. Ich habe aufgegeben, weil es keinen Sinn hatte.
In meinen Gedanken habe ich mich an einen anderen Ort versetzt. Resignieren heißt nicht zustimmen. #cuéntalo
Ich bin 42, ich habe jede vorstellbare Situationen erlebt und erleiden müssen und ich habe noch nie eine Frau getroffen, die nicht irgendeine Art von Belästigung oder Aggression erleben musste.
Keine einzige von uns schafft es ins Erwachsenenalter, ohne einen Zwischenfall oder ein Trauma. Seid ihr euch über das Ausmaß bewusst? #cuentalo
Immer das Telefon parat haben, für den Fall, dass man einen Notruf absetzen muss, falls man so tun muss, als würde man mit jemandem reden, wenn man alleine durch die Straßen und die Nacht läuft.
Als ob die Straße und Nacht unsere Feinde wären. Und nicht die Männer, die sie bewohnen. #cuéntalo
Ich war neun Jahre alt, als ich beim Laden um die Ecke etwas einkaufen wollte und auf dem Rückweg entführt, vergewaltigt und dann verbrannt wurde.
Meine Reste wurden in einem Graben gefunden. Ich erzähle das hier für Emilia, die es selbst nicht mehr erzählen kann. #cuéntalo
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Auf welchen Untersuchungen oder Studien die Fundación Triángulo die Zahl zurückführt, dass Frauen am Tag durchschnittlich eine Minute verbaler Belästigung ausgesetzt sind, ist unklar. Die Behauptung, Frauen würden sich aus dem öffentlichen Raum durch verbale und sexuelle Übergriffe zurückziehen, ist allerdings wissenschaftlich belegt: 

Eine Studie der "European Union Agency for Fundamental Rights" aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Frauen in der EU bestimmte Situationen oder Orte meiden, aus Angst, dass sie körperlich oder sexuell belästigt werden könnten. 

Wie ist die Studie konzipiert?

Die Studie wurde EU-weit mit Frauen aus allen 28 EU-Staaten durchgeführt. Sie basiert auf Interviews mit 42.000 Frauen. Diese wurden zu ihren Erfahrungen mit körperlicher, sexueller und psychologischer Gewalt befragt. 

  • 40 Prozent der befragten Frauen meiden öffentliche Plätze, wenn dort keine anderen Menschen sind.
  • 37 Prozent meiden bewusst Straßen oder bestimmte Gegenden, weil sie fürchten, dort sexuell oder körperlich belästigt zu werden. 
  • 14 Prozent der Frauen gehen aus demselben Grund nicht alleine aus dem Haus.

(Hier kannst du dir die Ergebnisse der Studie im Detail anschauen.)

Wie können Menschen gegen verbale Übergriffe vorgehen? 

Rechtlich: gar nicht. Denn verbale sexuelle Übergriffe sind nicht strafbar. Zumindest nicht in Spanien – und auch nicht in Deutschland. In anderen Ländern ist das allerdings durchaus der Fall. In Belgien gibt es beispielsweise seit 2014 ein Gesetz, das sexuelle Belästigung und Einschüchterung aufgrund des Geschlechts verbietet. Verstöße werden mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr geahndet. (bento)

In Deutschland kann man jemanden anzeigen, der einem den Mittelfinger zeigt. Verbale Beleidigungen sind nach Artikel 185 ebenfalls verboten. Sexuelle Übergriffe sind nach Artikel 177 strafbar und seit 2016 steht endlich auch die körperliche sexuelle Belästigung, also beispielsweise Grapschen, unter Strafe. (bento)

Aber wenn jemand anderen Menschen auf der Straße hinterherpfeift, sie zum Objekt macht, sie sexualisiert, bleibt das ohne Folgen.

Interessant ist an dem Spot auch: Erst der Rollentausch macht deutlich, wie lächerlich dieses Sprücheklopfen eigentlich ist – und wie unangenehm und beleidigend. Etwas, das uns bei der umgekehrten Situation – Mann quatscht Frau an – oft gar nicht mehr so auffällt. Weil wir uns daran gewöhnt haben, weil wir lieber weghören und dann weglaufen. 

"Der Spot soll Männern, die solche Methoden immer noch nutzen, um Frauen auf sich aufmerksam zu machen, verdeutlichen, wie sich eine solche Situation anfühlt", schreibt die Organisation auf ihrer Seite. Er versucht zu sensibilisieren, die Gewohnheit zu entlarven und das Problem von verbaler Belästigung im öffentlichen Raum wieder auf die Agenda zu setzen. 


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