Wer die Macht hat, bestimmt die Regeln. Das geht Laura nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Vorgesetzter sagte diesen Satz während einer Konferenz. 

Sie ist 26, er Mitte 50. Er hat eine leitende Position, sie ist Angestellte. Sie arbeiten im selben Unternehmen.

Monatelang belästigte er sie. Fasste sie an. Beschimpfte sie. Bis Laura es nicht mehr aushielt. So erzählt sie es.

Jede zweite Person gab in einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle im Jahr 2015 an, am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein. 

Das war vor #Metoo. Bevor Tausende sich erst in den USA, dann in Deutschland zu Wort meldeten. Von sexueller Belästigung, manchmal auch von sexuellem Missbrauch berichteten. 

Im Job, in der Bahn, im Club passiert es, ständig, mindestens das ist seitdem klar. Viele trauten sich vorher nicht, es zu erzählen. Weil sie dachten, sie seien selbst Schuld und sich schämten

#Metoo änderte etwas. Sexuelle Belästigung muss niemand aushalten und verschweigen. Sie ist strafbar. Unternehmen müssen ihre Angestellten davor schützen. Das wissen die Verantwortlichen. 

Oder?

In Lauras Fall nicht. Die 26-Jährige heißt eigentlich anders, möchte in dieser Geschichte aber unerkannt bleiben.

Zum ersten Mal passierte es auf einer Betriebsfeier vor einigen Monaten. Sie wollte zur Toilette.

Einige Kollegen waren schon total betrunken, es war nach zwölf. Ich habe einen kleinen Sohn und wusste, dass ich ihn am nächsten Vormittag von meiner Mutter wieder abholen musste – viele Drinks konnte ich mir also nicht erlauben. Julian, mein Vorgesetzter, versperrte mir im Gang zur Toilette den Weg. Ich wollte nicht unhöflich sein und blieb stehen. Er legte seinen Arm auf meine Schulter, sagte, wie toll ich sei, was für eine Bereicherung für das Unternehmen. Die Hand wanderte tiefer. Unters Kleid. Plötzlich lag sie auf meinem Po. Ich zuckte zurück. Er packte mich am Oberarm. "Was ist denn? Dein Mann ist doch fünf Tage pro Woche in Berlin. Es gibt ja noch andere Männer, die man ficken kann."

Ich riss mich los, nahm ein Taxi und fuhr nach Hause. Ich schlief in der Nacht nicht. War das wirklich passiert? Julian war sonst so ein korrekter Typ. Duldete keine Fehler. Weder bei sich selbst noch bei anderen. Ich hätte ihm nicht zugetraut, dass er so etwas macht. Das würde mir keiner glauben. 

Häufig suchten Betroffene die Schuld bei sich, heißt es bei der Antidiskriminierungstelle des Bundes. Dabei stehe fest: Es gebe keine Rechtfertigung dafür, jemanden sexuell zu belästigen. Studien belegten, dass Männer und Frauen ein gutes Gespür dafür hätten, wann Grenzen überschritten, die Würde der anderen Person verletzt werden. Sexuelle Belästigung werde in aller Regel wissentlich verübt. (Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Das, was Laura passierte, war sexuelle Belästigung. Ohne Zweifel. Das definiert das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. In dem steht, dass unerwünschte sexuelle Handlungen wie bedrängende körperliche Nähe, die ein Kollege oder Kunde sucht, verboten sind. 

Aber nicht nur die Hand auf Lauras Po war verboten. Auch Bemerkungen sexuellen Inhalts sind es, obszöne Witze oder sexuelle Anspielungen. 

Davon hörte Laura in den kommenden Monaten noch einige.

Er kam in mein Büro, schloss die Glastür. "Du kleidest dich wie eine Nutte, weißt du das?", sagte er. "Was?", sagte ich. "Das war doch nur ein Scherz", sagte er. "Der war nicht gut", antwortete ich. "Geh doch petzen, glaubt dir eh keiner", sagte er.

Weiße Anführungszeichen
Du kleidest dich wie eine Nutte, weißt du das?
Lauras Vorgesetzter

Solche Situationen entstehen, weil jemand Macht demonstrieren will. Die Sozialpsychologin Julia Becker sagte in einem Interview mit bento, sexistische Einstellungen seien dafür da, das Machtgefälle, das zwischen Männern und Frauen noch immer existiere, zu rechtfertigen und zu legitimieren.

Eine Recherche von Report Mainz zeigte vor wenigen Monaten, dass in den 30 Dax-Konzernen in den vergangenen zwei Jahren nur elf Fälle von sexueller Belästigung gemeldet wurden. Die Zahl bezog sich auf mehr als 170.000 Beschäftigte. Wie passt das zusammen – ergab doch die Befragung der Antidiskriminierungstelle, dass jeder zweite am Arbeitsplatz sexuelle Belästigung erfährt? 

Noch immer haben Frauen Angst, ihren Vorgesetzten zu sagen, was ihnen passierte. Frauen beschweren sich häufig nicht, weil sie soziale Konsequenzen befürchten, fand eine Studie der Princeton-Universität heraus. (Psychology of Women Quarterly)

Lauras Vorgesetztem reichten die Sprüche irgendwann nicht mehr. Er wollte ihr zeigen, dass er auch beruflich das Sagen hat. 

Er zitierte mich in sein Büro, sagte, in meinem Report sei ein Fehler gewesen. "Hast in Statistik eine Eins gehabt? Da muss der Professor wohl Notstand gehabt haben."

Er holte den Werkstudenten dazu, der mir zuarbeitete. Julian wiederholte, wie schlecht meine Arbeit sei, und dass der Student von nun an meine Reports prüfen solle. Ich war dem Studenten eigentlich übergeordnet. 

Ich beendete das Gespräch, ging auf die Toilette und heulte mich aus. Die ganze Zeit hatte ich noch mit niemandem über die Sache mit Julian gesprochen. Weder mit meinen Kollegen, noch mit meinem Mann oder meinen Eltern. Aber das hielt ich jetzt nicht mehr aus. 

Ich machte sofort für den nächsten Tag einen Termin mit Julian und seinem Vorgesetzten aus, einem der beiden Vorstände. Ich sagte nichts von der sexuellen Belästigung, erzählte aber von der Schikane und dem Gespräch mit dem Werkstudenten. Ich brachte kaum ein Wort heraus. Wir vereinbarten, dass ich für den Tag nach Hause ging. Am nächsten Tag legten die zwei mir nahe, zu kündigen. Julian habe kein Vertrauen mehr in mich.

Das konnte und wollte ich nicht hinnehmen. Ich erzählte dem Vorstand von der Hand auf dem Po, dass Julian mich "Nutte" genannt hatte. Ich meinte, in seinem Gesicht zu lesen, dass er mir glaubte. Doch dann sagte er, Julian habe das Unternehmen mit aufgebaut, er könne sich nicht vorstellen, dass er sowas tue. Er habe ihn anders kennen gelernt. 

Es hätte mir schon geholfen, hätte der Vorstand gesagt: Es tut mir Leid, dass du das durchmachen musstest. Aber es kam nichts. Dabei hat der Mann selbst Töchter. Was wäre wohl, wenn ihnen so etwas passierte? Hätte er dann auch so reagiert?

Zwei Tage später lag die Kündigung in meinem Briefkasten. Sie war nicht wirksam, ich war unbefristet angestellt, hatte keine Abmahnung bekommen. Das war auch der Rechtsabteilung des Unternehmens bewusst. 

Sie riefen mich an, fragten mich, was ich tun werde. Ich hatte mir einen Anwalt genommen. Und sagte ihnen das. Auch, dass ich nicht nur gegen die Kündigung klagen würde, sondern vielleicht auch wegen der sexuellen Belästigung. 

Mein Anwalt sagte mir, ich hätte kaum Aussicht auf Erfolg damit. Er würde das mit mir durchziehen, aber er wolle auch ehrlich sein: Es könne lange dauern.

Der Grund für die Reaktion des Anwalts: Beweisaufnahme und Zeugenvernehmungen können sich hinziehen, häufig über Jahre. Das mutmaßliche Opfer muss beweisen, dass der oder die Beschuldigte sie oder ihn wirklich sexuell belästigt hat. Das ist schwer. Weil die Belästigung hinter Türen passiert, meist ohne Zeugen. Hinzu kommt, dass die Gegenseite häufig mit einer Strafanzeige wegen übler Nachrede reagiert. Das kann zusätzlich belasten – und einschüchtern. 

Letztlich klagte Laura nicht wegen sexueller Belästigung. Das Unternehmen rief sie immer wieder an und bot ihr eine Abfindung. Erst ein Monatsgehalt, dann zwei, dann drei. Bei fünf Gehältern willigte sie ein. 

Das Geld konnte sie gut brauchen: Sie und ihr Mann sehen sich nur am Wochenende, müssen die Miete für zwei Wohnungen aufbringen. Außerdem hatte der Einwand ihres Anwalts ihr zu denken gegeben. Sie wollte keinen jahrelangen Rechtsstreit führen.

Sie nahm das Geld und unterschrieb, dass sie über den gesamten Vorfall mit niemandem sprechen würde. 

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Mein Anwalt sagte mir, ich hätte kaum Aussicht auf Erfolg.

Um Laura zu schützen, musste bento darauf verzichten, das betreffende Unternehmen und ihren Vorgesetzten zu konfrontieren. Laura hätten rechtliche Konsequenzen gedroht. 

Ihr Anwalt bestätigte bento den gesamten Vorfall, die Vereinbarung zwischen ihr und dem Unternehmen liegt der Redaktion vor. Laura und das Unternehmen wurden anonymisiert, wer meint, sie zu erkennen, liegt falsch. 

Dass die Situation eskalierte, half mir schon zu 50 Prozent – den Rest mache ich in einer Therapie. Ich hätte viel früher über alles reden müssen. Ich erzählte selbst meinem Mann erst davon, als die Kündigung schon im Briefkasten lag. Aber ich schämte mich, fragte mich, ob ich das alles falsch bewerte. Tat ich nicht. Das weiß ich jetzt. 

Du wurdest am Arbeitsplatz sexuell belästigt? Das kannst du tun:

Du kannst rechtlich gegen einen Arbeitskollegen, eine Arbeitskollegin oder einen Vorgesetzten bzw. eine Vorgesetzte vorgehen

Welche Handlungen illegal sind und was deine Möglichkeiten sind, wird in diesem Flyer der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erklärt.

Auf dem Papier gibt es in vielen Firmen Rückendeckung für Opfer. In der Realität läuft es viel zu häufig wie in Lauras Fall. Das zeigen auch die Ergebnisse von Report Mainz. 

Aber: Auch wenn Laura sich von ihren Chefs eine andere Reaktion erhofft hatte – dass sie alles erzählte, war für sie befreiend. 

Sie hat mittlerweile eine neue Stelle. Sie muss dem Mann, der sie begrabschte und als "Nutte" beschimpfte, nicht mehr täglich in die Augen schauen. 

Eines habe ich verstanden. Julian hatte die Macht. Wenn jemand die Macht hat, bestimmt er die Regeln – solange man ihn lässt. 


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