Bild: Screenshot: Youtube
Ist das besinnlich oder muss das weg?

Als bekennender Weihnachtsnerd serviere ich ab Ende November nur noch Bratapfel-Tee und Spekulatius, ich verteile Duftkerzen und Tannenzweige und, ich gebs zu, sogar Lametta. Und jedes Jahr staube ich meinen CD-Player ab und lege eine der drei CDs ein, die ich noch besitze: Bing Crosbys Weihnachts-Best-Of. Die läuft dann mindestens bis Silvester rauf und runter: beim Plätzchenbacken natürlich, beim Putzen, beim Duschen. Eigentlich immer. 

Das Problem: auf der CD ist auch "Baby It's Cold Outside". 

Das ist einer meiner Lieblings-Weihnachtssongs – und möglicherweise sexistischer Mist.

Schaut man auf den Text, ist die Beweislage leider ziemlich klar.

"Baby It's Cold Outside" ist ein Duett. Nach einem gemeinsamen Abend will eine Frau das Haus ihres Gastgebers verlassen – er versucht, sie zum Bleiben zu überreden. Weil draußen angeblich ein Schneeturm tobt. Das klingt zuerst harmlos:

 

Sie: Ich kann wirklich nicht bleiben

Er:  Baby, es ist kalt draußen.

Sie: Ich muss weg

Er:  Aber Baby, es ist kalt draußen.

 

Später heißt es dann:

 

Sie: Sag mal, was ist in diesem Getränk?

Er: Draußen bekommt man kein Taxi mehr.

 

Es folgt eine ziemlich eindeutige Ansage – die er nicht zu verstehen scheint.

 

Sie: Ich sollte nein, nein, nein sagen

Er: Hast du etwas dagegen, wenn ich dir näherkomme?

Sie: Zumindest werde ich sagen, dass ich es versucht habe.

Er: Wozu [willst du] meinen Stolz verletzen?

Sie: Die Antwort ist nein.

Er: Aber Baby, es ist kalt draußen.

 

Zuletzt stimmt sie zu, noch etwas zu trinken.

Besonders schlimm wird es, wenn man die Filmszene aus "Neptuns Tochter" sieht, mit der das Lied zum Hit wurde und die dem Komponisten immerhin einen Oscar einbrachte: Hier sieht man eindeutig anzügliche Blicke, eine ungewollte Hand auf dem Knie oder um die Schultern und einen Mann, der nach dem Satz "Die Antwort ist 'Nein'" weiter macht.  

Das klingt eindeutig nach sexueller Belästigung. Und nicht nur für mich: 

Der US-Radiosender Star-102, bei dem im Dezember nur Weihnachtssongs laufen, hat den Song deshalb gerade ganz aus dem Programm verbannt. Die Hörer und Hörerinnen fanden das gar nicht gut: In einer Facebook-Umfrage verlangen 94 Prozent den Song zurück. Hörerin Kathryn Dillon schreibt: „Ich bin Teil der Metoo-Bewegung und Überlebende. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich liebe den Song und habe mich nie davon beleidigt gefühlt.“

Und prompt ist eine Debatte entbrannt: 

"Kann sein, dass die Leute sagen: Genug mit diesem #MeToo“, verteidigte sich Radiomoderatorin Desiray bei CNN. "Aber wenn man sich mal wirklich hinsetzt und den Text anschaut: Ich würde nicht wollen, dass meine Tochter in diese Situation kommt.“

Andere widersprechen, man müsse das Lied und den Text im Kontext der Zeit betrachten: 

Den Song schrieb Frank Loesser 1944 für sich und seine Frau. 

Eine Englischlehrerin leitet daraus ab, dass es bei dem Lied gar nicht um Vergewaltigung gehe – sondern um Empowerment.  In einer Zeit, in der von "guten Mädchen" erwartet wurde, dass sie immer Nein sagen – auch, wenn sie eigentlich wollen – sei zum Beispiel der starke Drink eine augenzwinkernde Ausrede gewesen, eine Art Running Gag. Die Pointe: Meist sei gar nichts im Drink – nicht einmal besonders viel Alkohol. "Es ist ein Witz darüber, dass sie total nüchtern ist und bald großartigen, einvernehmlichen Sex haben wird.“

Sie nennt das "Token Resistance", Alibiwiderstand.  Auch Comedian Jen Kirkmann schreibt auf Twitter "'Whats in this drink' ist eine alte Filmzeile aus den 30ern, die bedeutet: Ich sag die Wahrheit. Sie wollte zur Sache kommen - und bleiben."

Aber so gern ich diese Argumente höre und so gerne ich "Baby It's Cold Outside" freisprechen würde: Alibiwiderstand gibt es nicht. Die Worte von Frauen nicht ernst zu nehmen, ist bevormundend, frauenfeindlich – und damit zeigt das Lied im besten Fall, wie schlimm es damals um die Gesellschaft stand. 

Denn eine Frau konnte nicht einfach sagen, was sie wollte, egal, was es war: 

Einfach "Ja" sagen zu lockerem Sex ging nicht: Dann war man eine Schlampe. Einfach "Nein" sagen aber auch nicht: Das war unhöflich. Und als Mann wusste man dann nie: Ist das jetzt ein kokettes oder ein echtes Nein? Im besten Fall geht es in dem Song also um zwei Menschen, die nicht offen sprechen können. Und das klingt in meinen Ohren schrecklich. 

Viel schlimmer ist aber noch die zweite Interpretationsmöglichkeit: Sie schafft es nicht, ihn abzuwimmeln, sie ist zu höflich, und aus Rücksicht auf das Ego des Gegenübers ("Wozu [willst du] meinen Stolz verletzen?")  hängt sie an ein klares "Nein" noch eine fadenscheinige Begründung - so wie viele Frauen das seit Jahrzehnten machen. Bis heute. Ständig und überall. 

Und es wird übrigens auch mit getauschten Rollen nicht besser: 

Noch heute wird das Lied neu gecovert. Die beliebteste Version auf Youtube ist gerade mal vier Jahre alt und ganz besonders seltsam. Michael Bublé und Idina Menzel singen das Duett – gespielt werden die Rollen aber von zwei Kindern.  Über 33 Millionen Mal wurde das geklickt. Weitere prominente Version: Lady Gaga mit Joseph Gordon-Levitt in vertauschten Rollen. Aber auch da bleibt ein seltsamer Beigeschmack. Sexuelle Belästigung ist nie okay, völlig unabhängig vom Gender der Beteiligten.

Heute wäre das "Nein“ etwas Wert. Heute spräche man eindeutig von Belästigung. Als zu den Women’s Marches im letzten Jahr Millionen auf die Straßen gingen, war einer der Slogans gegen sexuelle Übergriffe "Nein heißt Nein". In Deutschland ist das mittlerweile sogar Gesetz – auch ein Verdienst der Frauenbewegung. Das ist gut so und war höchste Zeit.

 Und ich kann "Baby it's cold outside" nicht mehr hören, ohne daran zu denken. Deshalb muss ich ab diesem Jahr auf das Lied verzichten. So leid es mir auch tut. 

Denn manchmal kostet Fortschritt etwas – zum Beispiel einen Lieblings-Weihnachtssong. Feministin sein ist hart.


Future

Wie dir Grundschulmathematik beim Sparen hilft
Sparen klingt langweilig, "conscious spending" schon besser.

Hier ein Kaffee, da ein Restauranbesuch und zum Monatswechsel der Spruch: "Warum ist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig?" – so lässt sich leider unser Verhältnis zu Geld oft beschreiben. Denn selbst in einem gewöhnlichen Monat, in dem außer der Miete keine großen Ausgaben anfallen, ist das Geld schnell weg. Wo ist es geblieben? Und wie könnte man sparen?

 "Führ doch mal ein Jahr lang ein Haushaltsbuch und trag alle Ein- und Ausgaben fein säuberlich ein", lautet der klassische, meist elterliche Rat. Manchmal noch ergänzt um ein "geht auch per App". 

Ja, geht, aber geht gar nicht. Denn es ist ziemlich nervig und droht, den Spaß beim Kaffee oder Bier trinken zu verderben, wenn die Ausgabe gleich registriert werden muss.

Zum Glück ist der Stress gar nicht notwendig. 

Denn es genügt völlig, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie leicht alltägliche kleinere Ausgaben ein Loch ins Budget fressen können. Dafür reicht schon Grundschulmathematik, nämlich simples addieren und multiplizieren. "Conscious spending", also "bewusst ausgeben" heißt dieser Trend, zu realisieren wo das Geld bleibt, um dann bewusster zu konsumieren.

Jetzt möchtest du wissen, was aus ein paar gesparten Euro am Tag über Jahre so werden kann? Dann spring einfach ein paar Klassen weiter – oder gehe ins Netz

Das simpelste Beispiel ist wohl der Kaffee. Kaffee ist nicht gleich Kaffee, das wissen wir alle. Aber im Café oder To Go kosten sie alle fast dasselbe. 


Dabei sind die besten doch fast immer jene, die man allein oder mit Freunden in Ruhe genießt. Während der hastig auf dem Weg gekaufte Kaffee aus dem Wegwerfbecher eher Gewohnheit als Genuss ist. Dennoch trinken viele von uns von denen mehr. Den ersten gibt es morgens auf dem Weg zur Arbeit oder Uni, den zweiten vielleicht, um die Zeit bis zum Mittagessen gut zu überstehen, und dann eventuell noch einen am Nachmittag auf dem Weg nach Hause. 

Nehmen wir mal an, ein Becher kostet zwei Euro. Bei ein bis zwei Stück addieren sich die Ausgaben schnell auf vier Euro am Tag. Multipliziert mit 20, weil der Monat mindestens so viele Wochentage hat, macht das im Monat 80 Euro. Rund 1000 Euro im Jahr.