Bild: Brooke Lark / Unsplash

Als meine Mutter sagt, dass sie diese Welt nicht mehr ewig ertragen will, wird mir plötzlich sehr vieles klar. 

Wir stehen auf dem Weihnachtsmarkt, trinken Glühwein und eigentlich mache ich mir um den Lebenswillen meiner Mutter keinerlei Sorgen, es geht ihr gut. Aber sie ist müde. 

Seit Wochen diskutieren wir über Sexismus und sexuelle Gewalt. Durch die Bewegung rund um #MeToo hatte ich das Gefühl, Teil einer großen Debatte zu sein, die hoffentlich einiges ändern wird. 

Ich bin Optimistin und glaube an Fortschritt durch gesellschaftliche Debatten. Doch als meine Mutter diesen Satz sagt, ändert sich meine Perspektive.

Ich sehe plötzlich sehr deutlich ihren Weltschmerz. 

Oder eher ihren Weltfrauenschmerz.

Meine Mutter ist 1953 geboren, sie wuchs in den 60er-Jahren auf, ihre Jugend war geprägt von Aufbegehren und dem Gefühl von Wandel und gesellschaftlichem Fortschritt. Alles schien möglich, vieles sogar in greifbarer Nähe. 

50 Jahre später beobachtet sie nun eine Debatte, die der damaligen viel zu sehr ähnelt. Frauen erzählen von struktureller Diskriminierung, von Erniedrigung und Machtmissbrauch. Natürlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge getan. Aber es ist auch gleichzeitig frustrierend zu sehen, wie unendlich lange sich solche Veränderungen hinziehen.

Es muss sich für sie verrückt anfühlen, ihre Tochter vor sich zu sehen und noch immer über die gleichen Dinge zu sprechen: Über Sexismus, Gleichberechtigung und über Gewalt gegen Frauen, immer und immer wieder, ein Leben lang.

Meine Mutter hat sich in ihrer Jugend erhofft, den Wandel noch bis zu seinem Ende mitzubekommen. Daran glaubt sie heute nicht mehr richtig. Zu groß sind die Hürden, die noch vor uns liegen, zu tief verankert die gesellschaftlichen Strukturen, die es zu ändern gilt.

Und trotzdem, oder besser gesagt, genau deswegen, können wir nicht aufhören, jede Gelegenheit zu nutzen, um über die Situation von Frauen zu sprechen, zu schreiben und zu diskutieren - und Konsequenzen daraus zu ziehen. 

Heute ist zum Beispiel der "Internationale Tag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen". Sperriger Titel, wichtiger Anlass. 

Denn Gewalt ist Gewalt ist Gewalt – ganz egal ob physisch, psychisch oder strukturell, ob Frauen mit Händen, mit Worten oder mit Gesetzen und Bräuchen klein gemacht werden.

Und bis heute findet sich Gewalt gegen Frauen überall:

  • "Alle 5 Minuten wird eine Frau Opfer häuslicher Gewalt" steht auf Plakaten von der Hamburger Sozialbehörde, die gerade in Hamburger U-Bahn-Stationen hängen (bento). Darauf sehen einen starke Frauen an, die auf der Webseite aus-weg.de ihren Weg aus dem Missbrauch schildern. Eine gute Kampagne, die unseren schon völlig abgestumpften Blick auf die gruseligen Missstände in deutschen Haushalten lenken soll.
  • In vielen Ländern der Welt werden Mädchen noch immer gezielt abgetrieben, weil sie als minderwertig gesehen werden – auch mitten in Europa, in Montenegro (Weltspiegel). 
  • Die Dokumentation "Miss Representation" deckt die strukturell fehlende und falsche Darstellung von Frauen in amerikanischen Medien auf – und wie das die Gesellschaft als ganzes beeinflusst.

Diese Geschichten werden seit Jahrzehnten erzählt. Sie sorgen immer wieder für Empörung. Aber nur, wenn wir Konsequenzen ziehen, sind die Debatten und Geschichten eine Chance.

#MeToo allein wird an den Strukturen nicht viel verändern. 

Das habe ich nach dem Gespräch mit meiner Mutter verstanden.

Die amerikanische Autorin Anna Graham Hunter hat vor kurzem beschrieben, wie sie sich über Jahre hinweg an die vielen kleinen sexistischen Vorfälle gewöhnt hat – sodass später in ihrem Leben schwerere Übergriffe durch Männer überhaupt möglich waren. (bento)

Ihre Geschichte ist leider repräsentativ für die Erlebnisse sehr vieler Frauen. Es sind immer Geschichten von Macht und Struktur.

Was hilft? Ich finde, wir müssen dieses System mit jeder kleinen Gegenhandlung bekämpfen, die uns möglich ist. Sonst wird sich niemals etwas ändern.

Mit "wir" meine ich nicht nur Frauen, sondern auch all die Männer, die ebenfalls keinen Bock auf Ungerechtigkeit und Gewalt haben. 

Hier sind kleine Möglichkeiten, die wir alle im Alltag umsetzen können – und müssen:

1. Jedes Mal, wenn jemand einen unangemessenen Kommentar macht, dürfen wir ihn nicht ignorieren, nur weil das leichter ist.
Es muss keine riesige Diskussion werden, aber zumindest sollten wir es ansprechen.
2. Ein sexistischer Witz wird gemacht und wir wollen nicht diejenigen sein, die die Stimmung kaputt machen? Doch.
Leitfäden gegen sexuelle Belästigung empfehlen: den Witz als das entlarven, was er ist – nicht lustig und ein Ausdruck von Unsicherheit.
3. Wenn wir Werbung sehen, in der Frauen unabhängig vom beworbenen Produkt sexualisiert oder erniedrigend dargestellt werden: beschweren!
Am besten sowohl beim Unternehmen selbst als auch über Portale wie Werbemelder.in.
4. Wenn Frauen in Beziehungen mit Männern keine ungewollte Mehrarbeit leisten wollen, dann müssen sie den Partnern das klarmachen.
Damit das Gegenüber nicht das Gefühl hat, alles sei in Ordnung so wie es ist.
5. Wenn wir dumme Vorurteile wie "Frauen können nicht Auto fahren" hören, müssen wir nicht nur mit den Augen rollen, sondern einfach mal mit Statistiken dagegen argumentieren.
Denn auch wenn es uns nicht so sehr stört, kleinen Mädchen wird durch solche Stereotypen oft vieles nicht zugetraut. Und das muss aufhören.
6. Wenn wir Frauen angestarrt werden, starren wir offensiv zurück.
Das wird zur Umkehrung der Machtverhältnisse empfohlen und verdeutlicht dem gegenüber, dass er sich unangemessen verhält.
7. Wenn wir mitbekommen, dass eine Frau schlecht behandelt wird, müssen wir ihr Hilfe anbieten.
Wer mehr wissen will, hier ist ein Flyer von der Bundeszentrale für Politische Bildung, wie man Sexismus am besten begegnet.
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Ja, das ist anstrengend. Aber die Täter werden die Arbeit leider nicht für uns tun.

Mir ist bewusst, dass nicht jede Frau in der Lage ist, sich zu wehren. Nicht jede kann sich frei und selbstbestimmt verhalten. Und nicht jede hat die Kraft, unangemessenes Verhalten direkt anzuprangern. Aber genau darum ist es umso wichtiger, dass alle die es können, jeden Übergriff ahnden. Nur so können wir die Gesellschaft ganz langsam in ein Umfeld verwandeln, in dem sich jede Frau – egal in welcher Lebenslage sie sich befindet – sicherer fühlen kann.

Ich werde vermutlich auch nicht mehr erleben, dass alles rosig ist. 

Doch ich möchte wirklich nicht, dass meine eigene Tochter in 50 Jahren in meinen Augen den selben Weltfrauenschmerz sieht, wie ich bei meiner Mutter.

Fühlen

Warum ich keine Lust mehr auf den Geschenkezwang habe

Es ist wieder soweit: Spekulatius und Lebkuchen in den Supermärkten erinnern uns daran, den Geschenkesack für die Liebsten pflichtbewusst zu füllen. Nicht erst zu Weihnachten, sondern auch zum Nikolaus sollte eine Kleinigkeit dabei sein. Und einen Adventskalender könnte man auch noch besorgen. Oder besser: basteln, Instagram-tauglich versteht sich. Alles andere ist keine Kunst.  

Der Einkaufsdruck ist groß. Ständig müssen wir etwas verschenken. Wenn nicht gerade Weihnachten ansteht, ist Valentinstag oder Ostern oder jemand hat Geburtstag. Okay, Hochzeiten und Geburten gelten als besondere Ausnahmesituationen. Aber alle anderen Anlässe wiederholen sich jährlich.  

Ich finde, es reicht. Wir können aufhören, uns zu jedem Anlass Geschenke zu machen.

Warum?