Bild: Eutah Mizushima
Wie wir uns dagegen wehren können

Wer denkt, Sexismus sei ein Ding der Vergangenheit und der Feminismus habe sich längst in Deutschland durchgesetzt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit keine Frau.

Noch immer leben wir in einer Zeit, in der Start-Up-Gründerinnen einen männlichen Kollegen erfinden, um ernst genommen zu werden (bento) und in der Dozentinnen an der Uni von Studenten prinzipiell schlechter bewertet werden als ihre Kollegen mit Penis (bento).

Und in diesem Video zeigen wir, wie die Welt aussähe, wenn Männer wie Frauen behandelt würden:

Eine wirklich erschreckende Sammlung sexistischer Aussagen gibt es außerdem aktuell bei Zeit Online

Dort wurden mehr als 30 Frauen gefragt, welche Sätze sie sich schon auf der Arbeit gefallen lassen mussten.

Hier sind einige der – wirklich üblen – Sprüche:
"Wenn's bei dir mal nicht mehr läuft, kannst du dich wenigstens noch hochschlafen!"
"Hätte ich gewusst, dass du dich ausziehst, wenn es warm wird, hätte ich die Heizung längst aufgedreht."
"Trag doch mal häufiger Röcke oder Kleider, das sieht hübscher aus und freut auch die Kunden."
"Meine Frau darf niemals wissen, dass ich mit einer Rothaarigen zusammenarbeite."
"Komm, setz dich zu uns, damit wir etwas Hübsches zum Angucken haben."
"Du bist doch auch lesbisch, oder? Welche Frau tut sich sonst die Unfallchirurgie freiwillig an?"
1/12
Wie kann es sein, dass so etwas noch immer passiert? Und viel wichtiger: Wie kann man sich dagegen wehren?

Wir haben mit der Sozialpsychologin Julia Becker von der Uni Osnabrück gesprochen. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sexismus und seinen Wurzeln.

(Bild: Julia Becker)
Wo ist der Unterschied zwischen Sexismus und einem Flirt?


Flirten ist einvernehmlich, flirten wollen beide, flirten macht beiden in der Situation Spaß

Sexismus ist es dann, wenn sich Frau oder Mann aufgrund ihres Geschlechts abgewertet oder diskriminiert fühlt. Er kann über Witze, den Ausschluss von Frauen oder die Vermittlung von Rollenerwartungen vermittelt werden. 

Und natürlich gibt es das Ganze auch institutionell: Wenn bei gleicher Leistung beispielsweise ein Mann statt einer Frau befördert wird, weil ihr unterstellt wird, dass sie noch in Elternzeit gehen könnte und überhaupt weniger Commitment zeigt, sobald ein Kind ist.

Ab wann spricht man von sexueller Belästigung?

Sexuelle Belästigung ist – wie der Name schon sagt – immer von sexueller Natur. Das reicht von Kommentaren, die sich auf den Körper von Frauen beziehen bis hin zu physischen Übergriffen.

In unseren Studien zeigt sich, dass Frauen und Männer auf sexuelle "Komplimente" unterschiedlich reagieren. Die meisten Frauen fanden es sexistisch, wenn ein Mann ihnen sagte "tolles Shirt, ich wüsste gern, wie es darunter aussieht", während die meisten Männer so einen Spruch von Frauen nicht negativ wahrnahmen. 

Frauen werden in unserer Gesellschaft viel stärker als Sexobjekte dargestellt als Männer, daher ist es nicht überraschend, dass Frauen hier anders reagieren.

Wie verbreitet sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist, zeigen diese Statistiken:
Wie kann es sein, dass so viele Menschen noch immer Sexismus erleben – wo wir unsere Gesellschaft doch eigentlich für recht fortschrittlich halten?

Sexismus ist nicht verschwunden, sondern in bestimmten Milieus einfach subtiler geworden. Heute sagt man am Arbeitsplatz nicht mehr, dass Frauen bestimmte Aufgaben nicht zugetraut werden, aber wir werden nach wie vor stark von Geschlechts-Stereotypen beeinflusst. Und die suggerieren, dass Männer andere und bessere Qualitäten haben. 

Die Forschung zeigt, dass sogar Gerüche Geschlechtsstereotype aktivieren. Sowohl Frauen als auch Männer, die in einem fiktiven Jobinterview mit einem männlichen Parfüm eingesprüht sind, haben bessere Karten, den Job zu bekommen, als Frauen und Männer, die nach einem typischen Frauenduft riechen.

Machen Männer häufiger sexistische Aussagen als Frauen?
Ja, das zeigen alle Studien durchweg.

Wie bei allen Formen von Diskriminierung geht es auch beim Sexismus um ein Machtgefälle – hier zwischen Frauen und Männern. Objektive Indikatoren zeigen, dass Frauen in jedem Land der Welt schlechter dastehen als Männer, beispielsweise was ihren politischen Einfluss angeht. Sexistische Einstellungen sind dafür da, dieses Machtgefälle zu rechtfertigen und zu legitimieren.

Warum glauben viele Männer nicht, dass das Problem existiert?

Weil sie nicht betroffen sind. Deutsche ohne Migrationshintergrund sehen auch oft nicht, dass Diskriminierung gegenüber Migranten existiert. Dieses Phänomen nennt man den "modernen Sexismus" – die Leugnung von Diskriminierung. 

Was macht sexuelle Belästigung besonders am Arbeitsplatz so schlimm?

Sexismus am Arbeitsplatz kann man schwer aus dem Weg gehen. Verhalten sich Freunde im privaten Umfeld sexistisch, kann man den Kontakt zu ihnen meiden. Der Kontakt zu Kollegen ist schwieriger zu verhindern. Außerdem zeigen Studien, dass bei Frauen, die mit Sexismus in Berührung kommen, ihr kognitives Leistungsvermögen zeitweise leicht reduziert wird. 

Das heißt, Frauen können für kurze Zeit schlechter in ihrem Job werden, weil sie sich mit Sexismus herumschlagen müssen.

Andere Studien zeigen, dass Frauen, die sich an die klassische Frauenrolle halten und sich gegen Geschlechtsstereotype nicht zur Wehr setzen, als warm, aber wenig kompetent wahrgenommen werden – und darum beispielsweise eine Beförderung nicht erhalten. Hingegen werden solche Frauen, die nicht der klassischen Frauenrolle entsprechen oder sich gegen Klischees zur Wehr setzen, als kompetent, aber kalt wahrgenommen – und darum erhalten sie die Beförderung auch nicht. 

Haben Sie ein paar Tipps, wie man sich ganz konkret gegen Sexismus auf der Arbeit wehren kann?

Sexismus sollte direkt angesprochen werden. Das muss nicht in einer konfrontativen Art geschehen. Unsere Studien zeigen, dass es helfen kann, relativ sachlich zu bleiben. Auch mit Rückfragen oder Humor kann man aufzeigen, was einem gerade nicht gefällt. 

Zudem kann am Arbeitsplatz die vorgesetzte Person eingeschaltet werden. 

Schließlich zeigen unsere Studien, dass sich auch Männer beteiligen können. Es gibt viele Männer, die auch Unbehagen mit Sexismus haben und wenn sie diesen wahrnehmen, wäre mein Tipp: Sagt etwas dagegen und handelt entsprechend.

Du wurdest am Arbeitsplatz sexuell belästigt? Das kannst du tun:

Du kannst rechtlich gegen einen Arbeitskollegen, eine Arbeitskollegin oder einen Vorgesetzten bzw. eine Vorgesetzte vorgehen

Welche Handlungen illegal sind und was deine Möglichkeiten sind, wird in diesem Flyer der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erklärt.

Tun das denn viele? Und falls nicht: Warum nicht?

Es wehren sich inzwischen zwar immer mehr Menschen gegen Sexismus, aber insgesamt nicht besonders häufig. Eine Konfrontation kann auch mit sozialen Kosten verbunden sein. 

Zum Beispiel:

  • Frauen, die etwas gegen Sexismus sagen, können als überempfindlich oder humorlos gebrandmarkt werden. 
  • Männer, die etwas gegen Sexismus sagen, können als wenig maskulin und "Schwächling" wahrgenommen werden.

Zudem ist Sexismus oft subtil und mehrdeutig. Oft sind sich die Betroffenen nicht sicher, ob es wirklich Sexismus war.

Welche Formen von Sexismus erleben Männer?

Sie erleben Sexismus, wenn sie die klassische männliche Geschlechterrolle verlassen. Männer in "typischen Frauenjobs" – also beispielsweise Erzieher – werden häufiger mit Sexismus konfrontiert als in anderen Berufen.


Haha

Dinge, die du nur kennst, wenn du an der Uni Halle studierst
Babett Weigel gefällt das.

Dieser Text ist für alle, die davon träumen, bald auf dem Löwen zu reiten. Und für alle, die diese Zeit vermissen. Wer nicht peilt, um welchen Löwen es geht: Willkommen an der Martin-Luther-Universtität Halle-Wittenberg!