Bild: Unsplash/ Kinga Cichewicz
2017 hätte ein gutes Jahr für den Feminismus werden können. 

Es begann mit der Amtseinführung von Donald Trump, der zuvor auf einer Tonaufnahme erklärt, dass man als berühmter Mann alles mit Frauen machen kann

Die Antwort gaben Hunderttausende Demonstrantinnen und Demonstranten, die unter dem Titel "Women's March" weltweit mit rosa Mützen gegen Sexismus auf die Straße gingen: 

Nicht mit uns. 

Seit dann im Oktober Frauen anfingen, die Skandale um den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein zu enthüllen, haben sich die Ereignisse überschlagen:  unter dem Hashtag #MeToo teilten weltweit Frauen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, mächtige Männer, denen Belästigung vorgeworfen wurde, wurden gefeuert, in den USA wird ein hochkarätiger Schauspieler wie Kevin Spacey aus einem Film herausgeschnitten

Es tut sich etwas in der Welt. Nur in Deutschland nicht. 

Es gab keine Rücktritte, keine Übergriffe wurden aufgedeckt, keine Konsequenzen gezogen. 

Gibt es im bevölkerungsreichsten Land Europas etwa keine Übergriffe? Keine Belästigung, keinen Sexismus? Wohl kaum.

Woran liegt es dann? An mangelndem Interesse?

Tippt man bei Google "Sexismus" und "Debatte" in das Suchfenster ein, erhält man folgende Suchmaschinenvorschläge:

(Bild: Google)
"sexismus debatte nervt"
"sexismus debatte übertrieben"
"sexismus debatte lächerlich"

Automatische Vervollständigung

Googles automatische Vervollständigung berücksichtigt mehrere Kriterien, um Suchvorschläge zu generieren. 

Diese bieten einen Überblick, wie häufig in diesem Zusammenhang nach einem Begriff gesucht wurde. Auch entscheidend für das Ergebnis sind Jahreszeit und Ort der Google-Suchanfragen. 

Ein Blick auf die Google-Trends-Zahlen zeigt, dass vor allem die weltweite Debatte um sexuelle Belästigung im Oktober – nach den Enthüllungen aus Hollywood –  in Deutschland nicht denselben Anklang gefunden hat, wie in anderen Ländern. Das Thema "Sexuelle Belästigung" (blaue Kurve) hat im Vergleich zu anderen gängigen Themen keine besondere Aufmerksamkeit bekommen. Ganz anders sieht es da etwa in den USA aus, wo das Thema "Sexuelle Belästigung" zeitweise öfters gegooglet wurde, als das Thema "Terrorismus", ebenso wie in einigen anderen europäischen Ländern (siehe Slideshow).

1/12

(Im Gegensatz zu einem einzelnen Suchbegriff werden unter "Themen" mehrere Suchbegriffe zusammengefasst. Als Vergleichswerte wurden allgemeine politische Themen ausgewählt, über die schon seit längerem gesprochen wird, wie Terrorismus, Klimawandel und Flüchtlinge. Hier kannst du nachlesen, was Google Trends als Themen definiert und wie man diese vergleichen kann.) 

Und nicht nur im Internet sind die Themen Sexismus und sexuelle Belästigung in Deutschland auf wenig Interesse gestoßen. Das Nachrichtenmagazin Stern erzielte mit einer Titelgeschichte zur Debatte einen historischen Minusrekord im Einzelhandel. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde eine Stern-Ausgabe an Supermärkten, Kiosken oder Tankstellen weniger als 150.000 Mal erworben: Mit nur 141.582 verkauften Exemplaren lag die Zahl deutlich unter dem 12-Monats-Durchschnitt von 172.700 Stück. (Meedia)

Der Titel der Ausgabe lautete: "Sexismus im Job? Kenne ich! – Warum die Debatte jetzt weitergehen muss: Frauen aus ganz Deutschland brechen ihr Schweigen."

Interessiert hat das offenbar wenige. Dabei gäbe es Anlass genug: 

Eine repräsentative Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass über die Hälfte der Angestellten in Deutschland schon mal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt oder beobachtet hat. Über die Hälfte! 

Aber wo bleiben die Namen der Täter? Wo die Entschuldigungen? Wo bleibt die Veränderung?

In anderen Ländern der Welt werden Namen genannt und Entschuldigungen gefordert – und das bringt Konsequenzen mit sich: 

  • In Großbritannien soll eine Liste mit 40 Namen von Abgeordneten umgegangen sein, die der sexuellen Belästigung beschuldigt wurden. Ehemalige Parteimitarbeiter sollen die Liste angefertigt haben. Auch der Name des Verteidigungsministers Michael Fallon war dort zu finden. Er wurde beschuldigt, 2002 eine Journalistin bei einem Abendessen belästigt zu haben – er trat Anfang November zurück. (SPIEGEL ONLINE)
  • Eine ehemalige Programmiererin bei Uber hat mit einem Blogpost eine Debatte über Sexismus in dem Unternehmen ausgelöst, die unter anderem zur Entlassung von 20 Mitarbeitern führte. ( Zeit Online
  • Nach der Wahl in Österreich hat der Ex-Grünen-Politiker Peter Pilz das Nationalratsmandat nicht angenommen. Ihn hätten "Vorwürfe der sexuellen Belästigung" zu Fall gebracht. (Salzburger Nachrichten


Und was passiert in Deutschland, wenn über Sexismus und sexuelle Belästigung gestritten wird?

Nicht besonders viel.

Das war schon so nach der Aufschrei-Debatte um Rainer Brüderle im Jahr 2013. Obwohl die Twitter Aktion um den Hashtag sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde! #Aufschrei soll eine Wirkung gehabt haben, die vorher noch kein Hashtag erzielt habe – so die Jury.

Aber was war denn die Wirkung? Natürlich, während und nach #Aufschrei wurde diskutiert, gestritten, kommentiert und auch sensibilisiert. Das hat auch #MeToo bewirkt. Das ist gut und das ist wichtig. Aber das reicht nicht. Wir brauchen mehr Interesse an dem Thema, mehr Priorität dafür, mehr Geschichten, Umdenken. Und Konsequenzen. Brüderle hat sich damals nicht entschuldigt, und erst ein Jahr später Stellung zu dem Vorwurf bezogen. 

Und wie reagieren Politiker heute – vier Jahre nach #Aufschrei – auf Sexismus? Das zeigt der WDR in dem Video "Männliche Abgeordnete im #ungleichland":

Während die Sexismus-Debatte in anderen Ländern Politiker zu Fall bringt, erkennen die Mächtigen bei uns noch nicht einmal, dass es ein Problem geben könnte. Was ist los in Deutschland?

Wir haben bei Lea Hartwich nachgefragt, die als Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Osnabrück zu Ungleichheit und Sexismus forscht.

Frau Hartwich,  warum wird in anderen Ländern so laut gestritten und bei uns nicht?

"Die politische Situation in Deutschland ist eine andere als etwa in den USA. Dort werden fundamentale Frauenrechte wie das Recht auf Verhütung oder Abtreibung quasi dauernd angegriffen und in Frage gestellt. Diese Dringlichkeit ist ein Faktor, der zu mehr Collective Action, also politischem Engagement für die Gruppe, führt. In Deutschland sieht die Situation zum Glück momentan nicht so erschreckend aus, aber paradoxerweise macht es das für Frauen schwerer, sich klar zum Feminismus zu bekennen und die Debatte um die immer noch bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern am Leben zu halten oder erst in Gang zu bringen.

In der Sexismus-Forschung unterscheiden wir zwischen hostilem Sexismus, also Frauenfeindlichkeit, und benevolentem Sexismus. Benevolenter Sexismus ist weniger feindselig und mehr paternalistisch. Ich würde annehmen, dass die meisten Frauen in Deutschland in ihrem Alltag mehr benevolentem Sexismus ausgesetzt sind."

Wie sieht benevolenter Sexismus aus?

"Ein Beispiel: Frauen bekommen Komplimente dafür, dass sie besser mit Kindern umgehen können, einen besseren Geschmack für Kleidung haben oder besser zuhören – dafür wird auch von ihnen erwartet, dass sie die Kinderbetreuung übernehmen, für den Mann die Hemden aussuchen und nicht zu viel reden. Auch die Beschreibung von Frauen als "schön" oder "hübsch" in Kontexten für die das völlig irrelevant ist (und in denen über das Aussehen von Männern kein Wort verloren würde) gehört dazu.

Benevolenter Sexismus ist schwieriger zu identifizieren und zu bekämpfen, weil er sich als positive Einstellung Frauen gegenüber tarnt, in Wirklichkeit aber Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu rechtfertigen versucht. Frauen, die diesen benevolenten Sexismus ansprechen und kritisieren, wird oft vorgeworfen wird, sie seien hysterisch, sie würden übertreiben. So wird natürlich jede Debatte im Keim erstickt.

Was kann man aus dem WDR-Video über die Politiker unseres Landes herauslesen? 

"Man sieht, dass Gruppenzugehörigkeit eine große Rolle in dieser Debatte spielt. Es fällt Menschen generell schwer, das Verhalten anderer Gruppenmitglieder anzugreifen – das sieht man daran, dass nur ein Mann angibt, andere Männer auf ihr sexistisches Verhalten angesprochen zu haben.  Zum anderen sieht man, dass Männer als Gruppe sich durch Sexismus-Vorwürfe angegriffen fühlen und sich verteidigen. Sie versuchen, die positive Gruppenidentität wiederherzustellen, indem sie das Problem woanders suchen: bei den Frauen.  

Man hört von Männern in letzter Zeit oft, sie fühlten sich verunsichert, weil sie nicht wüssten, ob sich eine Frau nun über eine Bemerkung zu ihrem Äußeren freut oder dieses Verhalten als sexistisch empfindet. Die Lösung: Wenn man die Befürchtung hat, eine Handlung oder Äußerung könnte sexistisch sein, kann man sie ja auch einfach sein lassen. Das würde aber natürlich eine Verschiebung der Machtverhältnisse bedeuten – man müsste anerkennen, dass manche Verhaltensweisen von Frauen als herabwertend eingeschätzt werden und dieser Einschätzung soviel Wichtigkeit zugestehen, dass man daraufhin etwas ändert."

Wir brauchen die Debatte also. Wie können wir sie nach Deutschland holen?

"Die Frage ist, welche Debatte wir in Deutschland führen wollen. Momentan lässt sich in den USA ein Prozess beobachten, der auf Einzelpersonen konzentriert ist. Dass diese Personen ihre Machtpositionen aufgeben müssen (mit Ausnahme natürlich von Donald Trump) und den Anklägerinnen und Anklägern Glauben geschenkt wird, ist sicher ein wichtiger Schritt. Aber ich sehe die Gefahr, dass die Bewegung ihren Schwung verliert, sobald keine neuen Anklagen gegen Prominente mehr erhoben werden. 

Das Problem wird auf einige schwarze Schafe abgewälzt.
Lea Hartwich

Ein weiteres Problem ist, dass die Männer, die nicht persönlich mit Vorwürfen konfrontiert werden, sich nicht mit ihren Einstellungen und ihrem Verhalten gegenüber Frauen auseinandersetzen müssen. Das Problem wird auf einige schwarze Schafe abgewälzt. Die Wahrheit ist aber, dass diese schwarzen Schafe nur so lange damit durchgekommen sind, weil wir in einer Kultur leben, die es ihnen ermöglicht. Darum müsste eine produktive Debatte diese Strukturen hinterfragen und besonders auch den benevolenten Sexismus, der dazu beiträgt, sie aufrechtzuerhalten."

Man mag also den Eindruck haben, dass wir schon weit gekommen sind in Deutschland. 

Und wir sind sicher schon weiter, als in anderen Ländern. Deutschland ist schließlich eines der wenigen Länder, mit einer Frau an seiner Spitze. Aber: Einer Frau, die sich nicht als Feministin bezeichnet. Und das zeigt uns vor allem: 

Es ist noch einiges zu tun.

Streaming

Der Filmtipp zum Wochenende: "Very Bad Things" hier gratis streamen!

Ein paar Freunde in Las Vegas auf einem Junggesellenabschied und jede Menge unerwartete Vorkommnisse: Was nach "Hangover" klingt, ist der Kultstreifen "Very Bad Things" aus dem Jahr 1998. Doch ist hier alles, was die feiernde Männerrunde erlebt, noch einen Ticken krasser.

"Very Bad Things" passieren denjenigen, die so gar nicht damit rechnen

Zunächst wirkt alles noch sehr vergnügt: Ein Roadtrip nach Las Vegas für den Bräutigam Kyle und seine engsten Kumpels. Neben Glücksspiel, Alkohol und Drogen wartet eine Stripperin auf die feierwütige Truppe. Doch als diese bei einem Sexunfall stirbt, nimmt der Wahnsinn erst seinen Lauf.

Die Polizei rufen? Spätestens nach der zweiten Leiche ist das längst keine Option mehr für die fünf Freunde. Wie praktisch, dass sie von einer Wüstenlandschaft umringt sind – da scheint es ein Leichtes die Toten zu verscharren.