Drei Fragen zu der schlagfertigen Aktion

Eine Bahnfahrt, ein Telefonat, zwei Männer und ein Laptop. Diese Komponenten brachten Gil Wenger dazu, einen Facebook-Post abzusetzen, der sich innerhalb weniger Stunden hundertfach teilte und tausendfach geliked wurde.

Gil hatte eine klare Botschaft an seinen Sitznachbarn. Vermittelt hat er sie über einen Text auf seinem Laptop.

1. Was ist passiert?

Der 26-jährige Gil war Ende August in der Schweiz mit der Bahn auf dem Weg von Zug (ja, den Ort gibt es wirklich) nach Zürich. Vor ihm: sein Laptop. Auf dem Platz neben ihm: ein Mann am Telefon.

Der Mann telefonierte offenbar mit einem Geschäftspartner. Gil bekam das Telefonat mit und war geschockt von dem, was er hörte: Sein Sitznachbar erzählte dem Gesprächspartner von einer vertraulichen Personalentscheidung.
Die Aussagen des Mannes fand Gil frauenverachtend

In einem Post auf Facebook schrieb er auf, was der Mann neben ihm gesagt haben soll:

"Das ist noch vertraulich, aber wir haben die Frau Winkler eingestellt. [...] Jaaa, die muss sich erst noch beweisen. [...] Das Gute ist, dass wir dadurch die Frauenquote wieder etwas verbessern können. Und zum Glück in einem Bereich, in dem es nicht so schlimm ist. [...] Immerhin ist sie nicht mehr schwangerschaftsgefährdet."

2. Was hat Gil unternommen?

"Ich habe im ersten Moment gezögert, als die erste verachtende Phrase – "Wir können dadurch die Frauenqoute verbessern. Zum Glück an einem Ort, an dem es nicht wehtut" – fiel. Ich wollte den Herrn aber irgendwie darauf aufmerksam machen, wie falsch er sich gerade verhält", sagt Gil zu bento. 

Da der Mann weiter telefonierte und Gil wusste, dass der Zug bald seine Endhaltestelle erreichen würde, musste er sich überlegen, wie er seinen Unmut über dessen Äußerung anders zeigen konnte.

"Der Herr schielte so oder so ständig auf meinen Laptop. Also kam mir die Idee mit der Textnachricht. Als er dann noch erwähnte, die Frau sei "nicht schwangerschaftsgefährdet", fasste ich mir ein Herz, tippte die Nachricht ein und zeigte sie ihm", sagt Gil. 

So sah Gils Nachricht an seinen Sitznachbarn aus: 

(Bild: Gil Wenger )

3. Wie waren die Reaktionen?

Der Mann habe die Nachricht verdutzt gelesen, sei dann wütend davon gelaufen und habe "etwas von 'Frechheit' ins Telefon geschnattert", schreibt Gil in seinem Facebook-Post.

Da sass so eine Zürischnure vom Typ Anglizismenschleuder neben mir und hat mit seinem Geschäftspartner telefoniert. Sagt...

Posted by Gil Wenger on Thursday, August 30, 2018

Es sei Gil ein wichtiges Anliegen gewesen, seine Erfahrung mit anderen zu teilen. Dass sein Post ein solcher Erfolg wurde, überraschte ihn selbst. Die Reaktionen im Netz seien aber glücklicherweise überwiegend positiv.

Andere Nutzer feiern Gil nun für seine schnelle Reaktion: Innerhalb weniger Tage wurde der Post fast 700 Mal geteilt und hundertfach kommentiert.

Gil hofft, durch seine Aktion auch andere zu ermutigen, direkt auf frauenverachtende und rassistische Aussagen zu reagieren. Dass wir uns im Jahr 2018 immer noch mit "völlig überholten Rollenbildern und Labels herumschlagen müssen", nerve ihn, sagt Gil. 

Leute direkt auf ihre Haltung anzusprechen, sei in seinen Augen der effektivste Umgang mit Sexismus und Rassismus: "So findet die Konfrontation auf einer sehr persönlichen Ebene statt und die Person muss sich direkt eine Antwort überlegen, statt in einem Artikel oder einer Talkshow mit den Vorwürfen konfrontiert zu werden." 

Gils Sitznachbar wird sich vermutlich das nächste Mal genauer überlegen, was er in sein Telefon quatscht.


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