Warum der "Zeit"-Beitrag Unsinn ist

Männer! Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt, aber: Wir werden gerade fertig gemacht! Alle hassen uns, selbst wenn wir total lieb sind. 

Nur, weil ein paar ganz besonders vereinzelte Einzeltäter sich schlecht benommen haben, dürfen wir Männer jetzt nicht mehr denken, sprechen, arbeiten oder atmen. 

Das ist die, zugegeben etwas zugespitzte, These eines Artikels der aktuellen Zeit. (Artikel hinter Paywall)

Den fiesen, totalitären Feministinnen geht es demnach nämlich gar nicht um Gleichberechtigung – glaubt Autor Jens Jessen – sondern um den Sieg.

Über uns Männer. Das böseste aller Geschlechter. Alarm!!

Der männliche Makel

Wie dem Autor geht es wahrscheinlich vielen Männern:

Er glaubt, in Diskussionen über Gleichberechtigung werde unsere männliche Sichtweise ausgeblendet oder veralbert, aber niemals ernst genommen. Man unterstelle uns, böse zu sein. Nichts dürfe man mehr sagen, weil es direkt als sexueller Übergriff oder Machtmissbrauch gewertet werde. Den Männern werde die Fähigkeit abgesprochen, mit zu diskutieren.

Jessen vergleicht Penisbesitzer sogar mit den vom Terrorverdacht gebeutelten Muslimen: Männer dürfen sich nun genauso schlecht fühlen! Denn alle Männer – sogar die GUTEN – würden unter Verdacht gestellt, nur weil EINIGE etwas Böses getan haben!

Ich würde hier gerne als weißer, Cis-hetero-Generalverdachtsmann, der seiner Frau seinen Nachnamen aufgezwängt hat, gerne meinen Senf zugeben: 

1. So what?

Ganz ehrlich: Es kann uns Männern nicht schaden, die Vorwürfe der Frauen erst mal ernst zu nehmen. Es kann uns auch nicht schaden, unsere eigene Position zu hinterfragen. 

Was von Frauen kritisiert wird, wenn sich Männer zu Wort melden, ist ja selten ihre fundierte Meinung. Sondern ihre Ignoranz

Ihre Unfähigkeit, tatsächlich auch nur einen Fehler bei sich selbst zu erkennen. Auch kritisieren sie die männliche Strategie, die Ursache von Problemen bei einigen wenigen zu suchen und sich selbst nicht als Teil eines Systems zu sehen.

Und natürlich ihre Art, Frauen als hysterisch oder, wie in der Zeit, "totalitär" zu bezeichnen, nur, weil sie Männer kritisieren.

Wer sich einredet, nun "nichts mehr sagen zu dürfen", nur weil er für seine Aussagen in unserer offenen Demokratie auch kritisiert wird, hat ein ernsthaftes Wahrnehmungs-Problem.

2. Wir sind die Guten!?!

Denn die Annahme, dass es nur wenige Übeltäter und in einer Menge von guten Jungs gäbe, ist einfach falsch. An jedem Tag, in jedem Dorf und jeder Stadt missbrauchen Männer ihre Macht oder körperliche Kraft. Oder sie halten sich ganz einfach für besser als Frauen. Mein Nachbar, mein Kommilitone, mein Bruder, mein bester Freund – alles potentielle Sexisten. Ich selbst natürlich auch.

Denn manchmal merken wir noch nicht mal, dass wir etwas tun. Nicht alles, was scheiße ist, ist Absicht. Scheiße ist es trotzdem. Wenn ich meinen Kolleginnen zum Beispiel regelmäßig ins Wort falle oder auf Fragen antworte, die mir gar nicht gestellt wurden.

Wer wirklich glaubt, dass "die Feministinnen" den Kampf durch die öffentliche Diskussions-Strategie nun mit unfairen Mitteln gewinnen, hat offenbar keinen Facebook- oder Twitter-Account, um sich die sexistische Kackscheiße durchzulesen, die vielen Frauen dort täglich entgegen geschleudert wird. 

Dem Autor – und den Kommentatoren im Netz – gehen die Konsequenzen, die durch die öffentliche Kritik und Bloßstellung der als Täter entlarvten Männern passieren, auf jeden Fall zu weit:

„Die Vorwürfe unsittlichen Betragens kosten Professoren, ja Nobelpreisträger[n] den Lehrstuhl, sie bringen Künstler um das Recht, ihre Werke zu zeigen […]“ 

3. Ja, und? Das ist doch super! 

Was ist daran falsch, sich mal zu fragen, wie die Welt aussähe, wenn sie nicht überwiegend durch die Augen von Männern gezeigt würde – in Museen, in der Wissenschaft, oder auch immer noch in den Medien? Was daran ist so tragisch, so gefährlich? Ich finde die Idee einer Welt voller Filme, Bilder, Artikel und Unternehmen die von Frauen gemacht wurden, jedenfalls großartig und spannend. Aber dafür muss man darüber auch mal streiten dürfen. 

Was Jessen in der Zeit aber besonders stört, ist, dass so viele Frauen sich anonym und öffentlich beschweren. Dabei geht es ihm nicht um Weinstein-artige Fälle, aber alle anderen. Die haben offenbar nicht das Recht, den Schutz der Öffentlichkeit zu suchen, findet er – schließlich ist ja die Karriere eines MANNES in Gefahr.

Mal ehrlich, das ist doch Quatsch. Ich will nicht wissen, wie viele Karrieren von Frauen viel zu früh endeten, weil sie nicht wussten, wie sie mit dem Sexismus um sie herum umgehen sollten. Aber wehe, jetzt wagen sich mal ein paar vor und Karrieren von Männern geraten ins Wanken, dann ist natürlich Schluss mit lustig!

Traut sich eine Frau nach vielen Jahren endlich, das ihr Widerfahrene zu berichten, wissen die meisten Männer schon, warum: "Mediengeil!" sind diese Frauen! Und natürlich rachsüchtig, nur darauf aus, Karrieren zu zerstören.

Dann werden natürlich immer wieder die ausgedachten Vergewaltigungsvorwürfe heraus gekramt - auch im aktuellen Zeit-Beitrag sehr lang und breit.

Vergleiche ich aber Statistiken der Polizei Bayern und des Verbandes "Frauen gegen Gewalt", komme ich auf folgende Zahl: Auf etwa 135 reale sexuelle Übergriffe kommt eine (!) mutwillige Falschanschuldigung.

Ein Friedensangebot

Ich glaube, die Diskussion geht ganz einfach an den meisten Männern vorbei. Weil sie nicht zuhören. Sie behaupten reflexhaft, nicht alle Männer seien so, Ende der Durchsage. Das fühlt sich aber so an wie wenn Weiße Schwarzen erklären, dass es keinen Rassismus gäbe, weil sie ja auch schwarze Kollegen / Freunde / Lieblingssänger hätten. 

Und es lässt keinen Raum für Verbesserungen.

Ich habe mich übrigens noch nie von Feministinnen verarscht gefühlt. Das kann daran liegen, dass ich (wie viele andere Männer auch) die von den ihnen angesprochenen Probleme nicht als Unsinn abtue, sondern darüber nachdenke, ob ich vielleicht Teil dessen war oder bin:

Weil ich mich manchmal ertappt fühle. Weil ich dann einfach versuche, das ernst zu nehmen und daran zu arbeiten. 

Weil ich mir darüber im Klaren bin, dass ich einfach nur durch meine Hautfarbe, Nationalität und Geschlecht einige Vorteile im Leben hatte, die andere vielleicht nicht hatten.

Weil ich begreife, dass das, was für mich echt toll ist, für andere manchmal einen Nachteil bedeuten kann.

Ich muss mich wirklich nicht schlecht dafür fühlen, als weißer Mann geboren zu sein. Aber man darf von mir erwarten, dass ich zumindest darüber nachdenke, was das bedeutet.


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