Bild: dpa/Friso Gentsch

Der Signal-Iduna-Park in Dortmund liegt ruhig da, es ist kalt, Länderspielpause, die Tribünen sind leer. Fast. Auf der Südtribüne steht Lina, die eigentlich anders heißt, mit etwa 20 Frauen. Lina trainiert diese Frauen: in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung im Stadion. 

Wie stehe ich so in der Fankurve, dass ich selbstsicher wirke? Wie kann ich mich verbal behaupten, wie reagiere ich, wenn ich mich belästigt fühle?

Klingt absurd. Fans, die aus Spaß zu Fußballspielen gehen, um ein paar gute Stunden zu haben und den Sport zu genießen, trainieren Selbstverteidigung. Dass es im Stadion Situationen gibt, in denen es gerade für Frauen nötig ist, Stärke zu zeigen und sich im Notfall auch zu verteidigen, wurde während der vergangenen Spieltage besonders deutlich:

Beim Heimspiel des FC Schalke gegen Nürnberg soll ein weiblicher Fan massiv belästigt worden sein. Ein Mann habe ihr an den Po und in den Schritt gefasst, versucht, ihren BH zu öffnen und die Hand in ihre Hose zu schieben, sagte eine 22-Jährige. Dabei soll der Täter von anderen Fans angefeuert worden sein. Als sich die Frau bei einem Ordner beschwerte, soll dieser entgegnet haben: "Wenn du damit ein Problem hast, solltest du nicht ins Stadion gehen." (WAZ)

Auch in Hamburg zeigte sich eine Woche später, wie weit verbreitet Frauenfeindlichkeit auf den Tribünen bei einigen Vereinen ist. Die Fans von Dynamo Dresden hielten am Millerntor auf St. Pauli ein Spruchband mit der Aufschrift "Ihr müsst heute Abend hungern, weil eure Fotzen mit euch im Block rumlungern" hoch. (bento)

(Bild: picture alliance/Christian Charisius)

Spätestens das zeigt, wie wichtig es ist, was Lina und die Frauen heute hier in Dortmund lernen. 

"Der patriarchale Charakter des Fußballs reicht von der FIFA bis zum Dorfverein", sagt Lina, die selbst Fan ist und sich zur Aufgabe gemacht hat, anderen Frauen zu zeigen, wie sie sich im Ernstfall verhalten können.

Lina machte ihre ersten Fußballerfahrungen nicht in Dortmund, sondern bei einem kleineren Verein in Ostdeutschland. Sie will weder den Verein noch ihren richtigen Namen in diesem Text veröffentlicht sehen. Warum nicht? Eine Frau, die sich für die Stärkung anderer weiblicher Fans einsetzt, die ihnen hilft, sich zu behaupten in einem Bereich, der oft als "Letzte Bastion der Männlichkeit" verstanden wird – das könnte Leute verärgern. 

"Ich will niemandem etwas wegnehmen", sagt Lina fast entschuldigend. Aber es sei nötig, dass Frauen lernten, wie sie Stimme und Körper für ihr Recht einsetzen können – in den meist männlichen Massen der Stadionkurven. Es geht ihr darum, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken und ihnen zu helfen, sich Respekt zu verschaffen. Und dann gibt es eben auch Fälle wie den in der Schalker Veltins Arena. Auch auf solche Ausnahmesituationen sollen Frauen im Notfall vorbereitet sein.

Der Workshop, den Lina leitet, ist Teil eines ganzen Nachmittags gegen Sexismus im Fußball, an dem auch Männer teilnehmen. 

Neben der Selbstbehauptung geht es an diesem Tag auch um Reflexion. Wie verhalte ich mich auf der Tribüne? Welche Gesten oder Gesänge sind homophob oder sexistisch? Natürlich ist fraglich, ob die Männer, die an diesem Workshop teilnehmen, auch diejenigen sind, die in den Fankurven ein frauenfeindliches oder homophobes Klima verbreiten. 

Doch es geht vor allem darum, sich dem Problem bewusst zu werden. Pöbelnde Fans auch mal darauf aufmerksam zu machen, was sie da gerade sagen. Auch Männer sollten sich gegen Sexismus engagieren. Dadurch, so hoffen die Teilnehmer, könnte sich auf lange Sicht das Bewusstsein für Diskriminierung im Fußball verbessern. 

Der Workshop wird von der Initative ballspielvereint organisiert, die sich gegen Diskriminierung im Stadion einsetzt. Gekommen sind Fans von unterschiedlichen Vereinen, alle Altersklassen, Frauen und Männer. Es geht darum, sich von einem altbackenen Ideal von Männlichkeit abzugrenzen, das im Fußball wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich die Jahrzehnte überdauert hat.

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Ich will niemandem etwas wegnehmen.
Lina

Frauen stellen laut einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerkes Football Against Racism in Europe nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball. Von den 17 Präsidiumsmitgliedern des DFB ist eines weiblich. Sie kümmert sich – wenig überraschend – um Frauenfußball. Obwohl Frauen seit Jahrzehnten ins Stadion gehen, sich in der Fanszene engagieren und genauso viel Fußball-Sachverstand aufweisen wie männliche Fans, sind sie in den Strukturen immer noch kaum sichtbar

Weibliche Vorsängerinnen auf den Zäunen vor den Kurven? Gibt es so gut wie gar nicht. 

Der italienische Erstligist Lazio Rom verteilte im Sommer bei einem Ligaspiel Flyer, die Frauen aufforderten, sich nicht in die ersten zehn Reihen der Kurve zu platzieren, denn: "In den Schützengräben lassen wir Frauen, Ehefrauen und Freundinnen nicht zu." Frauen seien zu weich für den harten Fußballsport, außerdem hätten sie kein echtes Interesse am Fußball, sie kämen nur als Begleitung ihrer Freunde oder um sich einen Mann zu angeln, so lauten immer noch viele Vorurteile.

"Fußball ist ein Refugium der Männlichkeit", sagt Stefanie Raible von der Ruhr Universität Bochum, die zu Frauen in der Fußballszene forscht. "Gleichzeitig wird Weiblichkeit abgewertet." Was Raible anspricht, ist die wahrgenommene Rollenverteilung: arme schwache Frauen als Opfer, aggressive, meist betrunkene Männer als Täter. 

Auch Männer könnten Opfer sein, sagt Raible. Dann zum Beispiel, wenn sie offen mit ihrer Homosexualität umgingen. Andere Fans reagierten beispielsweise mit Anfeindungen, diskriminierten die Männer. Raible spricht von dem Phänomen der "Hypermaskulinität".

"Oft wird behauptet, Fußball sei ein Spiegelbild der Gesellschaft", sagt Jacob Liedtke von der Initative ballspielvereint. "Ich würde ihn eher als Brennglas bezeichnen." Gesellschaftliche Ungleichheiten treten im Stadion noch stärker ans Licht. "Das liegt auch daran, dass man den Schutz der Masse genießt", sagt Liedtke. Fans im Stadion verhalten sich anders, als sie das im normalen Leben tun würden, hemmungsloser, ausgelassener. Das macht den Reiz des Fußballs aus – sorgt aber auch dafür, dass sexistische, rassistische und homophobe Beleidigungen häufiger werden. Beschimpfungen wie Fotze, Hurensohn, Schwuchtel? Sind in den Fankurven an der Tagesordnung. "Manchmal rutscht einem schon mal was raus, das man eigentlich gar nicht so meint", gibt ein männlicher Teilnehmer des Seminars zu.

Viele Teilnehmende des Workshops bestätigen den Eindruck, dass Probleme mit Sexismus und Homophobie in den letzten Jahren wieder zugenommen haben. Dennis, 29, Fan von Fortuna Düsseldorf, sagt: "Ich dachte, wir hätten das Thema der Homophobie hinter uns und könnten uns jetzt auf den Kampf gegen Sexismus konzentrieren, in letzter Zeit bekomme ich das Gefühl, mich da geirrt zu haben."

Bild: dpa/Friso Gentsch
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Manchmal rutscht einem schon mal was raus, das man eigentlich gar nicht so meint.
Männlicher Teilnehmer des Sexismus-Seminars

Oft bleibt es nicht bei verbalen Ereignissen. Weibliche Teilnehmerinnen des Workshops berichten von sexueller Nötigung, im April dieses Jahres wurde ein Fall bekannt, bei dem eine Frau in einem Sonderzug der Gladbacher Fans vergewaltigt wurde (n-tv). Für betroffene Frauen fehlen die Anlaufstellen. "Wenn sich Frauen an einen Ordner wenden, heißt es oft 'Stell dich woanders hin' oder 'das ist Fußball, komm klar damit'", sagt Liedtke von ballspielvereint. Weibliche Ordnerinnen gebe es kaum, kritisieren auch viele Frauen bei dem Workshop.

"Ich würde mir wünschen, ein paar Tipps an die Hand zu bekommen, wie ich mit Belästigung im Stadion umgehen kann", sagt Kerstin Börß, Fan von Bayer Leverkusen. Lina, die den Selbstbehauptungskurs leitet, bringt den Teilnehmerinnen bei, laut zu werden, klar zu artikulieren was einen stört, sich Hilfe zu holen. "Es ist wichtig, dass sich Frauen aber auch Männer gegen sexualisierte Gewalt solidarisieren", sagt Lina. Solidarität und Sichtbarkeit – das sei ein gutes Gegenmittel gegen dominante Männlichkeitsvorstellungen und verkrustete Strukturen im Fußball.

Anfänge dafür gibt es schon. Das Netzwerk F_in besteht aus Fußballerinnen, Wissenschaftlerinnen, Fanprojekt-Mitarbeiterinnen und Journalistinnen und tritt für etwas ein, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass "Fußball auch Frauensache ist". Eine Ausstellung mit dem Titel fan.tastic females tourt derzeit durch Deutschland und zeigt weibliche Fans aus ganz Europa, die für den Fußball leben und sich im Fanbereich engagieren.

Auf der Dortmunder Südtribüne proben Lina und die Workshopteilnehmerinnen das, was Frauen in vollen Stadien oft verwehrt bleibt: Räume für sich einzunehmen, präsent zu sein. Dazu gehört auch: Auf Zäune klettern, um allen Zuschauern deutlich zu machen, was vielen Fans noch nicht klar zu sein scheint: Wir sind laut, stark und gekommen um zu bleiben.

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Gerechtigkeit

Nach dem UN-Migrationspakt folgt der UN-Flüchtlingspakt – darum sollten Rechte ihn feiern

Die Vereinten Nationen (Uno) wollen Menschen auf der Flucht besser schützen – und daran arbeiten, dass sie gar nicht erst aus ihrer Heimat fliehen müssen. Die Mitgliedernationen der Uno haben daher in jahrelanger Arbeit Vereinbarungen ausgearbeitet, mit denen Migration und Flucht eingedämmt werden soll.

Erst vergangene Woche wurde der UN-Migrationspakt in Marokko unterzeichnet, das Dokument gilt als Meilenstein. Erstmals gibt es Regeln im Umgang für eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit: Wie umgehen mit dem globalen Wanderungsbewegungen von Migranten? 

Nun folgt auf den UN-Migrationspakt gleich der UN-Flüchtlingspakt – die Vollversammlung der Uno will am Montag darüber abstimmen.

Gegen den Migrationspakt hatten rechtspopulistische Strömungen und Parteien über Wochen Stimmung gemacht, unter anderem Falschmeldungen und Verschwörungstheorien wurden über das Dokument verbreitet (bento). 

Einige Länder – darunter die USA und Österreich – haben das Dokument daraufhin abgelehnt. Auch der UN-Flüchtlingspakt steht nun zur Diskussion vor der Uno-Vollversammlung. Und gerade Rechte und Konservative sollten ihm zustimmen.

Ein Überblick zu den wichtigsten Fragen:

1 Was steht im UN-Flüchtlingspakt?

Das Dokument (hier in Englisch) wurde seit 2016 verhandelt und will die Lebenssituationen von Geflüchteten verbessern. Es baut auf der Genfer Flüchtlingskonvention und dem Völkerrecht auf. 

Der Kernsatz: