Warum es Frauen auf der Plattform besonders schwer haben

Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen gibt es immer noch nicht. Nicht mal in dem Raum, der mal die Utopie einer neuen Gesellschaft verhieß: Noch immer nutzen weniger Frauen als Männer das Netz (Statista), in den Kommentarspalten dominieren männliche Stimmen (NDR) und nur zehn Prozent der Wikipedia-Schreiber sind weiblich – weil Neueinsteigerinnen es offenbar schwer haben in der Männerwelt der Online-Enzyklopädie (SPIEGEL).

Auf YouTube ergibt sich ein ähnliches Bild: Unter den 50 größten YouTube-Kanälen Deutschlands werden nur vier von Frauen betrieben (Socialblade). Doch vor allem Jugendliche schauen die Videos – egal welchen Geschlechts. Demnach klicken 90 Prozent der 12- bis 19-Jährigen mehrmals pro Woche den Play Button (JIM-Studie).

Die zwei beliebtesten YouTuberinnen sind BibisBeautyPalace und Dagi Bee, in deren Videos es in erster Linie um Kosmetik und Mode geht. Comedy, Gaming, Musik und Sport, das gibt es laut einer Studie hauptsächlich bei männlichen YouTubern.

Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, hat die Studie geleitet. Frauen werden auf YouTube in diese Rolle gedrängt, sagt sie. Denn sobald Frauen ihre üblichen Bereiche verließen und in männerdominierte Gebiete vordrängen, bekämen sie automatisch auch viel Hatespeech. "Das führt dazu, dass es 'sichere Bereiche' für Frauen gibt, so haben es YouTuberinnen uns beschrieben", erklärt Elizabeth Prommer. Die Folge: Nur wenige Frauen trauten sich, auch Comedy zu machen oder über politische Themen zu sprechen.

Doch während sexistische Kommentare von Usern in der Öffentlichkeit stärker als Problem wahrgenommen werden, bleibt ein Aspekt meist verborgen:

Auch unter YouTubern gibt es ein Sexismus-Problem. Das zeigte sich nach der Veröffentlichung zweier Videos von Mirella Precek.

Auf ihrem Kanal "mirellativegal" kritisierte sie in einem Video Inscope21, einen der aktuell bekanntesten deutschen YouTuber – eigentlich nichts Außergewöhnliches, YouTuber kritisieren sich ständig untereinander.

Trotzdem entwickelte sich ein Shitstorm, unter dem Video schrieben User Tausende Kommentare, darunter Beleidigungen, Hass und nach Angaben der 26-Jährigen sogar Vergewaltigungsdrohungen.

Im darauffolgenden Video wehrte sich Mirella gegen den Hass und sprach darin auch ihre Rolle als Frau an: 

Wenn Frauen auf YouTube ihre Meinung sagten, müssten sie damit rechnen, beschimpft zu werden – ganz besonders, wenn sie dabei einen Mann kritisierten.

Auf dieses Video – und vor allem diese Aussage – reagierten mehrere YouTuber, darunter "KuchenTV" und "MontanaBlack", der derzeit beliebteste deutsche Streamer. Auf seinem größten YouTube-Kanal hat er mehr als 2,2 Millionen Abonnenten. Er und KuchenTV warfen Mirella "Männerhass" vor und unterstellten ihr, den Feminismus zu "missbrauchen". Ihre Argumente: Auch sie würden beleidigt, Mirella solle sich also nicht beschweren.

YouTuber und Streamer MontanaBlack.

(Bild: Philipp Schulze / dpa)

Mit ihren Videos sorgten sie dafür, dass nun auch ihre eigenen Communities negative Kommentare unter Mirellas Videos hinterließen – darunter erneut: Beleidigungen und Hass.

"Genau das, was Mirella angesprochen hat, wurde durch diese Reaktionen bewiesen", sagt Robin Blase. Als "RobBubble" ist er seit 2006 auf YouTube, sexistische Äußerungen von MontanaBlack hat er in einem eigenen Video bereits thematisiert. Wenn er sich kritisch über andere YouTuber äußere, bekäme er deutlich weniger Hasskommentare, sagt der 28-Jährige: "Hätte ich das identische Video über Inscope gemacht, wäre bei mir vermutlich etwas ganz anderes zurückgekommen als bei Mirella."

Er sieht YouTuber in der Verantwortung. Sie müssten sich vor allem ihre Vorbildfunktion bewusst machen. Denn letztendlich seien es die Communities, die eine frauenfeindliche Umgebung schafften. Und auch wenn MontanaBlack stets beteuere, kein Vorbild sein zu wollen – er sei es nun einmal: "Da gibt es zwei Millionen Leute, die zu ihm aufsehen, viele davon junge Männer, für die er der Coolste ist. Wenn der sexistische Dinge raushaut, dann nehmen die das mit", sagt Robin.

Die Community sehe sich bestätigt und vielleicht sogar indirekt aufgefordert, auf fremden Kanälen sexistische Kommentare zu hinterlassen. Der ursprünglich kritisierte Inscope etwa hatte seine Fans dazu aufgerufen, keine beleidigenden Kommentare bei Mirella zu hinterlassen – im Gegensatz zu KuchenTV und MontanaBlack.

Das Problem: Wer auf YouTube erfolgreich sein will, ist von Interaktionen abhängig.

"Wer mit seinen Videos Geld verdienen möchte, kann nicht einfach die Kommentare ausblenden", erklärt Elizabeth Prommer, "denn dann blockieren die Algorithmen einen und das Video bleibt kaum sichtbar." Damit wird die Unterrepräsentation von Frauen auf YouTube – vor allem außerhalb des Beauty-Bereichs – weiter gefördert. 

YouTuberin Jodie Calussi

Eine, die auch ohne Beauty-Tutorials Erfolg hat, ist Jodie Calussi. In ihren Videos spricht sie über bekannte Verschwörungstheorien, singt gemeinsam mit anderen YouTubern oder sticht sich selbst ein Tattoo. Für einige Zeit betrieb sie auch einen Gaming-Kanal, heute folgen ihr mehr als 500.000 Menschen. Sexistische Kommentare und Beleidigungen unter ihren Videos sind für sie Alltag. "Ich gebe mich weniger weiblich als andere YouTuberinnen, deshalb wird mir in den Kommentaren eher gesagt, ich solle mir doch mal was anderes als einen Hoodie tragen oder mehr meine Brüste zeigen", sagt sie. Daran habe sie sich mittlerweile gewöhnt – "aber es trifft einen immer mal wieder."

Dank einer größer gewordenen Community ist für Jodie Calussi das Problem mit Sexismus in ihren eigenen Kommentarspalten etwas kleiner geworden – denn mittlerweile erhält sie auch Unterstützung von ihren eigenen Fans. "Wenn ich heute diese Kommentare bekomme, gibt es Leute, die mich verteidigen und die schreiben: 'Denk doch mal darüber nach, was du gerade gesagt hast.'"

Vielleicht lassen sich die männlichen YouTuber ja davon irgendwann inspirieren.

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Future

Das Jobtrio berät: Muss ich als Berufsanfänger Überstunden machen?
"Ich könnte nicht nach Hause gehen, wenn ich wüsste, mein Chef stünde jetzt noch bis 19 Uhr an den Geräten."

Es ist Feierabend und niemand geht nach Hause. Die Laptops im Büro bleiben aufgeklappt, die Überstunden häufen sich. Jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland arbeitet mehr als 48 Stunden in der Woche (Statistisches Bundesamt). Besonders Führungskräfte sind davon betroffen. Sie arbeiten häufig von allen am längsten.

Gerade Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen wollen diese Chefinnen und Chefs von ihrer Arbeitsleistung überzeugen – und bleiben länger.

Sollten gerade Änfänger und Anfängerinnen länger arbeiten?

Darüber haben wir mit unserem Job-Trio gesprochen: