Bild: Daniel Karmann/dpa

Unser Alltag wird von ungeschriebener Etikette bestimmt: Regelmäßig duschen, gesund essen, nicht mit Fremden quatschen. Aber es gibt einen Ort, wo man sich von alldem frei machen kann: Festivals. Man campt zwei Tage im Schlamm, isst kalte Bockwurst, wäscht die Haare nur mit Trockenshampoo und trinkt warmes Bier mit verschwitzten Fremden – zum Frühstück. Das ist großer Teil des Spaßes.

Für Frauen bringt die ausgelassene Stimmung aber noch weitere Grenzüberschreitungen. Kaum ein Festival kommt ohne sexistische Sprücheklopfer, Grabscher und andere Übergriffe aus. Einer Umfrage britischer Forscher zufolge hat jede dritte Festivalbesucherin in Großbritannien sexuelle Belästigung erlebt. (The Guardian)

In diesem Festivalsommer ging in Deutschland eine Reihe Vorfälle durch die Medien.

Bei "Rock im Park" in Nürnberg gab es Aufregung über mackerhaftes Verhalten. Männergruppen waren mit aufblasbaren Riesenpenissen über das Gelände gezogen. Die Band Drangsal postete ein Foto von Männern in pinkfarbenen Westen mit der Aufschrift "Triebtäter". Die Polizei zählte drei sexuelle Übergriffe. (Nordbayern)

Die Nürnberger Frauenbeauftragte und verschiedene Frauenorganisationen schrieben daraufhin einen offenen Brief an den Veranstalter Argo-Konzerte (Nordbayern). Sie forderten "Sicheres Feiern für Alle!".

Schild auf dem "Rock im Park"-Festival

(Bild: Nadia Shehadeh)

Sexistische Sprüche auf Pappschildern, ebenfalls beim "Rock im Park"

(Bild: Daniel Karmann/dpa)

Einige Festivals haben begonnen, dem Sexismus auf dem Gelände zu begegnen.

Der Veranstalter FKP Scorpio, einer der größten in Deutschland, hat für das Splash-Festival das "Panama"-Konzept weiterentwickelt (bento). Frauen und Männer, die sich belästigt fühlen, konnten das Awareness-Team ansprechen, mit dem Satz "Wo geht's hier nach Panama?". Auf seiner Webseite stellte der Veranstalter klar, sexistische, rassistische, trans- und homophobe Vorfälle seien nicht willkommen.

Andere Festivals ignorieren das Sexismus-Problem bisher.

Wir haben mit drei Frauen über Sexismus auf Festivals gesprochen – und die Veranstalter gefragt, was dagegen getan wird.

Lilli hat in diesem Jahr auf dem Wacken-Festival alle sexistischen Begegnungen dokumentiert. Leah berichtet von einem nächtlichen Vorfall auf dem Rocco Del Schlacko und Nadiah hat für einen Blog die Frauenfreundlichkeit von Festivals gestestet.

Lilli*, 20, erlebte auf dem Wacken-Festival sexistische Sprüche.

"Es war mein fünftes Wacken, aber ich war zum ersten Mal nur mit einer Freundin da. Der erste sexistische Kommentar kam schon beim Zelt aufbauen: Ein Typ nannte uns 'Hühnerhaufen'. Ich dachte, wie viel wohl zusammenkommt, wenn man allen Sexismus dokumentiert? Also habe ich meinen Freund Paul zu Hause gebeten, alles öffentlich zu machen. Er ist Youtuber und erreicht auf Twitter mehr Menschen.

Am Ende waren es 20 Vorfälle in drei Tagen: Es gab die typischen 'Bier-für-Titten-Schilder' und eklige Sprüche auf T-Shirts. Auf einem stand ein Spruch, der wie Verharmlosung von Vergewaltigung wirkte:

Wir wurden ständig auf Brüste und Schenkel angesprochen: 'Geiles Paar' oder 'Dicke Titten'. Ein Mann hat, nur in Unterhose, versucht, uns anzutatschen. Wir wurden angepfiffen und meine Freundin wurde von einem besoffenen Typen gefragt, ob sie ihn heiraten will, ihre Zöpfe seien so süß.

Ein Vorfall hat mich schockiert: Am Stand von Jägermeister wurden Aufklebetattoos verteilt. Meine Freundin wollte eines und der Barkeeper sagte: Komm her, ich mach dir das. Sie hielt ihm den Arm hin, aber er drückte ihr die Hand mitten in den Ausschnitt.

Dann sagte er zu einem stark tätowierten Typen neben uns: 'Hey du bist doch Profi, übernimm du mal'. Er legte dessen Hand auf die Brust meiner Freundin, wackelte hin und her und sagte: '30 Sekunden mindestens'.

Das alles zu dokumentieren hat mir ganz schön die Laune verdorben. Am Abend bin ich einfach ins Camp zurück und schlafen gegangen."

*Name geändert

Wie reagiert das Wacken-Festival?

Von Sexismus auf dem Zeltplatz habe man nichts mitbekommen, sagt der Veranstalter des Festivals Wacken gegenüber bento. "Uns liegen hierzu keine Informationen vor, dass es bei uns entsprechenden Plakate oder Sprüche gegeben haben soll." Bei sexualisierten Übergriffen biete man Unterstützung "durch die Polizei oder aber durch unsere Seelsorger".

bento hat auch die Veranstalter von "Rocko del Schlacko" und "Rock am Ring" um eine Stellungnahme gebeten und gefragt, was sie gegen Sexismus auf dem Gelände tun. Bis zur Veröffentlichung lagen aber keine Antworten vor.

Leah, 25, wurde nachts auf dem Rocco del Schlacko gefesselt.

"Gegen ein Uhr lief ich mit einer Freundin über den dunklen Campingplatz. Die Konzerte waren vorbei, wir wollten zu den Zelten. Plötzlich kamen zwei oder drei Männer. Einer sagte: 'Könnt ihr mal kurz stehenbleiben?'

Dann ging alles schnell. Die Typen fesselten uns mit Absperrband an einen fremden Mann. Sie fanden das super witzig. Ich glaube, dem Mann war das auch ziemlich unangenehm. Ich hatte erst keine Angst. Man ist das auf Festivals ja gewohnt: Alle sind bisschen betrunken und es passiert super viel seltsames Zeug.

Wir fragten ganz freundlich, ob sie uns bitte wieder losmachen könnten. Aber ziemlich schnell schlug die Stimmung um. Wir sagten: 'Hört auf mit der Scheiße! Es reicht jetzt'. Und ich dachte, wenn die das nicht machen, werde ich mich körperlich wehren müssen. Auch, wenn ich das in meinem Leben bisher nie getan habe. Nach einigen Minuten haben sie uns losgemacht.

Auch von anderen Besuchern habe ich dort Sexismus erlebt. Eine Gruppe von Jungs zeltete beim letzten Mal auf dem Weg zu den Damen-Klos, man konnte nicht vorbeigehen ohne ein 'Zeig mal Titten' abzubekommen. Auf dem Rock am Ring gibt es traditionell eine mit Klebeband markierte 'Oben-Ohne-Zone', in der Frauen gebeten werden, sich zu entblößen"

Nadiah, 36, zählt aufblasbare Penisse und Frauenpissoirs.

Das Onlinemagazin "Blogrebellen" hat in diesem Jahr eine weibliche "Task-Force" auf Festivals geschickt. Sechs Frauen sollten die großen Festivals abchecken: auf Musikqualität und die Frauenquote im Lineup – aber auch Sexismus. Wie viele blöde Sprüche bekommt man? Wie frei können Männergruppen Frauen belästigen? Gibt es sichere Rückzugsorte? Und sind Frauen bei der Organisation mitgedacht – bei Klos, Duschen, Zeltplätzen? Gibt es Tamponeimer und Beleuchtung auf den Wegen? Wie sicher fühlen sich Besucherinnen? Nadia Shehadeh war dabei.

(Bild: Privat)

"Ziemlich problematisch war das Rock im Park. Viele Mackerbesucher, typische Junggesellenabschiede. Einige Besucher haben auch Gimmicks mitgebracht: Aufblasbare Riesenpenisse zum Beispiel.

Es wurde viel gerempelt, gab viel Catcalling. Fazit: Wir haben uns da nicht so wohl gefühlt. Auch die Toilettensituation war schlecht. Es gab viel zu wenige, irgendwann wurden sie ganz gesperrt. Die Stehpinkler gingen dann einfach in die Büsche – aber andere können das nicht.

Dabei geht es auch anders. Auf dem Roskilde-Festival gab es Urinale für Frauen. Die sehen aus wie pinkfarbene Mini-Labyrinthe. Das waren Kleinigkeiten, bei denen ich dachte: Ach schau mal, da haben sie uns mitgedacht.

Und auch die Stimmung unter den Besucherinnen und Besuchern war anders, weil ständig an alle appelliert wurde: Seid respektvoll, kümmert Euch umeinander. Selbst auf den Bierdosen stand ein "Drink respectful!".

Veranstalter können da viel gestalten. Ich hatte den Eindruck, dass sich das auf die Gesamtstimmung niederschlägt. Auf einigen Festivals gibt es Stände gegen Sexismus und Rassismus. Da merkt man, dass die Leute ein Gefühl dafür haben, was schief laufen kann. Bei vielen großen Veranstaltungen heißt es dagegen: Hier gibt's die Bratwurst, da das Bier und dort sind die Toiletten. "

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Hinweis: Der Vorfall mit der Männergruppe, die auf dem Weg zu den Damenklos zeltete, geschah Leah auch auf dem Rocco del Schlacko, nicht bei Rock am Ring. Wir haben das korrigiert.


Grün

Festivalbesuch ohne Müll – geht das? Ich habe es ausprobiert

Festivals sind die willkommene Ausrede, um neun Uhr morgens schon das erste Bier zu öffnen, tagelang draußen zu sein und nebenbei die liebsten Bands zu sehen. Was nach einem wunderbaren Musikerlebnis in der Natur klingt, hat auch eine schmutzige Seite.

Schätzungsweise 30 Prozent der Zelte bleiben auf Musikfestivals in Deutschland zurück und landen im Sperrmüll (Süddeutsche Zeitung). Tonnenweise Blechdosen, Verpackungsmüll und Zigarettenstummel finden sich auf den Veranstaltungsflächen. Oft stammt der Strom für Bühnenshows und Geländebeleuchtung aus Dieselgeneratoren. Bilder nach der Feierei zeigen oft: Festivals sind eine Müllmaschine