Bild: Darius Bashar/Unsplash

Es ist eine heiße Julinacht, ich sitze oben ohne auf meinem Balkon und rauche. Es war ein langer Tag im Bordell, ich bin zufrieden und erschöpft von der körperlichen Arbeit. Wer auf dem Bau arbeitet, fühlt sich vielleicht so, wenn er oder sie erfolgreich ein sauberes Fundament gegossen hat. Ich denke an meine fünf Kunden, die respektvoll und großzügig waren.

Der Autor

Christian Schmacht* lebt als queerer Autor und Sexarbeiter in Berlin. Er schreibt über Feminismus und die Arbeit im Bordell. Im Herbst 2017 erschien sein autobiografisch inspiriertes Debüt "Fleisch mit weißer Soße" im Verlag Edition Assemblage. Darin geht es um einen jungen transgender Mann, der als Frau verkleidet anschafft.

*Der Name ist ein Pseudonym.

Ich bin 27 und Sexarbeiter. Ich arbeite im Escort und im Bordell.

Als trans Mann ist das eine besondere Herausforderung. Im Bordell muss ich mich mit viel Schminke und einer Ganzkörper-Rasur erst einmal dem erforderlichen Maß an Weiblichkeit annähern. Ich nehme Testosteron, dadurch wächst mir ein Bart, den die heterosexuellen Kunden nicht entdecken sollen. Es wäre zu verwirrend für sie.

Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter lassen sich auf intime, nahe Begegnungen mit der meist männlichen, manchmal weiblichen oder nicht binären, Kundschaft ein. Wir sind dadurch besonders verletzlich für Diskriminierung und Gewalt.

Ist Sexarbeit in Deutschland erlaubt?

Ja. Die Gesetzgebung zu Prostitution ist sogar eine der liberalsten in ganz Europa. Immer wieder fordern Frauenrechtlerinnen deshalb, Sexarbeit oder zumindest den Sexkauf zu verbieten – auch, um Zwangsprostitution und Menschenhandel einzudämmen. (SPIEGEL ONLINE)

Selbstorganisationen halten dagegen. Sie sagen, Prostitution kann auch selbstbestimmte Sexarbeit sein. Ein Verbot würde außerdem die prekäre Situation der Sexarbeiterinnen nur verschärfen.

Seit dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 gilt in Deutschland eine Anmelde- und Erlaubnispflicht für Prostitution. Behörden bieten eine Gesundheitsberatung an, außerdem gilt Kondompflicht und ein Werbeverbot.

Immer wieder wollen Politikerinnen und Politiker unsere Arbeit deshalb verbieten – zu unserem eigenen Schutz. Anfang Juli wurde im Bundestag der fraktionsübergreifende Arbeitskreis "Prostitution überwinden" gegründet. Politikerinnen von SPD, CDU und FDP wollen in Deutschland ein Sexkaufverbot einführen. (SPIEGEL ONLINE)

SPD-Politikerin Maria Noichl sagte dazu: "Kann es eine Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt geben, wenn draußen am Straßenstrich Frauen zu kaufen sind als Objekte?" Aber das ist ein Missverständnis: Man kann auf dem Strich keine Frauen kaufen. Nur ihre Dienstleistungen stehen zum Verkauf.

Der Arbeitskreis und viele andere Organisationen fordern das sogenannte Nordische Modell: Der Kauf von bestimmten sexuellen Dienstleistungen wird verboten - der Verkauf soll legal bleiben, damit Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter keine Nachteile haben.

Die Realität sähe aber anders aus. 

Wenn meine Kunden kriminalisiert würden, gäbe es keine Bordelle mehr. Es gäbe nicht mehr die anderen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, mit denen ich mich austauschen kann, nicht mehr die Hausdame, die mich in der Verhandlung mit dem Kunden stärkt oder den Sicherheitsdienst, der freche Gäste vor die Tür befördert.

Ich arbeite nicht nur im Bordell, sondern auch als Escort. Da bin ich bereits heute auf mich allein gestellt, denn es gibt keine Agentur, die mit trans Männern arbeitet. Ich suche mir meine Kunden selbst, schätze ab, ob sie vertrauenswürdig sind oder potenziell gefährlich und verhandle die Preise.

Wäre Sexkauf verboten, wären auch diese Kundinnen und Kunden vorsichtiger. Sie würden mir im Escort nicht mehr ihre echten Namen, Fotos und Adressen geben. Ich könnte sie nicht mehr überprüfen und einer Freundin Bescheid sagen, wenn ich zu ihnen fahre. Die Kunden wären immer nervös, weil sie sich strafbar machen. Ich könnte wohl nicht mehr meinem Bauchgefühl vertrauen und abschätzen, wer ehrlich ist – und wer nicht.

Wäre der Sexkauf illegal, könnte ich auch nicht mehr zu Hause arbeiten. Meine Vermieterin könnte mich rausschmeißen, wenn sie von meiner Arbeit erfahren würde. Meine beste Freundin, die mich heute oft mit dem Auto zum Hotel fährt, wo ich Kunden treffe, könnte angezeigt werden: als Zuhälterin. Und wenn ich Kinder hätte, könnte mir das Jugendamt das Sorgerecht entziehen.

Bereits heute müssen sich Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter verstecken.

Wer auf dem Straßenstrich arbeitet, muss in weit abgelegene Straßen ausweichen und dort ohne viel Nachdenken in die Autos steigen. Denn der Kunde läuft Gefahr, von der Polizei entdeckt zu werden. Ein Verbot bedeutet für uns also vor allem: höhere Risiken.

Auch das "Prostituiertenschutzgesetz" von 2017 kriminalisiert Sexarbeit in Deutschland durch viele neue Regeln. Halten wir uns nicht daran, drohen hohe Bußgelder. So muss beispielsweise ein Ort, an dem Sexarbeit stattfindet, getrennte Waschräume für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und Kundschaft haben. Während große Läden die Vorschrift bei der Einführung des neuen Gesetzes schon erfüllten, konnten sich kleine, selbstgeführte Wohnungsbordelle den Umbau nicht leisten – und mussten schließen.

Seit der Gesetzesänderung ist auch der "Hurenpass" vorgeschrieben. So nennen wir die Anmeldebescheinigung nach dem Prostituiertenschutzgesetz. Dafür musste ich meinen Ausweis zeigen, mich als Prostituierte registrieren lassen und bekam eine Zwangsberatung, bei der ausführlich gefragt wurde, ob ich den Job wirklich freiwillig mache.

Ich habe nie verschwiegen, wie hart meine Arbeit sein kann.

Oft höre ich, ich sei ein privilegierter Sexarbeiter. Ich mache den Job doch nur zum Spaß und solle nicht für meine Kolleginnen und Kollegen sprechen. Aber ich bin trans und lebe mit psychischen Krankheiten. Trotz Privilegien und Uniabschluss finde ich keine bessere Arbeit. Mit Sexarbeit habe ich immerhin die Möglichkeit, meine Zeit frei einzuteilen und mich in Krisenzeiten um mich selbst zu kümmern.

Ich habe noch nie behauptet, dass mich der Job empowert – und ein luxuriöses Leben ermöglicht er mir auch nicht. Es gibt Tage und Wochen, an denen ich mir wünsche, ich müsste nicht schon wieder jemanden anlächeln, den ich gar nicht sympathisch finde. Oder mich schminken und stylen, obwohl ich lieber mit zerzausten Haaren und bequemen Jogginghosen unterwegs wäre. Ich wünsche mir, ich müsste nicht zu einem Kunden nach Hause kommen, der meine Rate runtergehandelt hat und mir bedrohlich vorkommt.

Aber die meisten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter stehen unter dem Druck, Geld verdienen zu müssen. Manche sind in gewalttätigen Beziehungen und werden gezwungen, für ihre Partnerinnen oder Partner zu arbeiten. Einige arbeiten Schulden ab oder versuchen, ihre Familien in anderen Ländern zu unterstützen. Andere wiederum möchten ihr Studium finanzieren, ein Haus bauen oder einfach ein schickes Auto fahren. Viele müssen ihre Arbeit vor dem Umfeld verheimlichen.

Wovon wir alle profitieren würden, sind gute Beratungsangebote und eine Gesundheitsversorgung, die uns nicht diskriminiert.

Ich war kürzlich bei einer Beratungsstelle, in der man sich anonym und kostenlos auf Geschlechtskrankheiten testen lassen kann. Es war meine erste gynäkologische Untersuchung seit sieben Jahren. So lange hatte ich es auch bei Krankheitssymptomen vermieden, zum Arzt zu gehen. Es war auch die erste Untersuchung meines Lebens, bei der ich mich wohlfühlte. Die Ärztin war kompetent, respektvoll und sachkundig. Sie konnte meinen Arbeitsalltag im Bordell einschätzen und meinen Körper als trans Mann. Als ich die Praxis verließ, weinte ich vor Erleichterung.

Ein solches, niedrigschwelliges Angebot gibt mir die Möglichkeit, mich um meine Gesundheit und Sicherheit zu kümmern. Anders als ein erzwungenes Gespräch mit einer Sozialarbeiterin, bei dem ich nicht ehrlich sein kann, da vielleicht mein "Hurenpass" auf dem Spiel steht.

Wovon profitieren wir noch? Von Frauenhäusern, von offenen Grenzen, damit Migration uns nicht erpressbar macht, von sicheren Arbeitsplätzen und Akzeptanz. Das alles würde ein Verbot uns nehmen. Es würde uns auch die Möglichkeit nehmen, von unserer Arbeit zu erzählen, selbstbewusst für uns einzustehen – und solche Forderungen zu stellen.

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Queer

CSD und dann? So unterstützt du queere Menschen auch im Alltag
Wir haben darüber mit Spice Girl Mel C gesprochen

Der Berliner Christopher Street Day feierte 2019 einen legendären Besucherrekord, mit mehr als einer Million Partygästen. Aus der ursprünglichen Demo ist ein großes Volksfest geworden: Homos, Heteros und alle dazwischen tanzten gemeinsam bunt angemalt durch die Straßen (SPIEGEL ONLINE). 

Gleichzeitig ist die Chefin der größten deutschen Partei eine Frau, die in der Ehe für alle eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft sieht und offen über Intersexuelle lacht. Die stärkste Oppositionspartei im Bundestag tut ihr Bestes, um queere Menschen zu diskriminieren (queer). 

Wie passt das zusammen?

Es gibt leider in jeder Gesellschaft Gruppen, die aus irgendeinem Grund von der Mehrheit ausgegrenzt werden: Wegen der Hautfarbe, der Religion, des Geschlechts. Laut der Dalia-Studie von 2016 beschreiben sich etwa sechs Prozent der Menschen in Europa als queer. Laut Deutschem Jugendinstitut ist es unter jungen Menschen hierzulande sogar jeder zehnte. (Bild

In jeder Gesellschaft gibt es Mehrheiten, die sich selbst als "normal" empfinden. Die meinen, alles, was vermeintlich "anders" ist, behandeln zu dürfen, als sei es "unnormal". 50 Prozent der queeren jungen Menschen berichten daher schon in ihrer Schulzeit von Beschimpfungen und Anfeindungen, 80 Prozent werden merklich diskriminiert, etwa durch Ausgrenzung oder Andersbehandlung. Sich dagegen zu wehren, ist oft gefährlich. Vor allem, wenn man allein ist. (DJI