Bild: Christoph Reichwein/dpa
Wir haben Zsofia in einer Terminwohnung getroffen. Sie sagt: "Ich habe Angst, mich anzustecken."

Zsofia* sitzt auf einem großen weißen Lederbett und schaut auf ihre Handys. Sie hat zwei, ihr privates für Freundinnen und die Familie daheim – und das berufliche, das der Zuhälter ihr besorgt hat. Dort melden sich für gewöhnlich die Freier. Das erste Handy summt immerzu, das zweite bleibt still. "Keiner kommt mehr", sagt Zsofia, "gestern einer, vorgestern drei." Sonst habe sie sechs bis sieben Kunden am Tag. 

Zsofia arbeitet als Prostituierte in einer Terminwohnung am Stadtrand von Hamburg. Im Netz hat sie eine Anzeige geschaltet, "Lilly" nennt sie sich dort. 27 Jahre alt sei sie, komme aus Ungarn und sei "zärtlich oder hart", je nach dem, was dem Mann gefalle. Auf den Bildern ist ein zierliches Mädchen in Schuluniform zu sehen. 

Wer sie in ihrer Wohnung besucht, trifft hingegen eine junge Frau Anfang 30, die sich in einen dicken Frottee-Bademantel mit einem Minnie-Maus-Aufnäher hüllt. Zsofia wirkt verunsichert, nach jedem dritten Satz bläht sie ihre Wangen auf und presst Luft durch ihre Lippen, als könne sie damit all die Anspannung ausatmen.

Trotz des Kontaktverbots geht das Sexgeschäft weiter

Seit Mitte März gelten in Deutschland strenge Regeln, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verhindern. Unter anderem Museen, Clubs und Kinos mussten schließen – und Bordelle (SPIEGEL). Das Verbot gilt nicht nur für die Bordelle selbst, sondern für alle Orte, an denen Prostitution angeboten wird: Auch Haus- und Hotelbesuche oder eben das Betreiben von Terminwohnungen, wie jene, in der Zsofia auf Kunden wartet, sind derzeit untersagt

Prostitution in Deutschland

Es gibt wenige verlässlichen Zahlen, wie viele Prostituierte in Deutschland arbeiten. Schätzungen des Frauenministeriums von 2010 gehen von bis zu 400.000 Personen aus, fast ausschließlich Frauen (BMFSFJ). Sozialwissenschaftlerinnen rechnen eher mit 64.000 bis 200.000 Prostituierten (Berufsverband Sexarbeit). 

Seit 2017 müssen sich Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter laut dem Prostituiertenschutzgesetz registrieren lassen. Doch das taten bisher nur wenige: 32.800 bis zum Ende des Jahres 2018. Nur 20 Prozent davon haben die deutsche Staatsangehörigkeit, die meisten kommen aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Drei Viertel aller gemeldeten Sexarbeiterinnen sind zwischen 21 und 44 Jahren alt. (DeStatis)

Auch die Dunkelziffer ist schwer einzuordnen – und die Frage, wie viele Frauen freiwillig arbeiten oder gezwungen werden. Der Berufsverband Sexarbeit geht davon aus, dass hier ebenfalls bis zu 200.000 Frauen arbeiten. Es sind jene, die nicht in Bordellen arbeiten, sondern auf den Straßenstrich gehen oder über das Internet Kunden finden.

Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter stellt die Coronakrise daher vor besondere Herausforderungen. Die wenigsten haben Rücklagen, viele arbeiten unter Zwang oder stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Ihnen bleibt oft keine Wahl, sie müssen weiter anschaffen gehen. Trotz Verbot geht das Sexgeschäft weiter – die Vermittlung läuft jetzt vermehrt im Netz.

Kontakt via WhatsApp: "Frauen, die bisher in Bordellen und Laufhäusern gearbeitet haben, schalten jetzt Anzeigen"

(Bild: Screenshot bento)

Auf Anzeigenportalen können Frauen inserieren und ihre Dienste anbieten. Wer sich durch die Inserate klickt, findet aktuelle Angebote, manche sind neun oder zehn Tage nach dem bundesweiten Bordellverbot geschaltet worden. 

"Die Dunkelziffer in der Sexarbeit schießt vermutlich gerade in die Höhe", sagt Paula zu bento. Sie arbeitet für eine Werbeplattform für Erotikanzeigen, also eines jener Portale, bei denen Frauen jetzt ihre Dienste anbieten. Gerade beobachte sie, wie viele Frauen in Not geraten, und sich gezwungen sehen, ihr Geschäft weiter zu betreiben.

Prostituierte wechseln vom Bordell-Geschäft in "diskrete" Wohnungen

Es gibt nach Paulas Einschätzung zwei Trends: Frauen, die es noch können, fahren in ihre Heimatländer in Osteuropa und pausieren das Geschäft. Entsprechend sei ein Großteil der Anzeigen gerade gekündigt worden. Andere würden versuchen, so gut es geht weiterzumachen: "Es rufen jetzt immer wieder Frauen bei uns an, die bisher in Bordellen und Laufhäusern gearbeitet haben und jetzt Anzeigen schalten wollen."

Auf Paulas Plattform geht das jedoch nur noch eingeschränkt. Auf der Seite laufen monatlich im Schnitt 5000 Inserate ein, jetzt sind alle Anzeigen mit Adressen gelöscht und die Plattform erlaubt aktuell nur Online-Dienste. "Die Frauen können jetzt Telefonsex anbieten oder Videos per WhatsApp verschicken", sagt Paula. Echte Kontaktanbahnungen seien verboten. 

Nicht alle Plattformen arbeiten so. Manche haben gar keinen Warnhinweis, andere schreiben, dass Kontakte aufgrund von Corona derzeit nicht möglich seien, und listen direkt darunter Dutzende neue Anzeigen.

bento hat bei zwei Dutzend Frauen in ganz Deutschland angerufen oder mit ihnen gechattet. Nur zwei haben direkt auf Corona verwiesen und angegeben, vorübergehend keine Dates auszumachen. Alle anderen bieten nun "diskrete" Hausbesuche oder laden in Wohnungen ein, auch Autotreffen seien möglich. Als Adresse geben sie derzeit nur "Sag ich dir am Telefon" an. 

Viele der Frauen kommen aus Osteuropa oder Asien. Bei einigen wirkt es am Telefon, als wüssten sie nichts vom gegenwärtigen Bordellverbot. Anderen ist klar, worauf sie sich einlassen. Alessia aus Frankfurt witzelt per Sprachnachricht, man könne ja im Schutzanzug Sex haben. Dann schreibt sie: "Habe starkes Immunsystem, bin nie krank." 

WhatsApp-Chat mit einer Prostituierten: Vielen ist klar, worauf sie sich einlassen.

(Bild: Screenshot bento)

Lily in Bremen schreibt im Chat, sie habe ihr Geschäft zwar "bis Ende April" auf Haus und Hotel verlagert, Küsschen seien immer noch drin: "Bei Sympathie :)" Und Coco aus Berlin versichert am Telefon:

„Ich treffe gerade nur noch im Hotel und wasche mich immer, ich bin sauber, also hör auf zu jammern.“
Prostituierte Coco

Jeder Typ wolle gerade wissen, ob sie infiziert sei. Wer sich sicher sein wolle, solle halt daheim bleiben. Sie müsse weiterarbeiten. Dann legt sie auf.

"Viele Frauen aus dem Ausland sind durch das Bordellverbot nun in eine prekäre Situation geraten", sagt Anna Waxweiler vom "Sperrgebiet", einer Fachberatungsstelle der Diakonie Hamburg. Sie hätten oft keine Meldeadresse in Deutschland und entsprechend keine Leistungsansprüche: "Weiterzuarbeiten ist für sie eine ökonomische Notwendigkeit". 

Annas Beobachtung nach versuchen viele, ihr Geschäft auf Onlinedienste zu verlagern. Andere gehen in Wohnungen und empfangen nur noch Stammfreier, viele weitere versuchen es auf dem Straßenstrich. Doch dort werde aufgrund des geltenden Kontaktverbots derzeit sehr stark kontrolliert, sagt Anna.

„Da viele keinen Pass haben und die Grenzen sowieso dicht sind, sind die Frauen hier in einer echten Notlage gefangen.“
Sozialarbeiterin Anna

Wenige Frauen, mit denen bento gesprochen und geschrieben hat, wollten sagen, ob sie für jemanden arbeiten oder selbstständig tätig sind. Aber fast alle erklären, dass sie weiterarbeiten müssen, weil sonst das Geld knapp wird. 

Zsofias Angst vor Corona

Zsofia aus Hamburg aber will reden. Die Terminwohnung im zweiten Stock eines Gewerbehauses teilt sie sich mit zwei weiteren Frauen. Am Klingelschild stehen nur weibliche Vornamen. Wer hineinkommt, blickt auf einen langen dunklen Flur. Rechts geht ein kleines Bad für die Freier ab, dahinter kommt die Küche, ein Schnitzel brutzelt gerade in einer Pfanne. 

Auf der linken Seite des Flures geht es in die Zimmer der Prostituierten. Zsofia hat ihres mit lila Herzchenkissen und einer elektrischen Duftkerze dekoriert. Auf dem Nachttisch liegen ein Dildo, eine Peitsche und ein Kondom. Zwischen den Rollläden wirft die Mittagssonne nur einen fahlen Lichtstreif.

300 Euro pro Woche muss Zsofia an ihren Zuhälter zahlen

Zsofia sagt, sie habe jemanden, der sich um sie "kümmert". Er helfe beim Anzeigenschalten und habe ihr auch die Wohnung organisiert. Ihm muss sie jede Woche 300 Euro zahlen, sagt Zsofia. Bis vor wenigen Wochen war das kein Problem: Zsofia nimmt für eine halbe Stunde Sex 60 Euro, hat das Geld für ihren Zuhälter also bestenfalls an einem Tag reingeholt.

Den Rest der Woche arbeitet sie für sich, zahlt davon die Miete, Essen und schickt Geld zu ihren Eltern. Die seien beide krank und hätten keine Arbeit mehr. Die Tochter in Deutschland sei die einzige Stütze. Nun muss Zsofia schauen, ob am Ende der Woche überhaupt mehr als 300 Euro rumkommen. 

Gleichzeitig hat sie Angst, sich anzustecken. "Eine Freundin von mir ist im Krankenhaus", sagt sie, "so richtig mit Atemmaske und Schläuchen". Über das Virus informiert sie sich ausschließlich über ungarische Medien, ihr Deutsch ist nicht gut genug für hiesige Behördenseiten. Entsprechend wenig weiß Zsofia über Schutzmaßnahmen. 

Die Stadt Hamburg steht den Treffen in Terminwohnungen ein bisschen machtlos gegenüber. "Auch in der gegenwärtigen Situation versuchen alle Fachberatungsstellen im Kontext von Prostitution und Menschenhandel soweit es möglich ist den Betrieb für ihre Zielgruppen aufrecht zu erhalten", heißt es vom Senat der Stadt auf Anfrage. Frauen, die gegenwärtig noch zur Arbeit gezwungen werden, könnten sich an die Polizei oder Beratungsstellen wenden, heißt es weiter.

Zsofia sagt, Küssen sei bei ihr aktuell tabu. "Nur noch hier", sagt sie und tippt mit ihrem Zeigefinger einmal an die linke und einmal an die rechte Wange. 

*Zum Schutz der Frauen sind sämtliche Namen wie auch Orte und Beschreibungen von Äußerlichkeiten zum Teil geändert.


Food

Was du brauchst, um nicht nur in Zeiten von Corona zu Hause gut kochen zu können

Restaurants, Cafés und Bars haben geschlossen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Supermärkten kommen kaum dazu, Produkte in den Regalen nachzufüllen. Wir befinden uns in einer Situation, die einige Menschen dazu bringt, sich eine Schutzburg aus Konserven, Mehl und Klopapier bauen zu wollen. Aber auch alle Nicht-Hamsterkäufer müssen sich gerade umstellen: Auch wenn die Lieferdienste weiterhin ihr Bestes geben (Support your local!), kann man die gewonnene Zeit zu Hause auch nutzen, das Kochen für sich zu entdecken.