Bild: Marc Röhlig
Ein Interview über islamische Sexualität und PornHub.

"Sex" und "Islam" – das klingt aus westlicher Perspektive unvereinbar. Die Religion wird stets als konservativ und streng wahrgenommen, Sex hingegen ist wild und frei von Regeln. Sex und Islam zusammen, das muss also immer Stoff für Konflikte sein.

Shereen El Feki, forscht zum Thema Sexualität im Islam. Ihr Buch "Sex und die Zitadelle" gilt als gelungener Einblick in das Liebesleben von Muslimen.(Bild: Kristof Arasim)

Dabei ist ein Happy-End möglich, sagt die Biologin und Journalistin Shereen El Feki. Fünf Jahre lang hat sie den Nahen Osten bereist und dort Interviews mit jungen Muslima und Muslimen über deren Sexualverhalten geführt. Entstanden ist "Sex und die Zitadelle" – ein intimer Einblick in das Sexualleben von Muslimen. Sie nimmt die Zitadelle in Kairo, eine alte Festung, als Symbol für die Verschlossenheit der arabischen Gesellschaften. Mittlerweile zählt das Buch als Standardwerk.

Nun sitzt die Autorin an einer neuen Studie, die sich speziell mit den Sehnsüchten und Problemen arabischer Männer beschäftigt. Mit bento spricht El Feki über das, was Sex im Nahen Osten definiert, wo der Arabische Frühling neue Freiheiten ermöglicht – und warum PornHub in Wahrheit vor 1000 Jahren in einer Bagdader Gelehrtenstube erfunden wurde.

Wie wird im Nahen Osten über Sex gesprochen?

Sexualität wird hier genauso beeinflusst wie auch überall sonst: durch Traditionen, Politik, Religion und soziale Möglichkeiten. Allerdings ist der Nahe Osten eine riesige Region mit vielen verschiedenen Ländern, hier zu generalisieren ist also schwer. Man kann aber immerhin sagen, dass die meisten Länder viele ausgeprägte Tabus definiert haben. Die Ehe wird als einzige Variante akzeptiert, in der Sex erlaubt ist – sie ist eine Art soziale Zitadelle oder Festung, die jedem Angriff auf den Status quo standhält.

Allerdings wirkt das nur so. Die Wahrheit ist: Alles ist möglich. Die Arten, wie Menschen in arabischen Ländern Sex haben und ihre Sexualität entdecken, ist vergleichbar mit anderen Ländern – im Privaten. Doch es gibt eine große Lücke zwischen dem, was getan wird und worüber man bereit wäre, in der Öffentlichkeit zu reden.

Im Slider – drei junge Muslime berichten von ihrem Blick auf Sex:

„Ich lebe seit einem Jahr in Deutschland, aber hier, wie auch in meiner Heimat Ägypten, ist Sex ein sehr privates Thema. Anders als in Ägypten kann man Sex und Intimität haben, ohne die Angst vor einer Verhaftung.  Dadurch fühle ich mich in Deutschland nicht freier, da ich mich persönlich entschieden habe, dass ich auf meinen künftigen Ehemann warten und vor der Ehe daher keine sexuellen Beziehungen haben möchte.  Diese Entscheidung ist nicht an einen Ort gebunden, sondern an die Religion, zu der ich mich bereitwillig zähle. Das macht mich jedoch nicht persönlich unfrei, im Gegenteil. Unabhängig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen, das ist Freiheit.“
"In Amman ist es nicht so einfach, seine Sexualität zu leben. Aber man kann schon Freunde und eine Gemeinschaft finden, bei der du einfach du selbst sein kannst. Es gibt hier alles, Homosexuelle, Leute, die einen Fetisch haben oder auch asexuelle Menschen. Ich habe jede Menge Erfahrungen gemacht und Leute getroffen, die auf exotische Spiele stehen. Amman hat sich da verändert, es gibt mehr Leute, die offen und neugierig sind. Ein Liebesleben zu haben bedeutet mir alles in Amman. Ich habe eine Beziehung, die jeder will, sie ist perfekt. Wir streiten uns, wir umarmen uns, geben uns Geschenke und übernachten beieinander. Es ist eine beeindruckend normale Beziehung mit großen Träumen und Hoffnungen."
"Bei jedem Kaffeekränzen wird über Sex geredet, aber niemals in Anwesenheit von Männern. Sex ist von Paar zu Paar unterschiedlich – jeder hat ja seine Vorlieben, bei Muslimen ist das nicht anders. Nur, dass es immer der eine Partner ist. Denn für gläubige Muslime ist die einzig mögliche Form von Beziehung die Ehe. Ich werde erst im September heiraten, bin also noch Jungfrau. Von meinen Freundinnen weiß ich, dass sich die Eltern oft ins Eheleben einmischen. Viele machen ziemlich Druck, weil sie Enkel wollen. Das soll wohl daran liegen, dass Angehörige Angst haben, einer der Frischverheirateten sei nicht fruchtbar – also müssen schnell Tatsachen her. Kürzlich hat sich eine Freundin beschwert, dass ihre Haare noch kaputtgehen würden, weil ihr Mann eine Zeit lang jeden Tag wollte. Wie das zusammenhängt? Nach dem Sex gilt man im Islam als unrein, kann also so nicht zu Gott beten. Die rituelle Waschung beinhaltet auch das Waschen des Kopfes. Der Friseur meiner Freundin rollt schon mit den Augen."
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Alles ist möglich? Das kann ich mir schwer vorstellen.

Man kann es auch nicht mit westlichen Ländern vergleichen, weil der historische und politische Kontext im arabischen Raum ein ganz anderer ist. Dennoch: Alles ist also möglich, aber eben in einem kleineren Rahmen. Die, die am stärksten Traditionen herausfordern, sind die Mitglieder der LGBT-Community und vor allem Frauen. Aber wenn sie über ihre Erfahrungen reden, dann innerhalb ihrer Gruppen – und nicht öffentlich. Die Öffnung ist ein allmählicher Prozess.

Wieso beteiligen sich kaum heterosexuelle Männer am Diskurs?

Sie beteiligen sich schon, aber es gibt nur wenige, die offen den Status quo anprangern. Junge Männer, gleich welcher Sexualität, sind im arabischen Raum unter enormem Druck: Die Gesellschaft erwartet von ihnen, einen Job zu haben, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen. Aber viele arabische Länder kämpfen mit großen ökonomischen Problemen. Selbst mit Hochschulabschluss finden also viele Männer keine Arbeit...

Wenn du jung und arm bist, ist es sehr schwer, regelmäßig befriedigt zu werden.
...und haben daher auch kein Geld für die Ehe und so keinen Sex?

Na ja, sie haben schon Sex. Aber es ist nicht leicht. Gerade, wenn du jung und arm bist. Wenn du kein eigenes Zimmer oder ein Auto hast, dir kein Hotelzimmer leisten kannst – wo sie dich an der Rezeption sowieso nach deiner Eheurkunde fragen – oder du nicht den Mut hast, in einer Apotheke nach Kondomen zu fragen, dann ist es einfach sehr schwer, regelmäßig befriedigt zu werden. Ein Ägypter, so Mitte 20, sagte zu mir: "Ich genieße viele Privilegien, aber die sind nicht ohne Zwang zu haben."

Zwischen Politik, Religion und Tradition – Was hat den größten Einfluss darauf, wie mit Sex umgegangen wird?

Du kannst die Faktoren nicht gegenseitig aufwiegen, sie bedingen sich alle gegenseitig. Ein Beispiel: In Ägypten ist die Genitalverstümmelung von Frauen eine sehr alte, vor-islamische Tradition. Heutzutage warnen muslimische und christliche Geistliche Mütter sogar aktiv, endlich von dieser Praxis abzulassen – aber die antworten einfach, es sei eine religiöse Regel. Diesen religiösen Schimmer über eigentlich älteren Traditionen findest du oft.

Und mit der Politik ist es genauso: Herrscher wissen, dass Sex ein Instrument für Macht ist und versuchen daher, das Sexualverhalten ihrer Gesellschaften zu kontrollieren.

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Es gab den Arabischen Frühling Anfang 2011. In Ägypten versuchte das Militär, mit sogenannten Jungfrauentests Demonstrantinnen einzuschüchtern. Meinen Sie das mit politischer Kontrolle über Sexualität?

Es ist ein Beispiel. Aber die Tests sollten vor allem eine unmittelbare Kontrolle über die Frauen sein – und ihre männlichen Begleiter, Brüder, Väter oder Onkel gleich mit vom Demonstrieren abhalten. Das Regime wollte beide Seiten beschämen und so von der Straße fernhalten.

Aber ich meine das noch genereller. Egal, ob in der Militärdiktatur in Ägypten, den Monarchien am Golf oder dem Gottesstaat Iran: Die Männer versuchen, patriarchalische Gesellschaften aufrecht zu erhalten. Der Vater der Nation ist verbunden mit dem Vater der Familie, und was im öffentlichen Leben passiert, spiegelt sich im Schlafzimmer. Die politische Repression folgt den Menschen bis nachhause. So kann überall Frustration geschaffen werden.

Hat der Arabische Frühling noch die Kraft, das zu ändern?

Sexuelle Freiheit war nie das Hauptziel des Arabischen Frühlings. Aber auch sonst erfüllten sich viele Hoffnungen der jungen Menschen leider nicht. In den meisten Ländern sind heute unterdrückende Regime installiert, es gibt nur wenige Freiheiten im öffentlichen Raum. Aber gerade das macht es umso wichtiger, dass die jungen Menschen ihren Kampf im Privaten fortführen und weiterhin Tabus infrage stellen.

Im Fotoslider – So lief der Arabische Frühling in Tunesien:
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Also soll die Jugend wieder auf die Straße gehen? Für eine sexuelle Revolution?

Nein, Veränderung in der arabischen Welt geschieht nicht durch Konfrontation – als Beweis muss man ja nur auf die Ergebnisse des Arabischen Frühlings schauen – sondern durch langsame Verhandlungsprozesse. Es ist mehr eine sexuelle Evolution denn eine Revolution.

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, was sexuelle Freiheit ist: Jugendliche im Westen denken vielleicht, es heißt, verschiedene Partner zu haben und Erfahrungen zu sammeln. Aber viele Menschen im Nahen Osten sind sehr gläubig, Christen wie Muslime. Die Haltung einer jungen Frau ist dann zum Beispiel: Meine Jungfräulichkeit ist mein Ding! Und geht meine Familie, meine Nachbarn oder meinen Imam nichts an!

Meine Jungfräulichkeit ist mein Ding! Und geht meine Familie oder meinen Imam nichts an!
Und wie gelingt diese Selbstbestimmung?

Indem sie die Konservativen mit Fragen zu Sex und Islam löchern. Im Islam gibt es einen sehr viel größeren Umfang an sexueller Verheißung als sich viele – auch in den arabischen Ländern – bewusst sind. Es gibt Gedichte und Buchbände, die sehr offen mit dem Thema Sex umgehen. Zum Beispiel die "Enzyklopädie der Lust" von Ali ibn Nasr al-Katib aus dem 11. Jahrhundert: Du findest heute auf PornHub oder in "50 Shades of Grey" nur wenig, was nicht schon vor 1000 Jahren bei Al-Katib stand.

Und doch finde ich heute keinen Al-Katib mehr in Kairos Buchhandlungen.

Traurig und wahr. Die sexuelle Offenheit im Islam hatte ein Ende, als die europäische Kolonialisierung des arabischen Raumes begann – und war endgültig vorbei, als sich die ersten Islamisten formierten. Aber im Netz gibt es dafür eine lebendige Diskussion rund um sexuelle Vorschriften. Danach suchen die jungen Araber.

Du findest heute auf PornHub nur wenig, was nicht schon vor 1000 Jahren in einem islamischen Buch stand.

Klar, Islamisten, zum Beispiel vom "Islamischen Staat", sind auch im Netz unterwegs und füllen es mit ihrer Propaganda. Aber die meisten jungen Muslime wissen, wonach sie Ausschau halten müssen und was sie ignorieren dürfen.

Mitarbeit an den Sex-Protokollen: Julia Nikschick, Maria Wölfle

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