"Ich will, dass es endlich aufhört"
Anas Modamani macht ein Selfie mit Angela Merkel(Bild: Getty Images / Sean Gallup)

Sein Leben wäre ein anderes, hätte er nicht dieses Selfie gemacht. Dann hätte er sich nicht ein paar Tage in Bitterfeld in der Wohnung eines Freundes verschanzen müssen, weil er plötzlich als Terrorist dastand. Er wäre aber auch nicht auf dem Cover des "Stern"-Jahresrückblicks gelandet oder bei "Maybrit Illner".

Aber er hat das Foto gemacht. Ein Selfie mit einer Frau, die er damals gar nicht sofort erkannte, bei der er aber schnell merkte, dass es Angela Merkel war, die Bundeskanzlerin und damals auch: die Flüchtlingskanzlerin.

Anas Modamani, ein 19 Jahre alter Syrer, wird verfolgt von den Bildern, die er in seinem ersten Monat als Flüchtling in Deutschland geschossen hat. Jetzt zieht er deswegen vor Gericht, gegen Facebook, das mächtigste soziale Netzwerk der Welt. Er hat sogar zwei Selfies mit Merkel ergattert. Und diese sowie ein Bild eines Agenturfotografen, der den Moment festgehalten hat, werden immer wieder für Hetze und Verleumdungen missbraucht, vor allem eben auf Facebook. "Die Leute sollen damit aufhören", sagt Modamani.

Die Nachricht von dem Rechtsstreit sorgt weltweit für Schlagzeilen, denn hier kommt viel zusammen: eine Szene, die um die Welt gegangen war, Merkel und die Flüchtlingskrise, Facebook und der Hass, die Ohnmacht, wenn Menschen online verleumdet werden. Reporter aus England, Kanada, Brasilien wollen Modamani jetzt sprechen, den Syrer mit dem Merkel-Selfie.

Ich treffe Modamani zu Hause im Osten Berlins. Am Küchentisch unter der Dachschräge erzählt er jetzt schon 90 Minuten lang seine Geschichte, auf Deutsch. Es holpert hier und da, aber man versteht ihn sehr gut. Plötzlich macht er eine Pause, zückt sein iPhone und sagt:

Machen wir ein Selfie?
Anas Modamani
(Bild: Fabian Reinbold)

Anas Modamani macht gern Fotos und postet sie auf seinem Facebook-Profil, wo er sich, typisch für einen 19-Jährigen, nicht so sehr um Privatsphäre schert und zum Zeitpunkt, an dem wir sprechen, 2789 Freunde hat. Untypischer ist, dass das Foto von seinem Merkel-Selfie systematisch immer wieder missbraucht wird und er mal als Terrorist, mal als Gewalttäter verleumdet wird.

Ohne diese Umstände wäre Modamanis Integration in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. Nach der Flucht aus Daraja (mittlerweile nur noch ein Trümmerfeld im Süden von Damaskus) ist der Abiturient noch keine anderthalb Jahre im Land. Modamani ist bei einer herzlichen Gastfamilie untergekommen, büffelt morgens im Sprachkurs für den Deutschtest Niveau B2, arbeitet jeden zweiten Nachmittag bei McDonald's an der Kasse. Nach dem übernächsten Deutschtest (C1) könnte er sich um einen Studienplatz bewerben.

Doch er hat Angst, dass ihm das Posieren neben der Kanzlerin einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Aufgenommen wurden die Selfies und die Bilder der Agenturfotografen am 10. September 2015, in einer Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau. Eine Handvoll Flüchtlinge hatte damals ein Bild mit Merkel ergattert.

Berlin-Spandau, 10. September 2015: Einige Flüchtlinge ergattern ein Selfie mit Merkel, Modamani ist in diesem Bild am Rand zu sehen.(Bild: Getty Images / Sean Gallup)

Die Fotos gingen um die Welt, es waren die Tage der öffentlich inszenierten Willkommenskultur. Die ist nun vorbei, und das Bild von Modamani macht bis heute seine Runden im Netz, nur unter anderen Vorzeichen. Es ist ein Symbol geworden, vor allem für jene, die Merkels Flüchtlingspolitik ablehnen – sie benutzen Modamanis Selfie als Symbol gegen Merkel. Modamani ist nur Zweck, nicht Ziel, aber auch er wird getroffen.

Die Postings kommen erstmals nach dem Anschlag in Brüssel im vergangenen März auf. Die für ihre Hetze berüchtigte, inzwischen gelöschte Facebook-Seite von "Anonymous.Kollektiv" etwa postete einen Link zu einer Fotomontage mit einem Bild des Brüssel-Terroristen Najim Laachraoui. Daneben heißt es: "Dumm, dümmer, Angela: Hat Merkel ein Selfie mit einem der Brüssel-Terroristen gemacht?".

Auf der Seite mimikama.at, die Falschmeldungen aufklärt, findet sich ein Screenshot des Beitrags von "Anonymous.Kollektiv"

Der Post verbreitete sich rasant, das war an Ostern. Später, an Pfingsten, taucht das Bild in einem Posting über "die Gewalt importierende Selfie-Queen" (gemeint natürlich: Merkel) auf.

Der Fall Anas Modamani zeigt, welche Wucht Verleumdungen im Netz erlangen können, wie klebrig sie sind: dass sie immer wieder in neuen Varianten gepostet werden, ohne dass sich zurückverfolgen lässt, wer sie in die Welt gesetzt hat. Er zeigt, wie ausgeliefert sich Betroffene fühlen können.

Das Phänomen Fake News, das in diesen Wochen so sehr zerredet wird, kann oft furchtbar abstrakt wirken, kaum zu greifen. Bei Modamani zeigt sich, was es konkret bedeuten kann, wenn immer wieder Lügen über einen selbst durch das Netz schwappen, auf eine Art und Weise, wie sie bis vor wenigen Jahren nicht möglich war.

Dank seiner Selfie-Berühmtheit landete Modamani auch in der Talkshow von Maybrit Illner.(Bild: imago)

Zuletzt kursierte das Foto vom Selfie wieder im Dezember: Jemand hat es vor den Lkw des Anschlags vom Berliner Breitscheidplatz gephotoshoppt, zum Schlagwort: "Merkels Tote". Eine Woche darauf taucht das zweite Selfie aus dem Flüchtlingsheim auf, verzerrt: Modamanis Gesicht wurde schmaler gemacht, wohl extra, um den Anschein zu erwecken, er sei einer der fünf festgenommenen Syrer in Berlin, denen vorgeworfen wird, an Weihnachten einen Obdachlosen und dessen Habseligkeiten angezündet zu haben.

Modamani sagt sich:

Die sind gegen Angela Merkel, nicht gegen mich. Aber ich will, dass es endlich aufhört.
Anas Modamani

Er habe Angst vor diesen Szenarien, sagt er: Dass er irgendwann mal nach Syrien oder in Libanon fliegen will, um seine Eltern und Geschwister wiederzusehen, die zurückgeblieben sind, und dass die Behörden am Flughafen dann neben seinem Namen im Netz das Wort Terrorist entdecken. Dass er eine Frau kennenlernt und die seinen Namen googelt. Dass irgendetwas haften bleibt.

Manchmal schreiben ihn Leute auf Facebook an, die ihn giftig fragen, wann er denn endlich zurückgeht nach Syrien. Er findet dann nicht immer die richtigen Worte in der fremden Sprache. Auch deshalb hat er sich schon von Facebook abgemeldet, ein paar Wochen lang. Jetzt, wegen der neuesten Fotomontagen, ist er wieder online, weil er sehen will, was über ihn verbreitet wird.

Seine Pflegemutter Anke Meeuw sieht noch viel mehr als er selbst. Sie klickt sich durch Profile, die die Verleumdungen posten, ist gut vernetzt in der Szene, die aktiv gegen Hetze in den sozialen Medien kämpft. Sie sagt, mittlerweile ignoriere sie schon das Meiste, was "unter dem Radar" laufe – also nicht viral geht.

Auf seinem Handy hat Modamani das Selfie von damals gespeichert(Bild: Fabian Reinbold)

Manchmal schreibt sie die Leute an, die diese Beiträge teilen. Oft wird es hässlich. Nach den Anschlägen in Ansbach und Würzburg postete die AfD Bayern eine Fotomontage. Zu sehen waren Bilder der Gewalttaten von Würzburg, Reutlingen, Ansbach. Darunter: Merkel und Modamani, wobei er etwas verpixelt war. Der Text: "Migranten-Terror in Deutschland: Ohne Merkel wären die Täter jetzt nicht hier." Der Hashtag: #Merkelsommer.

Anke Meeuw schrieb daraufhin den Landesvorsitzenden an, schilderte, was diese Assoziation für sie, ihre Familie und ihren Pflegesohn bedeute. Der Politiker löschte schließlich das Bild, blockierte sie aber von der Seite, so erzählt sie es. Ein kleiner Erfolg.

Die 41-Jährige sagt, ihr gehe es um etwas Grundsätzliches, sie wolle verhindern, dass "rechtspopulistische Hetze salonfähig wird". Zu ihrem Pflegesohn sagt sie: "Wir müssen jetzt dagegen vorgehen, sonst wird es niemals aufhören."

Ein Bekannter hat sie mit Chan-jo Jun zusammengebracht, einem Anwalt aus Würzburg, der schon mehrfach versucht hat, Facebook für die Hetze, die sich auf der Plattform verbreitet, zur Rechenschaft zu ziehen. Bislang mit viel Einsatz und auch mit viel Aufmerksamkeit, aber ohne juristischen Erfolg.

Jun will nun eine einstweilige Verfügung erwirken, die es etwa einem AfD-Politiker verbietet, den Beitrag mit dem Obdachlosen zu teilen, aber auch Facebook verpflichtet, dafür zu sorgen, dass das Bild nicht mehr gepostet werden kann – also dass es automatisch gesperrt wird. Einer seiner Hebel: üble Nachrede, Paragraf 186 Strafgesetzbuch. Dort geht es sowohl ums Behaupten als auch ums Verbreiten verächtlich machender Tatsachen.

Kann es Facebooks Aufgabe sein, Verleumdungen vorab zu filtern? Das Konstrukt, das das Gesetz für Plattformen wie Facebook vorsieht, heißt Notice and take down. Sie müssen illegale Inhalte erst entfernen, wenn sie über diese in Kenntnis gesetzt worden sind. In der Praxis kommt es aber viel zu selten dazu.

Jun sagt, das Problem sei, dass Facebooks Gemeinschaftsstandards – die internen Leitlinien darüber, was zu löschen ist und was nicht – viel lascher gefasst sind als deutsches Recht. Deshalb kämen Leute wie Modamani nicht zur Ruhe.

Facebook hält dem entgegen, dass es sich sehr wohl an deutsches Recht halte. Mittlerweile hat der Konzern alle Beiträge gelöscht, die in der einstweiligen Verfügung aufgelistet wurden.

Auf Anfrage schickt ein Sprecher ein Statement: "Wenn wir darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass Inhalte eindeutig gegen deutsches Recht verstoßen, so respektieren wir dies und entfernen die Inhalte entsprechend." Aber: "sehr viele" der gemeldeten Inhalte würden "gerade nicht gegen deutsches Recht verstoßen". Man nehme die Verantwortung sehr ernst.

Wie ernst Facebook solche Meldungen im Alltag nimmt, erahnt man, wenn man selbst eins der Bilder meldet, die Modamani zum niederträchtigen Straftäter machen. Nach unserem Treffen nutze ich die Meldefunktion bei einem der Fotos, die ihn als einen der Obdachlosen-Angreifer darstellen.

Screenshot des gemeldeten Fotos

Gepostet hat es eine Dorothee K. (oder ein Nutzer, der sich als Frau ausgibt, wer weiß das schon) am 28. Dezember um 4.06 Uhr. Die Nutzerin hat mehr als 1800 Freunde, meist geht es auf ihrem Profil um den Islam, es gibt viele Links zu Verschwörungsseiten. Das Foto zu Modamani wurde von hier aus immerhin 67-mal geteilt.

Facebooks Meldeoptionen passen immer noch nicht auf solche Fälle. Das Netzwerk hat zwar angekündigt, auch in Deutschland den Menüpunkt "Das ist eine Falschmeldung" anzubieten und Fact Checker für sich arbeiten zu lassen, doch bis es so weit ist, wird es noch ein paar Wochen dauern.

Aus den schlechten Auswahlmöglichkeiten wähle ich die, die noch am ehesten passt. Ich klicke mich durch:

  1. "Es sollte meiner Meinung nach nicht auf Facebook sein"
  2. "Es ist beleidigend für mich oder eine andere Person, die ich kenne"
  3. "An Facebook zur Überprüfung senden"

Um 9.46 Uhr setze ich die Meldung ab. Am selben Tag um 18.57 Uhr landet dann eine Benachrichtigung auf dem Handy-Sperrbildschirm, das ging schnell.

In einer "Nachricht vom Hilfe-Team", heißt es, Facebook habe sich das fragliche Foto angesehen. Die Antwort lautet: "Obwohl es gegen keinen unserer Gemeinschaftsstandards verstößt, war es richtig, uns zu informieren." Die Verleumdung eines unschuldigen 19-Jährigen als niederträchtiger Straftäter verstößt laut dieser Nachricht also nicht gegen Facebooks Regeln.

Das Hilfe-Team hat auch noch einen Hinweis. Bei "Was Du tun kannst" wird mir vorgeschlagen, Dorothee K. zu blockieren. "Ihr könnt euch dann gegenseitig nicht mehr sehen oder kontaktieren."

Es klingt, als ob es um etwas Persönliches ginge, als ob der Fehler auch bei demjenigen läge, der diesen Beitrag meldet. Tatsächlich liegt die Verantwortung allein bei jenen, die solche Verleumdungen erstellen und verbreiten. Anas Modamani wird die Folgen davon wohl noch länger zu spüren bekommen.

"Ich liebe Facebook, ich habe über das Netzwerk eine Wohnung gefunden", sagt er bei unserem Treffen. "Aber ich hasse Facebook auch, weil diese Photoshop-Sache einfach nicht aufhört."


Gerechtigkeit

Schluss mit Yolocaust! Ich kann keine Dachau-Selfies mehr sehen

"Zeig mir mal die Bilder, die du vorhin von mir im KZ gemacht hast." "Oh, das ist gut, das benutze ich für mein Instagram-Profil."

In der S-Bahn von Dachau nach München sitzen mir zwei junge Touristinnen gegenüber. Sie gucken sich Fotos auf ihrem Smartphone an. Die beiden haben gerade die KZ-Gedenkstätte in Dachau besucht.