Bild: Chris Grodotzki
Wir waren auf den Rettungsschiffen, die nicht auslaufen dürfen.

Laut tuckert das kleine graue Schlauchboot, das alle "Hülse" nennen, auf den roten alten Fischkutter zu, die "Seefuchs" der Organisation Sea-Eye. Neeske Beckmann lenkt das kleine Boot an die Steuerbordseite des Kutters. "Guten Morgen!", ruft die 29-Jährige und springt auf das hölzerne Deck. Es ist heiß. Crewmitglieder kratzen Rost von der Reling, andere kochen Spaghetti mit Gemüse in der Bordküche. Was anderes können sie nicht tun.

Seit Monaten sitzen die Rettungsschiffe der Sea-Watch, Sea-Eye und Mission Lifeline auf Malta fest. 

Die Freiwilligen dürfen den Geflüchteten auf dem Meer nicht helfen. Nur die "Mare Junio" durfte auslaufen, dafür hatte sich die Organisationen Sea-Watch aus Deutschland und Mediterranea aus Italien zusammengetan (bento).

"Sea-Eye"-Maschinist Marco Müller kommt an Deck, wischt sich die verölten Hände an einem Tuch ab. Er holt eine alte LKW-Plane aus einer Ecke. "Wir basteln jetzt ein Transpi", sagt Beckmann. Bald findet wieder eine deutschlandweite Demo statt, die Freiwilligen auf Malta wollen für Facebook, Instagram und Twitter Fotos von vor Ort liefern. 

Mit Transparenten kennt Beckmann sich aus. In Magdeburg, wo sie Psychologie studierte, demonstrierten häufig Neonazis. Sie protestierte dagegen, wurde Sprecherin, geriet ins Visier der Rechtsradikalen, die sogar ihre Adresse veröffentlichten. Jetzt ist die 29-Jährige Teil der Lifeline-Crew. Das Schiff kam in die Schlagzeilen, weil es im Juni fünf Tage mit 234 Flüchtlingen an Bord auf See ausharren musste. Erst dann genehmigte Malta die Einfahrt.

Seitdem hält die maltesische Regierung die Schiffe der deutschen Nichtregierungsorganisationen (NGO) Sea-Watch, Sea-Eye und Mission Lifeline fest, angeblich, weil die Schiffsregistrierung nicht rechtmäßig sei. 

Die "Aquarius" dümpelte in den vergangenen Monaten gleich zweimal mit Flüchtlingen an Bord vor Malta herum, bis sie anlegen durfte. Erst kürzlich hat Panama dem Schiff von Ärzte ohne Grenzen auf Druck Italiens die Zulassung entzogen. (bento)

Aber nicht nur die zivile Seenotrettung darf zur Zeit nicht aktiv sein. Auch die EU-Mission "Sophia" wurde im Sommer vorerst eingestellt. Die EU war mit Militärschiffen im Mittelmeer aktiv, um Geflüchtete zu retten. Die Schiffe wurden im Juli in die Häfen zurückbeordert. Der Grund: Italien weigert sich, von den EU-Militärschiffen gerettete Menschen weiter aufzunehmen. (SPIEGEL ONLINE)

Alle zwei bis drei Wochen wechseln die Teams auf den Booten der privaten Seenotrettung für eine neue Mission. Die Arbeit ist ehrenamtlich, die Leute nehmen dafür Urlaub. Und dürfen gerade trotzdem keine Menschen retten. Seit Wochen nicht. 

Anstatt rauszufahren diskutieren die Crewmitglieder um Neeske Beckmann nun darüber, wie sie die Demos in Deutschland unterstützen können. 

Sie können gerade nichts anderes tun, also unterstützen sie von Malta aus die Initiative Seebrücke, die mit Aktionen und Demos dazu aufruft, sich mit privater Seenotrettung zu solidarisieren. Die Crewmitglieder wollen ein Transparent auf dem Meer ausbreiten und es fotografieren. 

Beckmann sitzt auf dem Deck der Lifeline. Seit dem 1. Juli wohnt sie auf dem Schiff, ursprünglich kam sie als Schlauchboot-Kommunikatorin für die siebte Rettungsmission. Mit ihren Sprachkenntnissen in Französisch, Swahili und Arabisch kann sie beim Erstkontakt die wichtigsten Informationen weitergeben.

Jetzt übernimmt sie eine andere Aufgabe: Vernetzung und bessere Kommunikation nach außen. 

Die Menschen müssen verstehen, was in der Welt passiert. Das wird von allen Seiten verhindert.

Malta hat der Sea-Watch inzwischen auch verboten, ihr Aufklärungsflugzeug "Moonbird" einzusetzen. 

Für Beckmann ist die Sache eindeutig: "Die wollen nicht, dass wir das Sterben dokumentieren. Am besten kriegt es gar nicht erst jemand mit." 

Als ein Passagierschiff an der Lifeline vorbeifährt lächelt sie, hebt den Arm und winkt.  

Wir sind jetzt ein Teil der Hafenrundfahrt.
Neeske Beckmann

Kurz danach schunkelt das Boot, sie schließt die Augen. "Oh, ich vermisse Schiffsbewegungen."

Seit 2015 gibt es NGOs auf dem Mittelmeer, eine Antwort auf Frontex, die die italienische Marineoperation Mare Nostrum abgelöst hatte. Mehr als 130.000 Menschen hatten die Italiener gerettet. 

Frontex dagegen sollte vor allem die Grenze sichern. Kritiker nannten das ein Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik. Allein vor der libyschen Küste haben die zivilen Retter in den vergangen drei Jahren mehr als 100.000 gerettet, ein Viertel aller von dort Geflohenen. 

Kritiker werfen ihnen aber vor, die Flucht über das Mittelmeer anzuheizen und Schlepper zu unterstützen.

Beckmann war im April auf ihrer ersten Mission – damals noch mit Sea-Eye. "Da merkten wir schon, dass sich der politische Wind dreht." Als die Organisation beim MRCC, der Seenotrettungsleitstelle, nach Flüchtlingen auf See fragte, wurde sie abgewiesen. Keine da, hieß es. 

Kurze Zeit später wurde klar, dass das nicht stimmte. Inzwischen war jedoch die libysche Küstenwache eingetroffen, um Geflüchtete zurück nach Libyen zu bringen. Einem Land, das für Folter, Vergewaltigung und Menschenhandel bekannt ist. Kritiker sagen: Nicht nur UN-Länder würden damit gegen das Genfer Flüchtlingsabkommen verstoßen, auch das Seevölkerrecht schreibt eine Passage an einen "sicheren Ort" vor. 

Ich unterstell dem Ganzen eine Absicht. Die wollen uns nicht da haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Fickt euch!
Neeske Beckmann

Am nächsten Tag arbeiten die Freiwilligen auf der "Sea Watch" an ihrem Banner. Es braucht eine Weile, bis sich ein paar Crewmitglieder an Deck versammelt haben. Beckmann ist genervt, dass alles länger dauert, dass aus Minuten manchmal Stunden werden. Die vergangenen Wochen haben Spuren hinterlassen.

"Hier herrscht hohes Frustpotential", sagt Beckmann, während sie die LKW-Plane auf dem Kai vor dem Schiff ausbreitet. "Der Schwung vom Anfang zerfällt leider. Jede Crew erreicht irgendwann einen Punkt, an dem die Leute die Schnauze voll haben."

Stefanie Hilt, Medizinerin, hat sich den Druckluftreiniger geschnappt und kommt ihr zur Hilfe. Eigentlich verarztet sie Verätzungen von Flüchtlingen, die sie sich durch die Mischung von Salzwasser, Benzin und Fäkalien auf den Schlauchbooten zuziehen, dazu behandelt sie andere Hautkrankheiten, Verstauchungen, Folgen der Mangelernährung. "Kinder sind meist in der schlechtesten Verfassung", sagt sie. "Sie können lange überleben, aber sobald sie gerettet sind, schaltet sich der Körper einfach ab." 

Hilt könnte Leben retten. Jetzt bastelt sie Transparente. 

Seit Anfang 2017 ist die Saarländerin Mitglied des wechselnden "Sea Watch"-Teams. Sie musste gleich im ersten Einsatz ein Baby reanimieren. Erfolglos.

In Deutschland arbeitet sie als Erlebnispädagogin, studiert hat sie Internationale Not- und Katastrophenhilfe. Die EU versteht Hilt lange nicht mehr: 

Das Problem könnte leicht gelöst werden, wenn es eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge und schnellere Asylverfahren gäbe.

Ihr prägendstes Erlebnis war die Begegnung mit der libyschen Küstenwache. Aus einem defekten Flüchtlingsboot kletterten Menschen panisch auf das Deck des Schiffes der Küstenwache. Die Männer reagierten aggressiv, schlugen die Leute und schubsten sie von der Einstiegsleiter ins Meer. Sie zappelten im Wasser. "Wir sahen, wie die mit Seilen auf die Menschen einschlugen", erzählt Hilt. 

Die Aktivisten falten die jetzt bemalte und getrocknete Plane zusammen, holen Schiffsmaschinist Jon aus seiner Koje. Er besitzt eine Drohne, er soll fotografieren

Knapp fünf Kilometer weiter, an einer Badestelle vorm offenen Meer, werfen die 15 Seenotretter Ringe und Westen ins Meer und springen ihnen nach. Beckmann dirigiert vom Fels aus: Die Plane muss an den Ringen festgespannt werden. Dann springt sie hinterher. Im Hintergrund kreuzen Jet-Skis und Segelboote.

"Es ist so banal", sagt Beckmann mit leiser Stimme, während sie die Rettungsjacken wieder aus dem Wasser fischt. "Ich wünschte, dass Menschen mal mit eigenen Augen sehen, was passiert. Fahrt mal zwei Wochen nach Griechenland in die Flüchtlingslager und dann sagt, das ist doch alles okay. 

Die Leute beschweren sich über zu viele Ausländer. Sie sagen, den gehe es doch gar nicht so schlecht. Sie sagen, die Ausländer sollten sich freuen, nicht mehr im Krieg zu sein.
Neeske Beckmann

Sie schüttelt den Kopf. 

"Wenn du jemanden kennenlernst, der als ältester Sohn der Familie übers Meer geschickt wurde und seine Geschichte vom Krieg hörst, dann lässt du dich zu solchen Aussagen vielleicht nicht mehr so schnell hinreißen."

Auf der Rückfahrt in den Hafen treibt Plastikmüll im Wasser. "Ready to rescue", ruft einer der Seenotretter und fischt eine Flasche aus dem Wasser.

Die Crew fährt zum "NGO-Beach", einer Plattform am äußersten Hafenrand. Ein Ort fernab ihrer Schiffe, weit weg von den Diskussionen, der ständigen Erinnerung, dass sie nicht vorankommen, der Lethargie. 

"Seenotrettung ist für mich das Ding, an dem sich alles aufhängt: Wie wir als EU mit Migration, mit Menschen umgehen. Rassismus, Kapitalismus, Unterdrückung von Frauen, Ausbeutung und Umwelt – all das findet sich hier wieder, all das ist auch unsere Verantwortung", sagt Beckmann. 

Crewmitglied Sören Moje zieht seine "No borders Navy"-Kappe tiefer ins Gesicht. Dann sagt er zu Beckmann: 

Wusstest du, dass ich ein großer Fan von David Hasselhoff bin?

Der Star habe für eine Kreuzfahrt im Mittelmeer geworben, da habe er ihm eine Mail geschrieben, ob er wisse, was im Mittelmeer los sei. "Er hat nie geantwortet." Beckmann muss lachen.

Spät am Abend sitzt sie auf der Dachterrasse des "Sea Watch"-Camps, ein altes Haus am Hafen von Kalkara. Hier hat sie Ruhe und funktionierendes Internet, kann arbeiten. 

Sie schaut sich das Video vom Tag an. Darin ist das Banner im dunklen Wasser zu sehen: "Everyone has the right to Life." Jeder hat das Recht auf Leben. Erst ganz nah, dann zieht sich der Fokus immer weiter raus, bis die Menschen und Rettungsringe drum herum nur noch wie kleine Ameisen im Wasser zappeln. Es ist gut geworden. Morgen wird es auf allen NGO-Kanälen laufen. 


Streaming

Es gibt ein erstes Bild von Ruby Rose als Batwoman

Die Schauspielerin Ruby Rose wird in einer neuen Serie von "The CW" die Titelheldin Batwoman darstellen, die Superheldin aus dem DC-Universum. Die Serie wird mit großer Spannung erwartet, denn mit ihr sehen wir zum ersten mal eine LGBT-Superheldin in einer Hauptrolle im Fernsehen.

Jetzt wurde auch ein erstes Bild von Ruby Rose in ihrer Rolle als "Batwoman" veröffentlicht. Sie postete es auf ihrem Instagram-Account.

So sieht die neue Batwoman aus:

Das Kostüm der Figur wurde von der Oscar-Preisträgerin Colleen Atwood entworfen, die für ihre Zusammenarbeit mit Tim Burton bekannt ist (Indiewire).