Bild: Ruben Neugebauer/Sea-Watch
Ein Interview über Migrationspolitik und das Sterben auf dem Mittelmeer

Ruben Neugebauer, 30, ist wohl einer der bekanntesten Aktivisten Deutschlands: Er hat, zusammen mit anderen, die zivile Seenotrettungsorganisation Sea Watch aufgebaut. Seit 2015 ist Ruben immer wieder auf dem Wasser unterwegs – oder in der Luft: Neben dem Schiff "Sea Watch 3" gibt es auch ein kleines Propellerflugzeug, mit dem Fliehende in Not schneller entdeckt werden.

Die Organisation war nach eigenen Angaben seit ihrer Gründung an der Rettung von mehr als 37.000 Menschen beteiligt. Laut IOM sind seit 2014 mehr als 18.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. 

Der Einsatz von Sea Watch wird von manchen kritisiert: Auf der einen Seite heißt es, die Europäische Union und die Regierungen würden wegen der privaten Retter aus der Verantwortung entlassen; auf der anderen Seite besteht die Sorge, der Einsatz der Retter könne Fliehende ermutigen, überhaupt in Boote zu steigen. Der sogenannte "Pull-Effekt" ist aber wissenschaftlich stark umstritten. 

An prominenter Unterstützung fehlt es Sea Watch nicht: Unter anderem Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann rufen regelmäßig zu Spenden auf. Der Versuch, mit Heufer-Umlaufs Hilfe ein weiteres Schiff auf das Mittelmeer zu bringen, scheiterte bisher allerdings. (bento)

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

Wir haben Ruben Neugebauer gefragt, was er über Flucht gelernt hat – und wie er sein Engagement durchhält. 

bento: Wir sprechen in dieser Reihe über Radikalität. Mit Blick auf die Seenotrettung: Was würdest du radikal anders machen?

Ruben Neugebauer: Wir müssen lernen, Migration als Fakt zu verstehen.

bento: Wie meinst du das?

Ruben: Migration ist erst mal weder schlecht noch gut. Sie passiert einfach. Das ist ein Fakt, und damit sollten wir umzugehen lernen. Die europäischen Staaten tun so, als sei sie ein Problem. 

bento: Und du glaubst, man müsse da umdenken

Ruben: Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte. Wenn aufgehört würde, in jeder zweiten Talkshow Migration als Gefahr zu framen, und stattdessen über Dinge gesprochen würde, die uns tatsächlich bedrohen, wäre schon viel erreicht. 

Zum Beispie für die sozialen Probleme, die es hier ohne Zweifel gibt, sind nicht Migrierende verantwortlich, sondern unser Wirtschaftssystem und die Mär vom grenzenlosen Wachstum.

"Fridays for Future" und die Debatte um Enteignungen im Frühjahr haben etwa dazu geführt, dass die Deutschen das Thema Migration gar nicht mehr so bedrohlich fanden. 

bento: Aber Migration "neu zu denken" löst doch keine Probleme!

Ruben: Das ist gar nicht so unrealistisch, gab es schon öfter in der jüngeren Geschichte. Vor der EU-Osterweiterung wurde auch so getan, als würden unweigerlich die Sozialsysteme zusammenbrechen, das ist dann natürlich nicht passiert. Kaum jemand verlässt seine Heimat freiwillig. Und wenn doch, dann muss man damit eben umgehen. 

bento: Man geht ja damit um, dafür gibt es ja Gesetze.

Ruben: Europa hat doch kein ernstzunehmendes Migrationsrecht. Alle, die kommen, werden in das enge Korsett des Asylrechts gezwängt, das ist absurd. Die CDU sollte sich mal an ihre Forderungen von vor 1989 erinnern.

bento: Die wären?

Ruben: Damals hatte die DDR ihre Bürgerinnen und Bürger eingesperrt und die CDU sagte, es gebe ein Recht auf Bewegungsfreiheit – also müsse man Menschen, die aus dem Osten fliehen, aufnehmen. Das ist ja auch richtig, ich will keinesfalls die DDR verharmlosen. Aber heute würde man einen Großteil wohl als 'Wirtschaftsflüchtlinge' verunglimpfen und Fluchthelferinnen und Fluchthelfer, die das teils kommerziell betrieben haben, als Schlepper anklagen.

bento: Oder argumentieren, dass es hier halt um Deutsche ging.

Ruben: Ja. Und das zeigt, dass wir kein Migrationsproblem haben – sondern ein Rassismusproblem. Warum soll die Hautfarbe, der Pass oder die Nationalität darüber entscheiden, wer an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen darf und wer nicht? Es ist schließlich reiner Zufall, etwa in Deutschland geboren zu sein.

bento: Wie sollen Menschen denn nach Europa gelangen, ohne dass es im Chaos endet?

Ein erster Anfang wäre es, Arbeitsvisa massiv zu erleichtern. Es gibt auch viele Migrierende, die ja gern zurück wollen, wenn sie sich aber zunächst hoch verschulden und ihr Leben riskieren müssen, um hierher zu kommen, ist das oft keine Option mehr. 

„Solange es keinen realistischen legalen Weg nach Europa gibt, werden weiter viele auf der Flucht sterben.“

bento: Das ist noch sehr unkonkret. Wie genau sähe dein Migrationsrecht aus?

Ruben: Ich bin kein Politiker, also liegt es nicht an mir, Gesetze zu machen. Aber ich fände es wichtig, dass so ein Gesetz auf Grundlage der Bewegungsfreiheit aufgebaut wird.

bento: Aber Bewegungsfreiheit gilt ja in Europa. Und für Schutzsuchende gilt das Asylrecht.

Ruben: Nein, die EU probiert es derzeit so: Mit Diktaturen kooperieren, damit sie Schutzsuchende noch vor der Flucht einsperren oder zurückbringen. Das reduziert zwar kurzfristig die Zahl der Ankommenden, aber nicht zwangsläufig die Toten insgesamt – das ist eher "aus den Augen, aus dem Sinn". 

„Die Menschenrechte kann man dann auch aus der Verfassung streichen, wenn man das so macht.“

bento: Seid ihr als Seenotretter nicht Teil des Problems? Solange ihr mit Sea Watch im Mittelmeer unterwegs seid, können andere sagen, jetzt müssen sie sich nicht mehr kümmern.

Ruben: Es gibt keine Alternative dazu, Menschen in Not zu retten. Wir zeigen, was getan werden muss. Aber das entbindet ja andere nicht davon, ebenfalls zu handeln. Natürlich wäre ein staatliches Rettungsprogramm besser. Schau dir an, welche Möglichkeiten die EU hat, da wären die ganzen Kriegsschiffe einmal sinnvoll eingesetzt! Aber solange die nicht vor Ort sind, müssen halt wir, ein paar Landratten aus Mitteleuropa, irgendwelche alten Schiffe nehmen und selbst loslegen. Absurd eigentlich.

bento: Welcher Moment blieb dir bei deinem Engagement besonders haften?

Ruben: Wir haben mal ein Mädchen aus einem Schlauchboot geborgen, die war höchstens 14 Jahre alt. Sie hatte gerade aufgehört zu atmen. 

„Wir konnten sie kurz wiederbeleben – aber haben sie dann doch verloren. Das war wahnsinnig heftig für mich.“

Ich will mir gar nicht ausmalen, was diese junge Frau schon erlebt haben muss, um trotzdem so viel Mut aufzubringen, so eine gefährliche Überfahrt zu versuchen.

bento: Was tust du, damit du solche Momente aushalten lernst?

Ruben: Wir haben bei Sea-Watch eine sehr gute Struktur zur psychologischen Vor- und Nachbereitung unserer Einsätze. Wir sehen da draußen Dinge, die niemand sehen sollte, das hinterlässt natürlich Spuren und darüber darf und muss man auch sprechen – wir brauchen keine Leute, die den Helden spielen und glauben, das alles mache ihnen nichts aus. Oft hilft es, zu weinen – und es macht natürlich auch wütend.  

bento: Was würdest du jungen Menschen raten, die etwas verändern wollen – und nicht wissen, wo sie anfangen sollen? 

Ruben: Ehrlich gesagt sind es im Moment gerade jüngere Aktivistinnen und Aktivisten, die mir Hoffnung machen und die uns vormachen, wie Bewegung funktioniert. Es geht ja auch nicht um Klima oder Seenotrettung, Feminismus oder Antirassismus. 

Wenn wir ein solidarisches Europa erreichen wollen, dann geht das nur mit einer intersektionalen Bewegung, in der wir unsere eigenen Privilegien reflektieren und einen solidarischen Umgang damit finden. Ich hab manchmal das Gefühl, dass die "Fridays for Future"-Generation uns – oder mir – da ein ganzes Stück voraus ist. 

„Ich bin Fan von denen und kann denen nur raten, weiterzumachen und radikal zu bleiben.“



Gerechtigkeit

Beates Schwestern: Warum rechte Frauen oft unerkannt bleiben
Und warum das Stereotyp der harmlosen Frau sie besonders gefährlich macht.

"Hallo Andersdenkende!" begrüßt Naomi Seibt die Abonnentinnen und Abonnenten ihres YouTube-Kanals. Naomi (18) trägt einen roten Strickpulli und langes, blondes Haar, sie hat einen starken Lidstrich und sitzt nah vor der Webcam. Der Titel ihres Videos ist "Migrationskritik":  Seenotretter würden Notsituationen für Geflüchtete selbst schaffen um von einer "Schlepperindustrie" zu profitieren. Unqualifizierte Migranten seien darauf aus, im "Wohlfahrtsstaat Deutschland" ihrer Faulheit zu frönen. Sieben Minuten und dreizehn Sekunden dauert das Video, seit 2019 hat es rund 68.000 Aufrufe. 

Naomi gilt in manchen rechten Kreisen als "Hoffnungsträgerin" und "Anti-Greta" (SPIEGEL). Sie ist eloquent und gut vernetzt: Mit dem rechten YouTuber Oliver Flesch spricht sie darüber, warum sie gegen Abtreibungen ist, mit  Brittany Sellner, der Frau des Identitären Martin Sellner, geht es darum, wie es ist, "für Deutschland zu kämpfen", und jüngst berichtete sie über ihre "Reise zum Climate Realism" auf dem Kanal des klimawandelleugnenden Heartland Instituts (SPIEGEL).