Bild: Emine Akbaba

Der Gastgeber der diesjährigen Islamkonferenz ist ein Mann, der schon bei seinem Amtseintritt sagte, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Auch wenn ihn damals keiner gefragt hatte. Aber jetzt hat er seine Meinung entweder geändert, oder er drückt sie zumindest höflicher aus: Der Innenminister Horst Seehofer sagte gestern auf der Eröffnung der Islamkonferenz, dass Muslime zu Deutschland gehören und dass sie "selbstverständlich die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten wie jeder hier in Deutschland" hätten. (bento

Dass er die Existenz von rund vier Millionen Muslimen in Deutschland nicht bestreitet, ist ja schon mal eine erfreuliche Nachricht.

Und es geht noch weiter: Horst Seehofer fordert einen deutschen Islam: "Einen Islam in, aus und für Deutschland, einen Islam der deutschen Muslime," wie er gestern auf der Islamkonferenz sagte. Auf der danach Blutwurst vom Schwein serviert wurde:

Deutsch und Muslim sein – das scheint für ihn eine Herausforderung zu sein, die man bewältigen muss. Er fragt deshalb, wie man einen Islam in Deutschland fördern kann, der die Werte des Grundgesetzes teilt und die Lebensarten dieses Landes achtet. Wer diese Frage stellt, geht davon aus, dass es bis jetzt keine deutsch-muslimische Identität gibt.

Aber ich bin hier. Ich bin Muslima und ich bin deutsch. 

Genauso wie Millionen andere muslimische Bürger auch. In Deutschland leben insgesamt zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime. Das macht rund 4,6 bis 5,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Einige Muslime sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen, andere leben schon seit ihrer Kindheit in diesem Land und andere sind hier geboren. Aber die Frage nach einem deutschen Islam ist nicht erst mit dem Zuzug syrischer Geflüchteter vor einigen Jahren gekommen. Die Frage gab es schon immer. 

Und auch die Antwort darauf gab es schon immer. Denn die Antwort sind die hier lebenden Muslime. Diejenigen, die sich auf der Grundlage des Grundgesetzes ein Leben in Deutschland aufgebaut haben, die hier Steuern zahlen, hier geboren sind, hier aufgewachsen sind. Es sind die Menschen, die muslimisch sind und die Deutschland als ihre Heimat bezeichnen und für die das Gebet genauso zum Leben dazu gehört, wie die Weihnachtsfeier auf der Arbeit. 

Es ist kein Widerspruch, Deutsch und Muslim zu sein. Und allein das immer wieder zu betonen, zweifelt an der Realität dieser Menschen. Dabei entsteht der Widerspruch erst, wenn Menschen wie Seehofer ihn schaffen. Indem sie so tun, als gebe ein eindeutiges Deutsch-Sein oder einen eindeutigen Islam. 

Weder gibt es das eine noch das andere. Was genau ist denn Deutsch? Von welchen deutschen Werten reden wir und wie lebt ein Deutscher? Darauf gibt es keine Antwort und das ist auch gut so. Jeder lebt ein individuelles Leben mit unterschiedlichen Werten und Lebensweisen. Das macht eine vielfältige Gesellschaft aus. Genauso ist es auch mit dem Islam. Es gibt nicht den einen Islam. Es gibt unterschiedliche Konfessionen und Arten, den Islam auszuleben. Es gibt Sunniten, Schiiten und Ahmadiyya. Es gibt liberale und konservative Moscheen. 

Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten. Und das ist in Deutschland das Grundgesetz als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Aber so lange die Bürger, ob christlich, hinduistisch, buddhistisch oder muslimisch,  sich daran halten, sollte nicht weiter in Frage gestellt werden, was ihr Glauben mit ihrer "deutschen" Identität zu tun hat.

Und auch die Sünden, die im Kontext einer Religion begangen werden, haben nichts mit Staatsangehörigkeit zu tun. Schließlich wird auch nicht nach jedem Fall eines pädophilen katholischen Priesters nach einem neuen deutschen Christentum gesucht. Denn hier gilt: Die Tat ist natürlich nicht mit dem Gesetz vereinbar und wird verurteilt – oder zumindest wünscht man sich das. (SPIEGEL ONLINE

Ein "deutscher Islam" ist deshalb einfach genauso vielfältig wie die hier lebenden Menschen. Und ja, darunter können ganze Gruppen sein, deren Einstellungen wieder andere altbacken oder sexistisch finden.  Darunter können aber auch Reformer sein, die den Koran anders interpretieren und in deren Moschee Frauen Gebete leiten. (bento) Und diese Reformer können aus anderen Gemeinden angefeindet werden. Und nichts davon muss notwendigerweise mit der deutschen Identität verknüpft werden.

Deswegen ist die Frage, wie ein deutscher Islam aussehen könnte, irrelevant. Die Frage ist viel mehr, wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Ich will, dass wir in Deutschland endlich nach vorne schauen und uns fragen, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft friedlich zusammenleben können. 

Ich möchte, dass meine Existenz nicht infrage gestellt wird, sondern als selbstverständlich angesehen wird. Denn die Frage nach einem deutschen Islam ist wahrscheinlich so alt wie der Seehofer selbst. Und die Antwort ist: Er ist schon längst hier. Weil wir schon längst hier sind.

Bilder aus dem Alltag von deutschen Muslimen:

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Die Fotos sind beim zenith-Fotowettbewerb entstanden – mehr dazu findest du hier.

 


Gerechtigkeit

250 Menschen starben, weil eine Textilfabrik brannte. Jetzt muss sich Kik verantworten

Die Bilder von damals zeigen eine verkohlte Halle, Menschen blicken fassungslos auf das völlig zerstörte Gebäude, Mütter weinen um ihre Kinder. 2012 brannte im pakistanischen Karatschi eine Textilfabrik. Mehr als 250 Menschen starben, ihre Körper verbrannten teils bis zur Unkenntlichkeit, nur wenige konnten sich verletzt ins Freie retten.

Das Feuer liegt mittlerweile Jahre zurück, aber der Fall beschäftigt jetzt ein deutsches Gericht. Denn in der Fabrik Ali Enterprises arbeiteten die Angestellten überwiegend für Kik, sie nähten Unterhosen und Jeans für einen Lohn, der gerade einmal für das Nötigste reichte. 

Am Donnerstag hat der Schadensersatzprozess vor dem Landgericht Dortmund gegen den Textildiscounter Kik begonnen. 

Ein direkt Betroffener und drei Angehörige von Opfern verlangen je 30.000 Euro Schmerzensgeld von Kik. Es geht um das Schicksal von Familien – aber auch um mehr. Und zwar um die Frage, welche Verantwortung deutsche Unternehmen tragen, wenn sie zu Dumping-Löhnen in Entwicklungsländern produzieren lassen? Ganz egal, ob es sich nur um einen Zulieferer handelt.

Wie kam es zu dem Brand?

Es handelte sich um einen Brandanschlag der pakistanischen Schutzgeldmafia. 15 Stunden benötigten die Einsatzkräfte, um die Flammen zu löschen. Da es keine Notausgänge, Sprinkleranlagen oder Feuerlöscher gab, waren die Menschen in den Flammen eingeschlossen

Arbeiterinnen und Arbeiter aus den obersten Stockwerken konnten sich retten, weil sie vom Dach sprangen. Viele brachen sich dabei die Knochen, so schreibt es die "Tagesschau".

Worum wird es vor Gericht gehen?

Bevor es darum geht, inwieweit Kik für den Tod der Menschen verantwortlich gemacht werden kann, muss noch eine andere Frage beantwortet werden: Das Gericht muss klären, ob der Fall nicht schon verjährt ist. Ein britischer Gutachter geht davon aus. (WDR)

Über die Klagen müssen die Richter nach pakistanischem Recht entscheiden.

Wie hat sich Kik verhalten?

Kik sagt selbst, dass das Unternehmen mehr als sechs Millionen US-Dollar Entschädigung freiwillig gezahlt hat. Man fühle sich in der moralischen Verantwortung, sagte ein Unternehmenssprecher dem WDR

Aber darüber hinaus will Kik dann keine Verantwortung übernehmen. Man sei im juristischen Sinn nicht Schuld an dem Brand und den Folgen. Ein Manager des Unternehmens sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Es war kriminelle Brandstiftung. Hier ging es nicht um eine Verletzung von unternehmerischen Sorgfaltspflichten."

Das klingt nicht danach, dass Kik an der dauerhaften Verbesserung der Arbeitsbedingungen interessiert ist.

Was sagen Initiativen, die sich für bessere Arbeitsbedigungen engagieren?

  • Nach dem Brand hat die Regierung neue Gesetze erlassen, die die Arbeiterinnen und Arbeiter besser schützen sollten. Zahroor Awan ist Mitglied bei der Internationalen Arbeiterorganisation ILO. Er sagt, dass diese neue Gesetze nicht umgesetzt werden: "Vor allem wenn wir weiter nach unten auf die Zulieferketten schauen. Hier werden nach wie vor Frauen ausgebeutet, es gibt nach wie vor Kinderarbeit." (Tagesschau)
  • Auch Gewerkschafter Nasir Mansoor berichtet Ähnliches: "Unternehmen und Fabrikbesitzer haben nichts gelernt aus der Tragödie." Die Arbeiter hätten keine Rechte, eine solche Katastrophe könen jederzeit wieder passieren.
  • Was die Gewerkschafter fordern: Medizinische Versorgung, soziale Absicherung, feste Verträge, und einen Mindestlohn. 

Wie wird es jetzt weitergehen?

Am Donnerstag hieß es, das Landgericht Dortmund werde voraussichtlich erst in mehreren Wochen darüber entscheiden, ob der Fall weiter verhandelt wird – oder längst verjährt ist.

Für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Pakistan wäre sicherlich vor allem eines wichtig: faire Löhne und keine Ausbeutung. Dieser Prozess könnte ein weiterer Schritt sein, darauf aufmerksam zu machen. 

Mit Material von dpa