Bild: Hiko Shichida
Sie sehen aus wie Fashionblogger, demonstrieren aber gegen die japanische Regierung. Das Ziel der Studenten: Ihre Landsleute sollen endlich anfangen, über Politik zu sprechen.

Ihr Widerstand ist durchgestylt: Sie tragen auch im Sommer Wollmützen, dazu bauchfrei, Megaphon, und der Pony sieht selbst im Demonstrations-Getümmel noch aus wie frisch geföhnt. Dazu skandieren sie „War is over - if you want it!“, eine Songzeile aus einem Anti-Vietnamkriegs-Lied von John Lennon.

Sie, das sind keine Fashionblogger, sondern die SEALDs, die „Students Emergency Action for Liberal Democracy“. Die japanischen Studenten haben das sonst politisch eher leise Japan in den vergangenen Monaten lauter gemacht.

Seit Wochen demonstrieren in Japan immer wieder viele junge, aber auch ältere Menschen gegen die Regierung, am 31. August waren es rund 120.000 Leute allein in Tokio. Rund 70 aktive SEALD-Mitglieder organisieren diese Proteste maßgeblich mit. „Wir wollen gehört werden“, sagt der 25-jährige Soziologie-Student Daikichi Kato.

(Bild: Momoka Nagai)

Daikichi schreit seit Wochen gegen die Regierung und das neue japanische Sicherheitsgesetz an, es erlaubt Auslandseinsätze des japanischen Militärs. Den SEALDs gefällt das nicht, ihren mehr als 33.000 Facebook-Fans auch nicht. Sie wollen die pazifistische Verfassung verteidigen, die Japan seit 1947 hat. 

Sich einem Protest anzuschließen, ist in Japan nichts Alltägliches: Über Politik spricht man nicht, schon gar nicht durch ein Megaphon. Jetzt aber wird in der japanischen Politik ein Thema diskutiert, das den Nerv vieler Menschen trifft: Krieg.


(Bild: Gettyimages/Hulton Archive)

Der zweite Weltkrieg hat sich vor allem durch die US-amerikanischen Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki in das kollektive Gedächtnis gebrannt. Für viele Japaner ist der Friedensartikel 9 in der Verfassung deshalb umso wichtiger. In den vergangenen Jahren hat sich die Regierung von Premierminister Shinzo Abe aber immer wieder für eine Verfassungsänderung ausgesprochen.

Die Regierung sagt, sie wolle Japan durch die neuen Gesetze schützen. Japan werde als zu harmlos wahrgenommen, weil die Armee seit dem Zweiten Weltkrieg über keinerlei Angriffsrechte verfügt und auch strategischen Partnern wie den USA nicht zur Seite stehen könne. Man müsse andere Länder stärker abschrecken. Südkorea und China zum Beispiel, zu denen sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert hat.

Das sehen die SEALDs anders: „Wir wollen gute Beziehungen mit unseren Nachbarländern, und wir wollen die pazifistische Verfassung behalten“, sagt Daikichi.

(Bild: Shinta Yabe)

Die SEALDs-Demonstranten tragen an diesem Septemberabend Mom-Jeans und Lippenstift, neonleuchtende Knicklichter am Handgelenk und T-Shirts mit der Aufschrift „PEACE NOT WAR“. Auch ihr Logo fällt auf: Das Wappen bestehend aus Lautsprecher, Buch, Füller, Kopfhörer und einem Playbutton in der Mitte passt zu einem Start-up. Die schlichte Typo, die bedruckten T-Shirts, weiß auf schwarz und schwarz auf weiß, das gehört zu ihrer Corporate Identity. Ihre Plakate könnten auch als Leuchtreklame von H&M über dem Bahnhof von Shinjuku flimmern oder das neue Iphone bewerben. All das ist Teil der SEALDs-Strategie.

Angefangen hat alles vor zwei Jahren: 2013 wollten sie sich gegen ein neues Whistleblower-Gesetz zur verschärften Bestrafung von Geheimnisverrat wehren. Damals hatten sie noch einen anderen Namen und waren weniger populär: „Proteste galten als uncool. Also wollten wir nicht mehr so demonstrieren wie die Leute in den Sechzigern, wir wollten Protest in unserem Stil.“ Deswegen warben sie Studenten von der Kunsthochschule an, deswegen lassen sie sich von Fotografiestudenten inszenieren wie eine Band, manchmal schalten sie auch großformatige Werbeanzeigen in Zeitungen. Alles spendenfinanziert, sagt Daikichi, und vollkommen unabhängig.

(Bild: Yui Hasegawa)

„Wir denken sehr viel darüber nach, wie wir uns ausdrücken wollen, wie wir uns präsentieren, bei den Reden und auf der Straße“, sagt Takashi von SEALDs. Das mache attraktiv für jüngere, glaubt Daikichi: „Weil wir einfach extrem stylisch und modisch sind.“ Zudem nutzen sie Facebook, Instagram, Tumblr, Twitter und Line, das japanische Pendant zu Whatsapp.

Die SEALDs sehen sich dabei nicht als Revolutionäre, sie fordern keinen Systemumsturz, sie wollen einfach laut sagen, was sie denken. Ihre Hoffnung: Irgendwann soll es in Japan ganz selbstverständlich sein, über Politik zu diskutieren. An diesem Abend demonstrieren Tausende andere Menschen. Ein paar Tage später wird das Sicherheitsgesetz trotzdem verabschiedet.

Die Studenten machen trotzdem weiter. Auf ihrer Facebook-Seite rufen sie kurz darauf zur nächsten Demo auf: "This is something about your country.
 This is something about the very world you are living.
It is you who change the world.
"

【It's tomorrow! Oct 2 Demonstration against PM Abe】If you want it…This is something about your country.This is...

Posted by SEALDs Eng on Donnerstag, 1. Oktober 2015
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