Hast Du Mitleid mit 40 Deutschen im Schlauchboot?

Die Flucht über das Mittelmeer ist traumatisch. Wie schlimm sie sich anfühlen kann, beschreiben Menschen in einem neuen Kurzfilm der NGO Sea-Watch, der zum Spenden aufrufen soll.

Die Gerüche auf dem Schlauchboot, die Umstände, sind nicht so leicht zu ertragen.
Wir durften nicht reden, wir wussten auch gar nicht, wer neben uns ist.

Aber hier sprechen keine Geflüchteten, sondern Deutsche. Sie heißen Lennart, Ingrid und Claus-Peter. Sind 19 oder 68. Sie arbeiten als KfZ-Mechaniker oder Fotoassistentin.

Der Film "Lifeboat" ist ein Video über ein soziales Experiment.

Sea-Watch hat mit 40 Freiwilligen eine "Mittelmeerflucht" simuliert. Die Teilnehmenden haben bis zu fünf Stunden in einem überfüllten Rettungsboot in einer "maritimen Trainingsanlage" verbracht, während um sie herum die Wellen peitschten. In solchen Anlagen üben Seeleute und Mitarbeiter von Kreuzfahrtreedereienden Umgang mit Rettungsbooten und Notfällen auf hoher See.

(Bild: Sea Watch/"Lifeboat Experiment")

Dadurch sollten sie "die Torturen der vielen flüchtenden Menschen zumindest im Ansatz körperlich und emotional nachempfinden", schreibt die NGO.  Die Simulation habe man in Kooperation mit Geflüchteten entwickelt. Ein Oscar-nominierter Regisseur hat daraus einen dramatischen, neunminütigen Kurzfilm produziert, den man unter www.lifeboatexperiment.org anschauen kann.

Mein erster Gedanke: Das ist pietätlos.

Die 40 Teilnehmer durften jederzeit aus dem Schlauchboot springen, an den Rand schwimmen und das Experiment abbrechen. Dort warteten medizinisches Personal und Rettungstaucher. All das gibt es auf dem Mittelmeer nicht – und auch keine dramatische Popmusik und Spezialeffekte wie im Film.

Ein Experiment mit den realen Gegebenheiten einer Flucht zu vergleichen ist zynisch. Aber selbst wenn man es schafft, das Gefühl eines Schlauchbootes inmitten eines Sturmes authentisch zu simulieren: Keine Trainingsanlage kann jemanden nachfühlen lassen, wie es ist, 15 Jahre in absoluter Armut zu leben – oder 22 Jahre in einer Diktatur – und dann die Entscheidung zur Flucht zu treffen. Wie es ist, die Familie zurückzulassen und nicht zu wissen, ob man an dem Ort, an dem man ankommt, überhaupt aufgenommen wird.

Trotzdem behauptet der Regisseur Skye Fitzgerald auf der Webseite des Films:

Der Film zeigt, wie Teilnehmer begreifen und verstehen, was es bedeutet, eine solch unfassbar gefährliche Reise auf sich zu nehmen.

Und  der Psychologe Michael Thiel sagt im Film:

Wir versuchen eine annähernd ähnliche Situation nachzustellen, so dass die Teilnehmer ein zunehmendes Stresslevel erfahren.

Die wirklich Betroffenen werden in dem Clip dagegen zu Statisten gemacht.

Im Video kommen auch Geflüchtete zu Wort: Ali Ahmed aus dem Sudan zum Beispiel. Einen Beruf hat er, im Gegensatz zu den Teilnehmern des Experiments, nicht. "Refugee" steht neben seinem Namen. Auch die Geflüchteten dürfen in wenigen Sätzen die Reise beschrieben. Aber sie wirken wie eine Art Reality-Check für das Experiment.

(Bild: Sea Watch/"Lifeboat Experiment")

Die Idee, mit sozialen Experimenten Empathie auszulösen, ist nicht neu.

  • Der Aktionskünstler Christoph Schlingensief sperrte Geflüchtete in einen Container (SPIEGEL ONLINE), die man per Livestream verfolgen konnte, wie sie in der Sommerhitze auf ihre Abschiebung warteten.
  • Das "Zentrum für politische Schönheit" präsentierte Flüchtlinge, die sich aus symbolischen  Protest gegen das "Beförderungsverbots für Flüchtlinge" von Tigern fressen lassen sollten – die Aktion kam aber ohne vergossenes Blut aus. (ZPS)
  • Die YouTuber von "Datteltäter" ließen im Februar Menschen raten, ob man Geflüchtete in einer Gruppe von Fremden erkennen kann. (Youtube) Bei der Aktion mit dabei: Massiv, Toyah, Simon Will und Marcel. Auch hier gab es Tränen, harte Fluchtgeschichten und emotionale Momente.

All diese Experimente hatten ein Ziel: Sie wollten Unbeteiligte zwingen, sich zum Thema Flucht zu verhalten, eine Reaktion zu zeigen.

Der Unterschied: Die "Datteltäter" ließen den Geschichten der Geflüchteten Raum und baten Sie im Anschluss an das Experiment, ihre Geschichten zu teilen. Die Menschen mit Fluchterfahrung waren so nicht nur Mittel zum Zweck der emotionalen Selbsterkenntnis der Deutschen.

Davon sehen wir im Sea-Watch-Film nichts. Stattdessen hören wir, dass der Geruch auf einem Schlauchboot unangenehm ist. Dass eine (sehr sympathische) junge Frau mit Nasenpiercing dankbar ist, "nie um mein Leben kämpfen zu müssen" und irgendwie auch dafür, dass sie "gesund" ist.

Dankbarkeit für das Leben ist das, was die Experimentsteilnehmer uns beschreiben. Das macht Sinn. Oder?

Im Video der "Datteltäter" ist das anders. Ein junger Mann, der es über das Mittelmeer geschafft hat, erzählt unter Tränen von einem ganz anderen Gefühl: Scham.

Die zwei Boote, die vor uns waren, sind gesunken. Und ich schäme mich, dass ich diese Reise überlebt habe. Was habe ich dafür gemacht?
Junger Mann im Video der "Datteltäter"

Warum hat sich Sea-Watch also entschieden, eine Kampagne dieser Art zu machen?

Seit 2016 ist das Thema Flucht etwas in den Hintergrund gerückt. Bei den großen Talkshows belegt das Thema nur Platz vier. (Zeit Online) Der Anteil der Toten im Mittelmeer habe sich aber vervierfacht – "und kaum jemand kriegt es mit", schreibt Sea Watch auf seiner Webseite. Vergangenes Jahr seien im Schnitt täglich acht Menschen im Mittelmeer gestorben. Dazu hat die Organisation eine Umfrage in Auftrag gegeben: Demnach sei das Ausmaß der Tragödie 85 Prozent der Deutschen nicht bewusst. 

Der Film ist also ein ziemlich verzweifelter Versuch, wieder Aufmerksamkeit für die Flucht auf dem Mittelmeer zu generieren – und für die Arbeit der NGO.

Denn die Helfer stehen unter großem Druck: Sea Watch ist eine der wenigen Organisationen, die auf dem Mittelmeer noch Leben retten. Dafür werden sie juristisch verfolgt und gegen sie wird gehetzt. (Spiegel Online)

Das erklärt, dass die Macher zu drastischen Mitteln greifen. 

Die Kampagne ist brutal unterkomplex und pietätlos emotionalisierend. 

bento per WhatsApp oder Telegram

Aber vielleicht ist das Schlimme daran gar nicht, dass Sea-Watch bei den Stilmitteln daneben greift - sondern, dass es funktioniert. Die Kampagne geht davon aus, dass sich viele Deutsche eher mit Ingrid und Claus-Peter identifizieren als mit Ali Ahmed.

Vielleicht auch, weil untergehende Schlauchboote auf dem Mittelmeer immer seltener eine Meldung wert sind - während die Havarie eines Kreuzfahrtschiffes, von dem Menschen in Hubschraubern gerettet werden, überall Schlagzeilen macht. (SPIEGEL ONLINE)

Und vielleicht haben die Aktivisten und Aktivistinnen damit Recht. Oder wäre uns, ohne die 40 Deutschen im Schauchboot-Simulator, die neue Kampagne von Sea Watch trotzdem einen Text wert gewesen? Und hättest du darauf geklickt?




Gerechtigkeit

In einer Hamburger Klinik stirbt ein schwarzer Patient nach Gewalteinwirkung durch Sicherheitspersonal
Was wir bisher wissen.

Auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) ist am 26. April der 34-jährige Kameruner William T. verstorben – nach einer fünf Tage zuvor geschehenen, gewaltsamen Auseinandersetzung mit dem Sicherheitsdienst der Klinik . 

Die genauen Umstände des Todes sind bisher noch unklar. Klinik, Polizei und Interessengruppen kämpfen um die Deutung. Es ist eine gesellschaftliche Diskussion entbrannt, dem Sicherheitsdienst und dem Klinikum werden struktureller Rassismus und grundlos ausufernde Gewalt vorgeworfen. 

Was bisher über den Tod von William T. bekannt ist: 

  • Der 34-Jährige hat sich ersten Berichten zufolge selbst in Behandlung an der Psychiatrischen Klinik des UKE begeben (SPIEGEL ONLINE). Der Grund hierfür ist öffentlich nicht bekannt.
  • Auch, wie lange er an diesem Zeitpunkt bereits in Behandlung war, ist aktuell nicht bekannt. Medienberichten zufolge war er aber nicht in der geschlossenen Psychiatrie, sondern in der Tagesklinik untergebracht – hatte demnach also die Freiheit, das Gelände zu verlassen. (Zeit)
  • Weil sich sein Zustand verschlechtert habe, soll die die diensthabende Ärztin die "Unterbringung" beim zuständigen Gericht beantragt haben, also einen durch mögliche Selbst- oder Fremdgefährdung begründeten Freiheitsentzug. Bevor der dafür nötige Beschluss vorlag, soll T. am 21. April versucht haben, das Gebäude des Klinikums zu verlasse. (Polizei Hamburg). Laut §12 des "Hamburgischen Gesetzes über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten" haben Ärztinnen und Ärzte allerdings das Recht, kurzfristig auch ohne richterlichen Beschluss eine "Unterbringung" durchzusetzen, etwa bei akuten Gefahren für Leib und Leben wie Suizidversuchen.
  • Nach bisher ungeklärten Umständen war es vor dem Gebäude der Psychiatrie zur körperlichen Auseinandersetzung zwischen T. und drei Angestellten des Klinik-Sicherheitsdiensts gekommen, die ihn am Boden fixierten. 
  • Augenzeugen zufolge habe T. vor dem Gebäude eine Zigarette geraucht, als er von den Sicherheitsleiten angegangen wurde. Sie beschrieben das Vorgehen der drei Männer als überaus brutal, außerdem sei T. während des Kampfs von den Sicherheitsleuten rassistisch beleidigt worden. Die Augenzeugen riefen schon während des Kampfes die Polizei. (taz)
  • Eine Ärztin soll dem Mann an diesem Punkt Beruhigungsmittel verabreicht haben. 
  • Kurz darauf lag der Kameruner im Koma. (taz)
  • Am 26. April starb T. im UKE. (UKE)
  • Am 29. April wurde das vorläufige Obduktionsergebnis veröffentlicht: Todesursache war demnach Herzversagen. (NDR)

Was sagt die Klinik zum dem Vorfall? 

In einer ersten Pressemeldung teilt das UKE mit: "Der Patient hatte sich der Anordnung der Unterbringung widersetzt und musste von dem zwischenzeitlich hinzugerufenen Sicherheitsdienst des UKE fixiert werden, als er aus bisher ungeklärten Umständen zusätzliche medizinische Hilfe benötigte. Das begleitende ärztliche und pflegerische Personal hat umgehend die medizinische Versorgung vor Ort eingeleitet und weitere Hilfe angefordert. Der Patient ist am 26. April auf der Intensivstation des UKE verstorben."

Am Nachmittag des 29. April legte das UKE nach und ging auf die Vorwürfe ein: “Wir sind zutiefst bestürzt über den Tod unseres Patienten. Unser Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen. Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und unterstützen die vorbehaltlose Aufklärung der Ereignisse mit allen Kräften. Rassismus hat im UKE keinen Platz. Wir stehen im UKE konsequent für Toleranz und eine weltoffene Gesellschaft.”

Was sagen die Interessengruppen? 

Der Interessenverband "Black History Month Hamburg" spricht von einem "rassistischen, menschenverachtenden, brutalen und tödlichen Übergriff" und organsierte am vergangenen Sonntag eine Mahnwache vor der Psychiatrie des UKE. Zudem wurde ein von zahlreichen Gruppen unterzeichneter, offener Brief an das UKE veröffentlicht. 

Darin steht unter anderem: "Solche Begegnungen finden viel zu oft statt und spiegeln die rassistische und menschenverachtende Wahrnehmung gegenüber Schwarzen Menschen als aggressiv und gewalttätig wider, denen unabhängig von äußeren Umständen oder persönlichen Situationen eher mit tödlicher Gewalt als mit Mitgefühl begegnet werden muss." 

Damit spielen sie auf den Fall Achidi John an: 2001 war der Nigerianer im UKE nach polizeilich angeordneter Verabreichung eines Brechmittels verstorben. Der Todesfall sorgte in einigen Bundesländern für das Ende der umstrittenen Praxis, hatte aber keinerlei strafrechtliche Konsequenzen. (taz)

Was sagt die Politik zum Fall? 

Bisher macht vor allem die Fraktion der Linken in der Hamburger Bürgerschaft auf den Fall aufmerksam. Christiane Schneider, Fachfrau für Menschenrechte und Geflüchtete bei den Hamburger Linken, forderte "restlose Aufklärung".