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Wie der "Islamische Staat" Tausende junge Menschen anzieht und wie der Westen versagt, erklärt Dschihad-Forscher Scott Atran.

Scott Atran, 63, ist ein amerikanischer Anthropologe. Seit Jahren forscht er am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris zur Psychologie von Terroristen.

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Zuletzt befasste er sich mit dem Terror des "Islamischen Staats", sprach mit IS-Kämpfern im Irak und Sympathisanten in Paris. Kurz nach den Pariser Anschlägen veröffentlichte er im "New York Review of Books" einen viel diskutierten Aufsatz, in dem er dem Westen vorwarf, mit einem naiven Propagandakrieg in die Falle des IS zu tappen.

Nach den Anschlägen von Paris will Frankreich den "Islamischen Staat" militärisch besiegen. Ist der Kurs des Westens Erfolg versprechend?



Überhaupt nicht. Er zeugt von einer gefährlichen Weigerung, sich mit dem "Islamischen Staat" einmal detailliert auseinanderzusetzen und das Phänomen richtig zu verstehen. Natürlich kann man versuchen, an der Front im Irak und in Syrien mit Luftangriffen eine Expansion des IS zu verhindern. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Gegenstrategie auf völlig falschen Prämissen basiert.


Was meinen Sie damit?



Wir führen einen erstaunlich naiven Propagandakrieg. Der "Islamische Staat" wird von uns zur reinen Terrorgruppe gemacht, seine Kämpfer wahlweise zu Steinzeitmenschen, nihilistischen Mördern oder Barbaren. Das ist ein hilfloser Versuch, den IS irgendwie zu delegitimieren.



130 Menschen sind gestorben - bei Angriffen auf Restaurants, ein Stadion und einen Musikklub. Ist das für Sie kein Terror?



Natürlich ist das Terror. Aber was offenbar niemand begreift: Der IS ist mehr. Die Organisation ist, wie wir jetzt sehen, für viele junge Menschen aus Europa eine sehr attraktive Option, um gewisse Träume zu verwirklichen. Der IS entfaltet seine Anziehungskraft weniger aus seiner Gewalt heraus als aus dem Ziel, eine andere Weltordnung herbeizuführen und jedem Anhänger unter dem Banner des Propheten eine klare Rolle zuzuweisen. Dieses Heilsversprechen ist es, das IS-Anhänger anlockt. Der IS ist eine freudvolle Bewegung. Er setzt unserer Lethargie eine Verheißung entgegen. Solange wir das nicht realisieren, wird uns kein Gegenmittel einfallen.



Wenn wir uns etwa die Bilder aus dem syrischen Rakka ansehen, haben wir einen etwas anderen Eindruck. Frauen laufen tiefverschleiert herum, an zentralen Plätzen werden Ungläubige hingerichtet. Was soll daran freudvoll sein?



Es geht mir weniger ums Straßenbild. Es geht um die Geschichte, die der IS seinen Anhängern erzählt. Der "Islamische Staat" inszeniert sich als dynamische Bewegung mit welthistorischem Anspruch und entfaltet einen revolutionären Sog, wie es etwa bei den Bolschewiki oder den Nazis der Fall war. Ich habe im Irak mit inhaftierten IS-Kämpfern und in Paris mit Sympathisanten gesprochen. Ein wichtiges Ergebnis unserer Feldforschung war: Für viele, die Probleme haben, in ihrem Leben einen Sinn zu erkennen, ist der IS schlicht ein Abenteuer. Eine spannende Sache, die Ruhm und Anerkennung verspricht.



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Es gibt viele Arten von Abenteuern. Muss man gleich für den "Islamischen Staat" kämpfen, wenn man gelangweilt ist?

Nein, aber manche tun es. Wir sollten uns eingestehen, dass unsere Kultur in einer Krise ist. Unsere Vorstellung, dass die Menschen schon gesättigt sind, wenn sie in Shoppingmalls einkaufen und im Café sitzen können oder eine sichere 40-Stunden-Woche haben, ist zum Irrglauben geworden. Viele Menschen wollen auch gerne für etwas kämpfen. Wer sich einmal in den Pariser Banlieues mit Jugendlichen unterhalten hat, wird das bestätigen können. Viele von ihnen hadern mit ihrer Identität und ihrer Rolle. Sie fühlen sich weder zu Frankreich gehörig noch zu dem Land ihrer Eltern. Sie sind auf der Suche nach etwas.



Franzosen sind in den Reihen der europäischen IS-Kämpfer besonders stark vertreten. Funktioniert die Gehirnwäsche des "Islamischen Staats" bei französischen Einwanderern aus Ihrer Sicht deshalb so gut, weil viele von ihnen Schwierigkeiten mit ihrer Identität haben?



Es gibt keine Gehirnwäsche. Das ist ein Begriff, den jene verwenden, die sich etwas vorlügen und nicht wahrhaben wollen, dass die Gegenstrategie nicht zündet. Die Organisatoren des IS investieren in die Radikalisierung von Individuen ein Vielfaches dessen, was wir in die Prävention investieren. Sie verbringen Dutzende, manchmal Hunderte von Stunden damit, einen einzelnen Menschen für den Kampf zu begeistern. Das ist in Frankreich nicht anders als in anderen Ländern.



Sie verbringen Dutzende, manchmal Hunderte von Stunden damit, einen einzelnen Menschen für den Kampf zu begeistern.

Man kann das als Gehirnwäsche sehen.



Nein. Das ist eine äußerst professionelle Anwerbung. Sehr individualisiert, sehr geduldig. Wir wirken dagegen steinzeitlich. Das US-Außenministerium hat zum Beispiel jüngst eine Twitter-Kampagne gestartet unter dem Motto: "Denk' noch mal drüber nach und dreh' dich um." Eine anonyme und massenhafte Ansprache, mit dem Ziel, Menschen davon abzubringen, IS-Anhänger zu werden. Es ist völlig grotesk!



Was schlagen Sie für eine Gegenstrategie vor?



Ich bin nicht gegen jeden militärischen Einsatz, glaube aber, dass das höchstens kurzfristig helfen kann. Wir befinden uns in einem Krieg der Ideen. Wir müssen versuchen, dem "Islamischen Staat" seine Attraktivität zu nehmen. Das können wir am ehesten schaffen, wenn wir selbst wieder eine positivere Grundstimmung unserer Gesellschaft entwickeln und den anfälligen Teil unserer Jugend in den Fokus unseres Handelns rücken.



Integration stärken, Jobs schaffen? Das wird doch versucht.

Ja, aber es reicht nicht. Wenn Menschen sich heiligen Grundsätzen unterworfen haben, lassen sie sich selten mit ökonomischen Angeboten herauskaufen. Wir brauchen einen sehr individuellen Ansatz und müssen Jugendlichen eine Lebensweise ermöglichen, die sie stärkt und ihnen eine konkrete Rolle in der Gesellschaft gibt. Eine Plattform, die Jugendlichen auf lokaler und nationaler Ebene ermöglicht, Ideen einzubringen und Entscheidungsträgern vorzustellen, wäre etwa ein erster Ansatz. Wir dürfen unsere Jugend nicht mehr belehren, sondern müssen in einen Dialog mit ihr eintreten. Das ist mühsam, aber möglicherweise der einzige Weg.

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.