Die FDP-Fraktion im Bundestag hat am Donnerstag einen Antrag vorgelegt, um den Schwerbehindertenausweis umzubenennen. Der vorgeschlagene Name: Teilhabeausweis. (Bundestag)

Toll, was für eine positive Bezeichnung, nicht immer dieses negative "behindert": So ungefähr lässt sich der Gedanke dahinter zusammenfassen. 

Doch der Vorschlag wird nicht nur begrüßt. Einige Menschen finden, dass er scheinheilig sei – und dass die Betroffenen nicht in die Entscheidung involviert seien.

Wir haben jemanden gefragt, der sich mit dem Thema sehr gut auskennt.

(Bild: Michel Arriens)

Michel Arriens ist Inklusionsaktivist und arbeitet bei der Petitions-Plattform change.org. Außerdem ist er kleinwüchsig. In seinem Alltag hat der 27-Jährige immer wieder mit Barrieren zu kämpfen, die sein Leben unnötig erschweren. 

Daher hat er am Donnerstag auch sehr deutlich auf den FDP-Vorschlag reagiert:

Liebe FDP, lieber Christian Lindner, ihr möchtet ja seit heute den Schwerbehindertenausweis in Teilhabeausweis...

Gepostet von Michel Arriens am Donnerstag, 26. April 2018


Wir haben daraufhin mit ihm gesprochen.

Michel, auf deinem Ausweis steht "schwerbehindert". Siehst du dich selbst so?

Ich fühle mich schon schwerbehindert. Aber – und das ist wichtig – ich finde nicht, dass ich "schwerbehindert bin", sondern "schwer behindert werde". Das liegt vor allem an der Umgebung: Wenn ich mit Freunden losgehen würde und überall wären barrierefreie Cafés, dann wäre ich auch nicht schwerbehindert. Aber gesellschaftlich werde ich eben in meinem Alltag durch fehlende Barrierefreiheit "schwer behindert".

Unter meinem Facebook-Post hat jemand geschrieben, wir könnten uns doch auf die Zwischenstufe "Schwerteilhabeausweis" einigen, "solange wir nur schwer teilhaben können". Das fand ich sehr witzig.

Was gefällt dir nicht an dem FDP-Vorschlag?

Ich finde es an sich gut, über die Bezeichnung zu diskutieren. Denn Sprache hat viel Macht: Wenn man mich als Krüppel bezeichnet oder Frauen als Schlampen oder nichtweiße Menschen als Neger – dann sagt das etwas darüber aus, wie man über diese Menschen denkt und wie viel sie einem wert sind.

Was auf meinem Ausweis steht, ist mir allerdings weniger wichtig. Ob man ihn nun Integrationsausweis, Teilhabeausweis oder Mach-mich-glücklich-Ausweis nennt, ist mir egal. Ich finde auch Vorschläge schön, wie den der 14-jährigen Hannah aus Schleswig-Holstein mit ihrem "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" (mehr dazu bei bento). 

Mir ging es mit meinem Beitrag nur darum, dass es so viel Wichtigeres gibt als den Namen. Das habe ich im Vorschlag der FDP vermisst. Und deshalb wollte ich etwas dazu sagen.

Was sind die dringendsten Probleme, die die Politik stattdessen angehen sollte?

Die drei wichtigsten sind für mich:

1. Dass private Unternehmen zur Barrierefreiheit verpflichtet werden. 

Das heißt: Wenn ein Café umbaut oder sich neu gründet; oder wenn ein neues Zugunternehmen wie "Flixtrain" (bento) sich am Markt etabliert, dann muss es Vorgaben für Barrierefreiheit geben. Es geht mir nicht darum, dass der kleine Kiosk um die Ecke einen Aufzug für 30.000 Euro installieren muss, sondern dass er vielleicht eine Edelstahlrampe für 100 Euro vor seinen Eingang baut. Also eine Barrierefreiheit, die dem Betrieb zuzumuten ist. Aber die verpflichtend. 

Denn sonst macht sich darüber niemand Gedanken. Ich höre oft: "Zu uns kommen ja gar keine Rollstuhlfahrer, warum soll ich das dann machen?" Aber wenn es nicht barrierefrei ist, dann kommt halt kein Rollstuhlfahrer. Wir sind ja nicht dumm und laufen gegen Treppen, sondern informieren uns natürlich vorher, ob ein Laden barrierefrei ist. (Das kann man zum Beispiel auf der Wheelmap nachsehen.)

Ich möchte einfach mal ins Café gehen können mit Freunden, oder Party machen, ohne mir vorher Gedanken darüber zu machen, wo ich Party machen kann – statt mit wem oder wie lange ich bleiben will.
Michel Arriens

2. Die Arbeitslosenquote unter Menschen mit Behinderungen ist noch immer doppelt so hoch wie im Rest der Gesellschaft.

Da kann die Politik mit Subventionen gegensteuern und mit Erleichterungen der komplizierten Prozesse bei der Arbeitsagentur. Außerdem sind die meisten Arbeitsplätze überhaupt nicht barrierefrei, wodurch Menschen mit Behinderung zwar theoretisch viele Jobs bekommen können – sie aber dann nicht ausführen können, weil das Gebäude nicht für sie ausgelegt ist. 

Dort, wo ich arbeite, führt der Weg zur Kantine über einen kleinen Wasserlauf im Atrium, den man über mehrere Steine springend überqueren muss. Wirklich! Das geht natürlich mit dem Roller, der mein Fortbewegungsmittel ist, nicht. Ich kämpfe seit einem Jahr darum, dass das Haus barrierefreier wird. Das bringt mich zum nächsten Punkt: 

3. Entbürokratisierung. 

Menschen mit Behinderungen müssen oft jahrelang mit der Krankenkasse darum kämpfen, einen neuen Rollstuhl zu bekommen, wenn der alte kaputt ist. Ein Freund von mir musste um einen neuen Katheter betteln, mit dessen Hilfe er pinkeln kann. Da geht es um Grundbedürfnisse, die jeder Mensch hat. Und viele Menschen müssen jahrelang einen Rechtsstreit darum führen. Das ist doch Wahnsinn.

Was würdest du den verantwortlichen Politikern gerne über Menschen mit Behinderungen sagen?

Ich würde ihnen einfach gerne ans Herz legen: Setzt euch mehr mit ihnen zusammen und versucht euch nicht in Themen einzuarbeiten, für die es Experten gibt, die schon lange für ihre Sache kämpfen. Wir sind immer bereit, beratend zur Seite zu stehen.

Worthülsen sind nicht das, was unsere Gesellschaft verändert, sondern Taten. Und Taten können nur dann gut sein, wenn sie von Menschen mitgestaltet werden, die es betrifft.


Fühlen

Wenn Schüler auf ihre Lehrer stehen – drei Berufsanfänger erzählen
Ab wann geht Schwärmerei zu weit?

Da ist der Deutschlehrer mit den leuchtend blauen Augen, der immer so süß lächelt. Die Referendarin in Mathe mit dem hübschen Gesicht und der coolen Art. Oder der junge Sportlehrer mit den muskulösen Armen. Junge Lehrer sind für Schüler nicht immer nur die, die ihnen Noten geben. 

Sie sind Mentoren oder Vorbilder und manchmal auch mehr. Man kann sich schon mal in den Referendar Ende 20 oder die hübsche Lehrerin verknallen. Das ist nicht nur in "Fack Ju Göhte" so.