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Eine Politikerin schlägt vor, dass alle Menschen in Deutschland mindestens einmal im Leben ein ehemaliges Konzentrationslager besichtigen. Klingt gut, aber empört viele. Zu Unrecht.

"Das geht doch nicht", "Wieso soll man Menschen zu so etwas zwingen?", "Der Nanny-Staat macht wieder Vorschriften!": Solche Sätze füllen die Kommentarspalten. 

Dabei ist der Vorschlag doch vor allem eins: eine gute Idee! Und die würde ich nicht verbieten, nur weil sich manche Leute bevormundet fühlen.

Ihre Forderung löst gerade Diskussionen aus: SPD-Politikerin Sawsan Chebli.(Bild: Wolfgang Kumm/dpa)
Darum geht es:

Sawsan Chebli ist SPD-Politikerin und Berlins Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement. Und sie hat nun gefordert, dass jeder Mensch in Deutschland dazu verpflichtet werden sollte, mindestens einmal im Leben eine Konzentrationslager-Gedenkstätte zu besuchen (bento). Das soll sowohl für gebürtige deutsche Staatsbürger gelten, als auch Teil der Integrationskurse für Eingewanderte sein.

Hier sind vier Gründe, warum ich finde, dass das eine richtig gute Idee ist.

1.

Ansehen wirkt tiefer als lesen.

Wenn man immer nur theoretisch über etwas spricht, dann ist es schwerer zu begreifen. Das gilt für das ganze Leben, ist aber besonders bei Themen wichtig, die sehr komplex, abstrakt oder schon sehr lange her sind. 

Aus diesem Grund ist es ohnehin an vielen Schulen normal, nach etlichen Schulstunden zum Nationalsozialismus mal eine Exkursion zu einer Gedenkstätte zu machen. Hier würde sich also durch den Vorstoß nicht viel ändern. Außer, dass die Schulen verpflichtet wären, solche Lernmodelle außerhalb des Klassenzimmers auch wirklich umzusetzen. Ein Besuch in einer KZ-Gedenkstätte würde vielen zumindest eine Ahnung dessen vermitteln, was die Nazis für Verbrechen an der Menschheit begangen haben. 

Aktuell ist leider eher das Gegenteil der Trend: Immer weniger außerordentliche Aktionen, immer mehr Unterricht nach Plan. Der Grund sind meist fehlende Gelder und zu wenig Personal. 

Vorgaben, wie die von Chebli vorgeschlagene, würden die Behörden dazu verpflichten, die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Und das im besten Fall nicht nur für Gedenkstätten-Besuche. Sondern auch, um mal wieder ins Planetarium zu gehen. Oder in den botanischen Garten. Oder auf eine Spurensuche in der historischen Altstadt des Nachbarortes zu gehen. 

Aus der Geschichte lernen? Das klappt leider nicht immer.

2.

Es hilft, Deutschland zu verstehen. 

Der deutsche Umgang mit der Nazi-Vergangenenheit ist von außen betrachtet häufig schwer nachvollziehbar. 

Im Urlaub haben sich Engländer schon über meinen schockierten Blick amüsiert, als sie spaßeshalber einen Hitlergruß imitierten. Während meiner Zeit in Südafrika fand ich mich oft in emotionalen Diskussionen darüber wieder, wo genau Rassismus anfängt. 

Um zu verstehen, dass Deutschland mit den Verbrechen in seiner Vergangenheit tief verbunden ist, helfen neben solchen Gesprächen auch Besuche in Museen und Gedenkstätten. Denn sie zeigen, wie mit dem Geschehenen hierzulande umgegangen wird und wie präsent es noch in unseren Städten ist.

Besonders wichtig ist das für Menschen, die neu in diesem Land sind und es verstehen wollen. Chebli schlägt daher vor, die KZ-Besuche verpflichtend zu einem Teil der Integrationskurse zu machen. 

Und das ist richtig! Am besten auch gleich noch ein Pflicht-Besuch der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Da wäre der Integrationskurs auch gleich viel interessanter.

Aber zurück zur Ursprungsidee: Schon jetzt geht es in den Orientierungseinheiten dieser Kurse um die Kultur und Geschichte Deutschlands (hier gibt es eine Übersicht zum Ablauf). Eine Exkursion wäre also nur eine Ergänzung – und genau so sinnvoll für das Lernen, wie es in einer Schulklasse der Fall ist.

3.

Gemeinsam erinnern.

Der Vorschlag kommt zu einer Zeit, in der Muslime in Berlin antisemitische Parolen skandieren und Israelfahnen verbrennen (bento). Viele junge deutsche Muslime haben Schwierigkeiten, sich mit Deutschland zu identifizieren. Chebli, selber praktizierende Muslima, sagt dazu in der "Bild am Sonntag": "Das hat nicht nur, aber auch etwas mit Diskriminierungs- und Ablehnungserfahrungen zu tun." 

Chebli engagiert sich seit vielen Jahren gegen Antisemitismus – vor allem unter Migranten – und sie sagt:

"Ich bin mir sicher, dass wir die Mehrheit dieser Jugendlichen erreichen und zurückgewinnen können."
Sawsan Chebli

Das ist zu hoffen. Doch es geht nur, wenn nicht davon gesprochen wird, was "wir" und "sie" tun müssen, um etwas zu verändern, sondern vielmehr gemeinsam gegen jegliche Diskriminierung vorzugehen. 

Die KZ-Besuche könnten genau zu einem solchen Empfinden beitragen. Zusammen erinnern und Lösungen suchen, statt einander beschimpfen und die Fehler beim anderen suchen.

Und wer jetzt sagt, "nur eine Gedenkstätte zu besuchen, reicht doch dafür nicht aus", hat natürlich Recht. Aber es sagt ja auch niemand, dass es die einzige Lösung ist. Doch es wäre schon, wenn dieser Vorschlag zumindest ein gedanklicher Anstoß für weitere Ideen wäre.

4.

Der AfD etwas entgegensetzen.

Gerade in einer Zeit, in der AfD-Politiker fordern, man solle endlich aufhören, an die Nazi-Verbrechen zu erinnern (bento), ist es richtig, diesen Aussagen etwas entgegenzustellen

Natürlich muss sich niemand aus den heutigen Generationen persönlich schuldig fühlen für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Aber aus der Geschichte zu lernen und dieses Wissen für ein besseres Miteinander zu nutzen, ist das Mindeste, das wir versuchen sollten. 

Ich war angefüllt mit Gefühlen, die ich vorher nie erwartet hätte.
Hanna Zobel

Meine persönliche Erfahrung: Als ich im Alter von 19 Jahren Auschwitz besuchte, dachte ich, ich würde nicht allzu viel Neues lernen. Immerhin hatten wir gefühlte vier Jahre im Geschichtsunterricht über nichts anderes als den Nationalsozialismus geredet. Wir hatten das ehemalige KZ Neuengamme besucht, waren in Museen gewesen und hatten Überlebende des Holocaust interviewt. 

Doch als ich mich nach der Führung durch das ehemalige Tötungslager auf das Gras setzte und über die riesige, von Birken gesäumte Fläche schaute, war ich angefüllt mit Gefühlen, die ich vorher nie erwartet hätte. Die pure Dimension, die Geschichten der Zeitzeugen, die Berge von Schuhen der Insassen: Auf einmal hatte ich ganz deutlich vor Augen, was sonst nur sehr abstrakt in meinem Hinterkopf war: Nämlich, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Für die, denen die Stimme genommen wird. Und gegen die Versuche, Menschen ihre Rechte und ihre Würde abzusprechen.

Für diese Erfahrung bin ich den Betreibern der Gedenkstätte sehr dankbar. Und auch wenn jeder einen anderen, persönlichen Schluss aus so einem Besuch zieht: Ich wünsche mir, dass sich jeder diese Gedanken zumindest mal machen muss.


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Wenn du früher dachtest, dass deine Familie verrückt und peinlich ist, brauchtest du eigentlich nur eins tun: nachmittags Pro7 einschalten und den "Malcolm mittendrin"-Marathon schauen.

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