Bild: Jacquelyn Martin / AP / dpa
Er verschwand im Konsulat in Istanbul – was wir bisher wissen

Die Geschichte klingt wie ein Agententhriller. Und sie wird für einige mächtige Menschen zunehmend zu einem Problem: Der saudische Journalist Jamal Khashoggi wird vermisst. Er wurde möglicherweise in Istanbul ermordet. Das vermuten zumindest die türkische Polizei und der Geheimdienst. 

Der Fall sorgt international für Aufregung, denn hinter dem mutmaßlichen Auftragsmord könnte die saudi-arabische Königsfamilie stecken. Jamal Khashoggi galt seit etwa zwei Jahren als Kritiker des autoritären Königshauses. 

Was genau soll mit Khashoggi passiert sein? 

Am 2. Oktober betrat Jamal Khashoggi um 13.15 Uhr Ortszeit das saudische Konsulat in der türkischen Stadt Istanbul. Berichten zufolge wollte er dort ein Scheidungsdokument abholen. Allem Anschein nach hat Khashoggi das Konsulat nicht lebend verlassen.

Ein 15-köpfiges Team aus Saudi-Arabien soll Khashoggi im Konsulat erst gefoltert und dann ermordet haben. Diesen Vorwurf erhebt die Türkische Regierung. Die Anschuldigungen sind grausig: Khashoggis Körper sei mit einer Knochensäge zerlegt und dann entsorgt worden. Belegt ist das bisher nicht. (CNN

Die New York Times hat mit Hilfe von Fotos und Gesichtsanalysen und mehrere der Männer identifiziert. Einer der Männer ist demnach Forensiker, ein anderer Autopsie-Experte. Mindestens drei sollen zum Personenschutz des saudischen Kronprinzen gehören. (New York Times)

Die Männer sollen am 2. Oktober in das Konsulat gekommen und noch am gleichen Tag wieder zurück nach Saudi-Arabien geflogen sein - in Flugzeugen, die eine saudi-arabische Firma mit Kontakten zum Kronprinzen und dem Innenministerium in Riad gemietet haben soll. (SPIEGEL ONLINE)

Wer ist Jamal Khashoggi?

Er wurde 1958 in Medina geboren. Khashoggi gilt als bekanntester Journalist Saudi-Arabiens (SPIEGEL+). Früher war er Vertrauter der saudischen Königsfamilie. Er soll Verbindungen zum Geheimdient gehabt haben und arbeitete in Botschaften in Washington und London. Seit 2017 lebte er allerdings im Exil in den USA. (The New York Times)

Als Grund für sein Exil gab er an, wegen kritischer Aussagen zum Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und US-Präsident Trump in seiner Heimat unter Druck gesetzt worden zu sein. (Independent)

"Mir wurde befohlen, den Mund zu halten", sagte Khashoggi damals. (Vanity Fair)

In den USA arbeitete Khashoggi als Kolumnist für die Washington Post. Diese hat nun seine letzte Kolumne veröffentlicht. In ihr schrieb er über freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in der arabischen Welt:

Woher stammen die Informationen zum möglichen Mord? 

Von der türkischen Regierung und regierungsnahen Medien. Nach eigenen Angaben hat der türkische Geheimdienst Ton- oder Videoaufnahmen innerhalb des Konsulats gemacht, welche die Ermordung belegen sollen. Die Aufzeichnungen will die Türkei allerdings nicht veröffentlichen – um geheim zu halten, wie genau sie in der Lage war, das Gebäude zu überwachen. (CNBC)

Wie glaubwürdig die Anschuldigungen sind, ist deshalb unklar. Der mutmaßliche Mordfall spielt der Türkei und ihrem Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan, beim Ringen um Macht in der muslimischen Welt in die Hände (SPIEGEL ONLINE). Erdogan selbst geht gegen Journalisten und Regimekritiker vor, scheut sich nicht davor, sie in Haft zu nehmen.

Die Türkei untersucht den Fall weiter, am Mittwochabend wurde neben dem Konsulat auch das Privathaus des saudischen Konsuls von der Polizei durchsucht (SPIEGEL ONLINE). Nur Stunden vor der Durchsuchung wurde allerdings ein Reinigungsteam beobachtet, welches das Konsulat mit offenbar mit chemischen Reinigungsmitteln reinigte. (Washington Post)

Was sagt Saudi-Arabien zu den Vorwürfen?

Das Land und der Kronprinz Mohammed bin Salman besteiten die Anschuldigungen. Mohammed bin Salman zeigte sich bisher immer als moderner Reformer, der gegen Korruption im eigenen Land vorgeht und alte Strukturen aufbricht. Erst behaupteten seine Sprecher, die angeblichen Auftragsmörder seien lediglich Touristen gewesen. (Guardian)

Neuerdings ändert sich der Ton: Sprecher brachten die Theorie in Umlauf, dass die Männer auf eigene Faust gehandelt haben könnten – ohne Kontakt zum Kronprinzen. (SPIEGEL ONLINE)

Am Donnerstag wurde der arabische Konsul aus Istanbul in Saudi-Arabien festgenommen und offiziell von seinem Posten entlassen. Er war zuvor aus der Türkei in seine Heimat geflohen. (Evening Standard

Türkische Polizeibeamte bereiten sich am 17.10 darauf vor, die Residenz des saudi-arabischen Konsuls zu betreten.

(Bild: Petros Giannakouris/AP/dpa)

Wie reagieren andere Regierungen auf die Vorwürfe?

Sehr unterschiedlich: 

  • US-Präsident Donald Trump steht unter Druck. Republikanische und demokratische Senatoren fordern Aufklärung. Trump aber wird nicht müde, auf das viele Geld hinzuweisen, die Saudi-Arabien in jüngster Zeit in den USA ausgegeben hat. Saudi Arabien ist der wichtigste Abnehmer für US-Waffen, seit 2013 hat das Land etwa neun Milliarden Dollar investiert (CNBC). Am Dienstag überwiesen die Saudis den USA 100 Millionen Dollar – offiziell, um bei der "Stabilisierung Syriens" zu helfen. (Washington Post)
  • England, Frankreich und Deutschland fordern "glaubhafte Ermittlungen". Außenminister Heiko Maas will möglicherweise eine Reise nach Saudi-Arabien absagen. (Deutschlandfunk)

Saudi-Arabien drohte indes bereits unverholen, dass sich im Falle von Sanktionen der Ölpreis mehr als verdoppeln könnte. (CNBC)

Welche Konsequenzen hat Saudi-Arabien zu befürchten?

Viele Teilnehmer sagen derzeit die Teilnahme für eine Ende Oktober geplante Zukunftskonferenz des Kronprinzen ab. Viele Firmenchefs wollen gerade offensichtlich nicht mit einem Prinzen fotografiert werden, der etwas mit dem Verschwinden oder einem möglichen Mord an einem Journalisten zu tun haben könnte. (manager magazin)

Ob Staaten und Unternehmen das autokratische Regime langfristig isolieren oder bestrafen wollen, ist aber noch nicht abzusehen. Bald schon möchte Prinz Mohammed bin Salman unter Aufsicht eines Ex-Siemens-Managers einen gigantischen Technikpark namens "Neom" bauen, mit einem Investitionvolumen von 500 Milliarden Euro. (Süddeutsche)

Die Summe ist gigantisch. Siemens-Chef Joe Kaeser plant trotz der Anschuldigungen, in der kommenden Woche nach Saudi-Arabien zu reisen. (Welt)


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Hebammen müssen bald studieren – hier erzählen sie, wie sie das finden
Realschülerinnen und -schüler könnten dann die Ausbildung nicht mehr machen.

Wer Hebamme werden will, soll künftig studieren müssen. Bislang wurden Hebammen an Hebammenschulen ausgebildet. Bewerben konnte sich dort jeder mit mittlerer Reife oder gleichwertigem Schulabschluss. 

Das soll sich nun ändern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt damit eine EU-Richtline um: In vielen europäischen Ländern müssen Hebammen bereits studieren. Bis zum 18. Januar 2020 muss das nun aufgrund der Richtlinie auch in Deutschland der Fall sein. Das hatten die Parteien auch schon im Koalitionsvertrag festgehalten. (SPIEGEL ONLINE)

Jetzt gab Spahn sein Vorhaben erneut offiziell bekannt. Seine Begründung dafür, dass Hebammen künftig studieren sollen: "Die Anforderungen an Geburtshilfe steigen ständig", sagte er am Mittwoch den Zeitungen der Funke Mediengruppe.