Bild: Pixabay; Montage: bento
Im Netz organisieren immer mehr Frauen ihre Flucht vor strengen arabischen Familien.

In dem Moment, in dem Sara weiß, dass sie in Sicherheit ist, sieht sie Bäume, die immer rascher näher kommen. Ihr Flieger setzt jeden Moment in Frankfurt am Main auf, durch das Flugzeugfenster sieht Sara das dunkle Grün der Nadelbäume, so erzählt sie es später. "Das Grün ist für mich die Farbe von Deutschland".

Sara kommt aus Saudi-Arabien, ist 28 Jahre alt und zum ersten Mal in ihrem Leben in Freiheit, sagt sie. Vor einem Monat ist sie in einer gewagten Aktion aus ihrer Heimat geflohen, hat den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen und in Deutschland Asyl beantragt. Nun sitzt sie in einer Unterkunft für Geflüchtete im Osten Deutschlands. Ihren echten Namen will sie zum Schutz nicht veröffentlicht wissen.

Am Telefon erzählt Sara ihre Geschichte, von einem unterdrückten Leben in Saudi-Arabien, von ihrem heimlichen Freund, von den Tricks, mit denen sie schließlich floh.

"Ich habe so gezittert als ich am Flughafen war", sagt sie heute. Erst als der Flieger abhob, konnte sie sich entspannen. Alles sei von ihr abgefallen, "ich habe im Flieger dann erst mal ein Glas Wein bestellt." Glaubt man Saras Geschichte, dann war die Anspannung berechtigt: Ihre Flucht musste sie lange vorbereiten, in einer Nacht Mitte Januar ging es schließlich los.

Jetzt ist sie seit einem Monat in Deutschland, ob sie Asyl bekommt, steht aus. "Pläne für die Zukunft habe ich noch nicht", sagt Sara. Sie sei froh, weg zu sein. Nun wolle sie rasch Deutsch lernen und sich ein eigenes Leben aufbauen.

Sara hat eine App namens "Absher" benutzt, um ihre Eltern auszutricksen. Die App wird vom saudi-arabischen Innenministerium herausgegeben. Bürgerinnen und Bürger können mit ihr Strafzettel bezahlen oder Neugeborene registrieren. Aber: Saudi-Arabiens Männer können mit "Absher" auch ihre Frauen überwachen:

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht ohne die Erlaubnis eines Mannes reisen. Die Regelung ist eine von vielen Methoden, mit denen Männer Frauen in dem erzkonservativen Königreich unterdrücken. Will eine Frau in einen Flieger steigen, braucht sie also eine Genehmigung – die mit der App elektronisch ausgestellt werden kann. Der Vorteil: Klaut man kurz das Handy des Mannes oder Vaters, kann man sie sich selbst ausstellen – vor ein paar Jahren, als es noch schriftliche Genehmigungen brauchte, war das schwieriger.

Sara erzählt, sie habe zwei Mal einen Transitflug über Deutschland nach Weißrussland gebucht. "Weißrussland ist eines der wenigen Länder, in das ich ohne Visum reisen darf", sagt sie. Sogar Hotelzimmer hat sie in der Hauptstadt Minsk gebucht, um ihr Vorhaben zu verschleiern. Beim ersten Versuch durfte sie das Haus nicht verlassen, ihre Eltern sorgten dafür. Es gehöre sich nicht für eine unverheiratete Frau, abends noch auszugehen.

Beim zweiten Fluchtversuch versteckte Sara einen gepackten Rucksack, schlich sich schließlich abends doch aus dem Haus. 

"Ich hatte wahnsinnige Angst, dass sie misstrauisch werden und die Behörden meinen Namen erfahren". Bei der Passkontrolle am Flughafen wird sie quälende 15 Minuten hingehalten, "ich habe am ganzen Körper gezittert". Ihre Eltern melden sich mittlerweile per WhatsApp, rufen immer wieder an – Sara erfindet eine Geschichte, eine Freundin habe einen Notfall. Erst im Flieger atmet sie auf.

Am Morgen in Frankfurt stellt sie bei der Passkontrolle Antrag auf Asyl, den Weiterflug nach Weißrussland tritt sie nie an. 

„Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um ein besseres Leben zu führen – sondern um überhaupt ein Leben zu führen.“
Sara über ihre Flucht

In jüngster Zeit häufen sich die Geschichten von Frauen aus den reichen Golfstaaten, die vor Unterdrückung fliehen wollen: Anfang Januar ging der Fall von Rahaf aus Saudi-Arabien um die Welt, die sich am Flughafen von Bangkok verbarrikadierte, um ihrem Vater zu entkommen. Erst wenige Wochen zuvor sorgte die Geschichte von Scheikha Latifa für Aufsehen. Die Tochter des Emirs von Dubai floh aus ihrer Heimat und wurde von Söldnern eingefangen.

Viele Frauen aus arabischen Ländern geben sich mittlerweile im Netz Tipps, wie sie ihre Flucht organisieren können. 

Ein Forum ist wearesaudis.net – in dem auch viele in Deutschland lebende Saudi-Araber aktiv sind. Sie diskutieren, welche Fluchtrouten sicher sind oder an welche Stellen man sich bei einem Deutschlandbesuch wenden muss, um Asyl zu beantragen. Auch über Tricks im Umgang mit der Absher-App wird geschrieben. 

Admin des Forums ist der Exil-Saudi Taleb Al-Abdulmohsen. Er lebt in Deutschland und verhilft seit mehreren Jahren anderen via Twitter und über das Forum zur Flucht – auch Sara hat er beraten, nachdem sie gelandet war. Die Anfragen Betroffener seien in den vergangenen Jahren aber weniger geworden, sagt Taleb. Mittlerweile sei die Community junger Frauen derart gut vernetzt, dass sich viele gegenseitig helfen würden.

Seit 2015 haben laut dem Bundesamt für Migration mehr als 150 Menschen aus Saudi-Arabien in Deutschland Asyl beantragt – mehr als die Hälfte wurden anerkannt. 

Die Zahl der Geflüchteten stieg zuletzt: Gab es 2015 nur 17 Erstanträge, waren es 2017 schon 68. 

Viele fliehen vor strengen Eltern, die ihnen drohen, wenn sie sich widersetzen, vor Prügel oder Ehrenmorden. "Sie wollen unsere Körper kontrollieren, unsere Gedanken, unser Leben", sagt Sara. Und mit "sie" meint Sara alle: die saudische Regierung, ihre Familie, die Gesellschaft an sich. 

„Frauen sind für sie wortwörtlich Sklavinnen.“
Sara über die saudi-arabische Regierung

Einmal fuhr sie ein Bekannter nach einer Podiumsdiskussion heim, beide gerieten in eine Kontrolle. Sie kam in eine Gefängniszelle, erzählt Sara. Die Beamtinnen hätten sie ausgezogen, überall untersucht, sie "Hure" genannt. Nur, weil sie auf dem Beifahrersitz eines Mannes saß, der nicht mit ihr verwandt ist. Anrufen durfte sie niemanden, erst am nächsten Tag konnte ihr Vater sie abholen. 

Sara sagt aber auch, ihre Eltern hätten sie nie geschlagen. Nur ihr großer Bruder verprügelte sie einmal. Ihr Leben sei dennoch einschnürend gewesen. Sie durfte niemanden ohne Erlaubnis treffen, ihr wurde verboten, Bücher zu lesen. Irgendwann wollten ihre Eltern gar, dass sie ihren Job kündigt. Sie arbeitete in der Personalabteilung einer großen Firma, hatte mit vielen Kolleginnen – und Kollegen – Kontakt. Was die Eltern störte? Einige davon waren Christen.

"Ich wollte einfach raus, mein eigenes Leben führen", sagt Sara. 

Genau das hatte sie auch in Saudi-Arabien schon versucht. Während die anderen beiden älteren Schwestern heirateten, rebellierte Sara immer wieder, ging mit Freundinnen aus, besuchte Cafés, in denen sie das Kopftuch ablegen durfe. 

Sie hatte sogar einen heimlichen Freund, ist keine Jungfrau mehr. Beide trafen sich in den Morgenstunden, wenn ihre Eltern dachten, sie fährt früh zur Arbeit. "Kannst du dir das vorstellen?", fragt sie, "Ich bin 28 und durfte noch nie in meinem Leben etwas ohne die Zustimmung meines Vaters oder Bruders tun."

Mit ihren Eltern hat sie seit ihrer Flucht nicht mehr telefoniert. Sie will ein neues Leben, und auch ihnen die Trennung nicht zu schwer machen. Sara könne ihrer Familie nicht wirklich böse sein, sagt sie. Dass sie ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will, liege auch daran, sie zu schützen:

„Sie sind keine schlechten Eltern – sie glauben nur an Traditionen, an die ich nicht mehr glaube.“
Sara über ihre Familie

Nun sitzt die junge Frau in einem Zimmer in einer Asylunterkunft irgendwo in Ostdeutschland. Ihre Zimmernachbarin ist Iranerin. "Seit kleinauf wurde mir beigebracht, Iraner zu hassen", sagt Sara, "jetzt ist eine wie eine Schwester für mich." Denn ihre Zimmernachbarin floh aus ähnlichen Gründen – die beiden können über vieles reden. 

In Saudi-Arabien habe sie "ein Leben im Luxus" geführt. Schon die Villa der Familie sei größer als nun die gesamte Asylunterkunft. Sie hatte Fahrer und Bedienstete, ein eigenes Badezimmer. Ihr Gehalt von umgerechnet rund 2000 Euro konnte sie komplett für Klamotten und Gadgets ausgeben. 

„Ich war es nicht gewohnt, selbst irgendwas im Haushalt zu machen.“
Sara über ihr früheres Leben

Nun bekommt sie 130 Euro Taschengeld im Monat, muss sich davon ihr Essen und alles sonstige kaufen. Sie schläft in einem einfachen Bett mit Metallgestänge vor einer weißen Wand, mehrere schmucklose Spinde stehen an der Wand. Aber draußen vor dem Fenster sieht sie Fachwerkhäuser. Und Bäume. Bald gehen die ersten Knospen auf.

Sara fühlt sich so frei wie noch nie in ihrem Leben.


Streaming

Endlich Dreamdates beim "Bachelor" – und das sind die besten Tweets dazu

Nach den Homedates kommen die Dreamdates – so gehört sich das beim Bachelor. Dreamdates heißt, dass Bachelor Andrej mit seinen Top-Drei-Kandidatinnen, Eva, Jennifer und Vanessa, noch mal besonders viel Zeit verbringt – und zwar auf Kuba.

Ganz schön viel Reiserei also beim Bachelor: Er und die verbliebenen Frauen waren erst in Mexiko und haben mehrere Wochen in der Villa verbracht, dann ging es für die Homedates zurück nach Deutschland, danach für ein letztes Gruppendate (eine Fahrt im Heißluftballon) wieder nach Mexiko, um dann für die Einzel-Dreamdates nach Kuba zu reisen. Okay, man kommt rum als Bachelor und Bachelor-Kandidatin... Die CO2-Bilanz dankt auch.