Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, ist in Saudi-Arabien erst seit Kurzem Normalität: Frauen am Steuer eines Autos (bento). Lange galt das in dem Königreich als "unislamisch", viele Aktivistinnen kämpften daher für mehr Frauenrechte und Gleichberechtigung. Vor einem Jahr wurde das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. 

Wir haben mit Lina*, 26, gesprochen, die gerade ihre ersten Fahrstunden in Riad, der Hauptstadt von Saudi-Arabien, absolviert.

Seit Juni 2018 dürft ihr im ganzen Land legal Autofahren. Was hast du gedacht, als du davon erfahren hast?

Es ist sexistisch, Frauen nicht fahren zu lassen, deswegen war es an der Zeit. Es ist unser gutes Recht. Taxis und Bahnen sind hier oft furchtbar, auch wenn an besseren Transportmöglichkeiten gearbeitet wird. Die Alternativen sind: Du musst entweder einen Fahrer haben, Uber nutzen oder dich von einem Familienmitglied durch die Gegend fahren lassen.

Aber nicht alle Frauen, die ich kenne, sind direkt losgegangen und wollten Fahrstunden nehmen. Sie hatten am Anfang eher Angst.

Warum hatten sie Angst?

Viele hatten Angst, dass es mehr Belästigungen durch Männer geben würde, weil unsere Gesellschaft fahrende Frauen nicht gewohnt ist. Dass sich Männer in ihrer Maskulinität bedroht fühlen würden, weil sie es gewohnt seien, am Steuer zu sitzen. 

Es ist tatsächlich schon passiert, dass Frauen von Männern eingekreist und bedroht wurden, wenn sie alleine im Auto saßen.

Einige Männer lehnen Frauen am Steuer auch ab, weil sie sagen, es gebe jetzt schon nicht genug Parkplätze und zu viel Verkehr auf den Straßen – deswegen sollen nicht auch noch Frauen fahren. Der wahre Grund ist: Sie wollen es nicht, weil sie sich dadurch kleiner fühlen.

Selbst mein Vater hat mir sexistische Nachrichten geschickt: Fotos von pinken Autos, auf deren Scheinwerfern Wimpern klebten. Ich konnte darüber nicht lachen. Viele Männer verstehen nicht, wie beleidigend das ist.

Haben Frauen nun immer noch Angst?

Ich denke nicht. Seitdem es mehr Frauen gibt, die fahren, fühlen sich auch andere ermutigt. 

Wie war deine erste Fahrstunde?

Zuerst hatte ich total Angst. Meine Fahrlehrerin kam mit dem Auto zu uns nach Hause und hat mir alles erklärt. Dann sollte ich mich auf den Fahrersitz setzen und vom Parkplatz fahren. Ich tat es extrem langsam und vorsichtig. Aber schon die zweite Stunde habe ich sehr genossen. 

Es war befreiend. Ich kam nach Hause und hab mich wie eine Siegerin gefühlt.

Es wurde berichtet, wie schwierig es ist, eine Fahrstunde zu bekommen und dass sie für Frauen teurer sind. Wie ist deine Erfahrung?

Die Preise waren anfangs höher. Inzwischen zahlt man für die gesamte Ausbildung umgerechnet etwa 2500 Euro, wenn man noch keine Fahrkenntnisse hat. 

Doch der Andrang ist sehr hoch: Die Wartezeit beträgt momentan etwa zehn Monate. Deswegen lerne ich bei einer privaten Fahrlehrerin. Wegen unserer Kultur darf ich solche Fahrstunden nur bei einem Familienmitglied oder einer ausgebildeten Lehrerin – also einer Frau – nehmen.

Woher hat deine Fahrlehrerin ihre Qualifikation, wenn Fahren für Frauen bislang illegal war?

Die Ausbildungszentren sind im vergangenen Jahr für Frauen geöffnet worden. Einige lizensierte Lehrerinnen haben das Fahren von ihren Familienmitgliedern gelernt oder im Ausland. Man kann seinen ausländischen Führerschein nämlich auch eintauschen.

Wie lange dauert es, bis du deinen Führerschein in der Hand hast?

Normalerweise geht das innerhalb von zwei Wochen. Das hängt davon ab, wie viel privaten Unterricht man vorher genommen hat.

Haben du und deine Familie ein Auto?

Wir haben drei – meine Mutter hat zwei und mein Bruder eins.

Deine Mutter hatte also schon ein eigenes Auto, bevor sie damit fahren durfte?

Wir hatten dafür bisher einen Fahrer. Doch wir arbeiten an sehr unterschiedlichen Orten in der Stadt, deswegen wird es praktisch sein, wenn ich endlich unabhängig bin. Meine Mutter möchte sich weiterhin fahren lassen, weil sie es bequemer und weniger stressig findet.

Für die Menschen in Saudi-Arabien gibt es immer mehr Freiheiten, aber noch ist unklar, ob das Königshaus langfristig daran festhalten will. Viele Kritikerinnen und Aktivistinnen müssen mit hohen Strafen rechnen – viele, die jahrelang für die Aufhebung des Fahrverbots gekämpft hatten, sitzen heute im Gefängnis.


*Name geändert – der echte Name ist der Redaktion bekannt. 


Streaming

Stirbt der Hund? Diese Webseite sammelt Triggerwarnungen für Filme

Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. In True-Crime-Podcasts werden Frauen verprügelt, in Heinz Struncks Buch "Der Goldene Handschuh" werden sie brutal ermordet, in "Game of Thrones" werden sie vergewaltigt und gedemütigt. Gewalt gegen Frauen wird ständig und überall dargestellt. 

Mir ist bewusst, dass es solche Taten in der Realität gibt. Trotzdem macht es mich inzwischen nur noch wütend, wenn der hundertste Film und die x-te Serie mir abends auf dem Sofa explizite Gewaltszenen gegen Frauen zeigen. Darauf habe ich keine Lust mehr. Doch wie umgeht man so etwas? Filme werben ja nicht mit ihren wunderbar frauenverachtenden Szenen. 

Ich dachte bisher, ich müsste einfach damit klarkommen. Bis ich diese Seite im Netz entdeckte:  

Auf "Does the dog die?" sortieren Menschen Filme, Serien oder Bücher nach Themen, die sie nicht ertragen können. 

Zum Beispiel: "Der schwarze Charakter stirbt zuerst", "es gibt Dusch-Szenen" oder eben "ein Hund stirbt". 

In mehr als 60 von den Nutzerinnen und Nutzern erstellten Kategorien kann man Filme und Serien danach sortieren, ob das Genannte vorkommt – oder eben nicht. 

Wer zum Beispiel nichts gegen Mord, Folter und Vergewaltigung hat, aber nicht ertragen kann, dass Haustiere zu Tode kommen, hätte dank "Does the dog die?" vielleicht niemals mit "Game of Thrones" angefangen. 

Viele Kategorien sind sehr spezifisch: "Sexuelle Übergriffe" tauchen in der Liste auf, "Gewalt gegen Frauen" leider nicht – dafür sind fast jede Phobie, jeder Ekel und etliche praktische Hinweise für Eltern vorhanden: "Jemandem wird die Vorstellung vom Weihnachtsmann oder ähnlichem versaut", "es gibt Spinnen", "es wird gepupst oder gespuckt".