Bild: Twitter; Montage: bento

Frauen werden in Saudi-Arabien seit Jahrzehnten als Menschen zweiter Klasse behandelt. In dem erzkonservativen Königreich war ihnen sogar lange Zeit Autofahren verboten, auch dürfen sie nicht alleine auf Reisen gehen. Strenge Kleidungsvorschriften definieren, was Frauen tragen dürfen, Sittenwächter überwachen die Regeln.

Glaubt man dem Regime, ändert sich gerade Vieles: Neue Gesetze schenken den Frauen in Saudi-Arabien neue Freiheiten, mehr und mehr werden Regeln gelockert.

Glaubt man den saudi-arabischen Frauen, ist da aber nicht viel dahinter: Mit einem Kleidertrick machen sie nun auf ihre Situation aufmerksam.

Im ganzen Land tragen junge Frauen derzeit ihre Abaja, die traditionellen islamischen Gewänder, auf links gedreht. Unter dem arabischen Hashtag "Abaja auf links" zeigen sie Fotos der Aktion auf Twitter:

"Ich genieße die verwunderten Blicke", schreibt diese Nutzerin.

Auf den ersten Blick sehen die Gewänder aus wie sonst, ein schwarzes Kleid eben. Tatsächlich sind viele Abaja reich mit aufwendigen Stickereien verziert – nun stehen die Innennähte nach außen. 

Mit dem Protest wollen die Frauen signalisieren: Es reicht uns mit euren Kleidervorschriften!

Streng genommen gibt es im Koran kein Gesetz, das das Tragen eines Kopftuchs vorschreibt – oder wie sehr sich Frauen und Männer überhaupt verhüllen sollen. Dennoch haben saudi-arabische Kleriker eigene Regeln aufgestellt und bestimmen so über die Frauen.

In den Tweets beschweren sich nun viele darüber. Sie schreiben, dass sie gezwungen werden, sich zu verhüllen. Ihr werde ihre Identität geraubt, berichtet diese Nutzerin. Sie schließe sich dem Protest an, "um gegen die Sitten und Vorschriften des Staates" zu protestieren:

Und diese Nutzerin schreibt:

Nutzt das Recht auf Widerstand, hoch leben die freien Rebellinnen!

Seit mehreren Tagen teilen sich die Bilder im Netz, hundertfach retweeten sich die Aktivistinnen gegenseitig.

Dass das auf Twitter geschieht, ist kein Zufall: In Saudi-Arabien gibt es keine freien Medien, das Netzwerk gehört zu den größten und wichtigsten Meinungsplattformen des Landes. Es gibt kaum einen Saudi, der nicht bei Twitter ist – nach den USA, Japan und Großbritannien ist das Königreich das Land mit den meisten Nutzern (Statista).

Das digitale Aufbegehren zeigt: Längst ist nicht alles so gut, wie Saudi-Arabiens starker Mann es verspricht.

Der heißt Mohammed bin Salman, ist 33 Jahre alt und Kronprinz des Königshauses. Faktisch hat er alle greisen Staatslenker ausgespielt und führt die Regierungsgeschicke. 

"MbS", wie er im ganzen Land genannt wird, galt unter Jungen im Land lange als Star. 70 Prozent der Saudi-Araber sind unter 30, das Durchschnittsalter liegt bei 27 (CNN). Viele leben längst sehr viel moderner, als es ihnen die Greise im Königshaus vorschreiben wollen. Und tatsächlich hat "Mbs" im vergangenen Jahr mehrere Neuerungen eingeführt, vor allem für Frauen. Sie dürfen Auto fahrenKinos besuchen, sich politisch engagieren. Und selbst die Kleindungsvorschriften hat er in einem Interview als nicht mehr so streng definiert.

Das Problem: Oft sind das nur Worte, keine Taten. Oder zwar Gesetzesänderungen, aber nichts, was in den Köpfen der Menschen ankommt. Die Gesetze ändern die Gesellschaft nicht. Viele Frauen trauen sich weiterhin nicht, sich ihren Vätern, Brüdern, und ganz generell Männern zu widersetzen. Die verdrehte Abaja, sie ist der subtile Protest, der möglich ist. 

Wirklich frei sind viele Frauen in Saudi-Arabien also weiterhin nicht. Ihr Protest zeigt es.



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Kann der "Höhle der Löwen" mal jemand sagen, dass ein Pfefferspray kein Lifestyle-Produkt ist?
Du hast Angst? Kleb' Glitzer drauf!

Stell dir vor, du gehst nachts nach Hause. Du bist allein, aber hinter dir läuft schon seit einigen Minuten dieser Typ her. Langsam macht er dich unruhig. Doch Angst hast du keine – denn schließlich passt das Pfefferspray in deiner Handtasche mit seiner rubinroten Glitzerhülle perfekt zu deinem Outfit.

Moment – was?

Wenn du beim Lesen gerade auch gestockt hast, gehörst du wohl nicht zur Zielgruppe des Produkts, das am Dienstag bei der "Höhle der Löwen" vorgestellt wurde. Dort präsentierten Gründerin Tahnee und Gründer Julian "Safaya", die "erste Lifestyle Brand für Sicherheitsprodukte". 

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