Eine Hetzkampagne gibt's gratis dazu.

Vergangenes Jahr sah noch alles gut aus: Kronprinz Mohammed bin Salman, der neue starke Mann in Saudi-Arabien, hatte überraschend angekündigt, dass Frauen bald Autofahren dürfen (bento). Das war ihnen in dem erzkonservativen Königreich Jahrzehnte lang verwehrt – angeblich aus religiösen Gründen.

Zum Juni 2018 sollte die Fahrerlaubnis eingeführt werden. Dann dürfen Frauen endlich gleichberechtigt am Straßenverkehr teilnehmen, hieß es. 

Doch nun – keine zwei Wochen vor dem Termin – machen saudische Behörden mit einer Verhaftungswelle Stimmung gegen Frauen, die Auto fahren wollen.

Nun wurden insgesamt sieben Aktivistinnen und Aktivisten von Beamten der Staatssicherheit festgenommen, die sich seit Längerem für ein Frauenfahrrecht einsetzen (Sabq, auf Arabisch). 

Unter den Verhafteten ist Loujain al-Hathloul, eine der prominentesten Frauenrechtlerin in Saudi-Arabien. Sie saß bereits in der Vergangenheit länger im Gefängnis, weil sie sich Fahrverboten widersetzt hatte. Sie wurde vergangenen Dienstag in ihrem Haus festgenommen. 

Kurz danach, am Freitag, wurden zwei weitere Vorkämpferinnen für das Frauenfahrrecht verhaftet, Iman al-Nafjan und Aziza al-Youssef. Auch vier männliche Aktivisten wurden festgenommen.

Die saudische Aktivistin Loujain al-Hathloul(Bild: Loujain Alhathloul/OTRS system (CC BY-SA 4.0) )

Den Frauenrechtlerinnen wird vorgeworfen, eine Zelle gegründet zu haben und am Umsturz des Staates gearbeitet zu haben. 

Gemeinsam mit "ausländischen Kräften" sollen sie versucht haben, Saudi-Arabien und seine Gesellschaft zu destabilisieren, heißt es. Diese Erzählung ist in arabischen Autokratien und Monarchien weit verbreitet: Wenn immer es innenpolitische Probleme gibt, behaupten die Herrscher, fremde Agenten seien dafür verantwortlich. 

Nun, ohne dass es bislang eine Anklage gab, hat das saudische Königshaus noch mit einer Schmierenkampagne nachgelegt. 

Am Wochenende wurde auf Twitter der Hashtag #عملاء_السفارات lanciert. Er bedeutet in etwa "Spione der Botschaften" und meint, dass die Festgenommenen im Dienste ausländischer Botschaften arbeiten würden. 

Bilder, die die Frauen und Männer wie auf einem Fahndungsplakat aufgereiht zeigen, teilen sich seither Hundertfach und sammeln Tausende Likes. Auf den Köpfen steht jeweils "Verräter" beziehungsweise "Verräterin":

Es ist nicht die erste Maßnahme, die Frauen einschüchtern soll. Um an den Führerschein zu kommen, werden ihnen Hürden auferlegt: Frauen, die schon als Beifahrerinnen in Autos saßen, müssen 30 Fahrstunden nachweisen. Frauen ohne Erfahrung sollen sogar ganze 90 Fahrstunden leisten. 

In den vergangenen Wochen sind in Saudi-Arabien die Preise für Fahrstunden stark angestiegen – allerdings nur für Frauen:

Beide Vorgänge zeigen, dass der Wandel, den Mohammed bin Salman verspricht, bisher vor allem aus Worten besteht – nicht aus Taten.

Der 32-jährige Thronfolger – von allen nur "MbS" genannt – versprach vergangenes Jahr, sein Land im Eiltempo ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. 70 Prozent der Saudis sind unter 30, das Durchschnittsalter liegt bei 27 (CNN). Viele leben längst sehr viel moderner, als es ihnen die Greise im Königshaus vorschreiben wollen.

Außerdem geht Saudi-Arabien das Öl aus. Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich das Land öffnen und auch Frauen in Jobs bringen. "MbS" hat daher viele Maßnahmen angekündigt, um diesen Wandel zu beginnen:

Er hat die "Vision 2030" gestartet – um Start-ups zu fördern und erneuerbare Energien voranzubringen. Und vor allem, um Frauen mehr Rechte einzuräumen.
Lange waren Frauen bevormundet, jetzt dürfen sie arbeiten, ohne einen Mann um Erlaubnis zu bitten und Sozialleistungen nutzen (mehr bei bento).
Noch eine überraschende Änderung: Frauen dürfen erstmals Auto fahren (mehr bei bento).
Das strenge Verhüllungsgebot soll fallen. Es gibt keinen Schleierzwang, hat Salman im Frühjahr 2018 verkündet (mehr bei bento).
Und auch ein Mädchenrat wurde erstmals gegründet – der gezielt Schülerinnen fördern soll (mehr bei bento).
Auch für Touristen soll Saudi-Arabien geöffnet werden: MbS will mehrere Inseln im Roten Meer zum Ferienressort ausbauen. Offen ist, ob Alkohol und Bikinis erlaubt werden (mehr bei bento).
Außerdem soll am Roten Meer für mehr als 420 Milliarden Dollar eine neue nachhaltige Megacity entstehen, "Neom" genannt.
Und selbst das Kino-Verbot wurde aufgebaut. 35 Jahre lang durfen Saudis nicht in Kinos gehen – nun ist das wieder möglich (mehr bei bento).
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Die Verhaftungswelle und die Schmierenkampagne gegen Hathloul und ihre Mitstreiterinnen macht deutlich, dass ein echter Wandel noch lange nicht in Sicht ist, sagen nun Menschenrechtler von Amnesty International. Salman sei nicht der, für den ihn viele halten:

Kronprinz Mohammad bin Salman hat sich als "Reformer" präsentiert, aber seine Versprechen verpuffen zwischen all den Verhaftungen.
Samah Hadid, "Amnesty"-Leiterin Nahost

Die, die wirklich seit Jahren für das Frauenfahrrecht gekämpft haben, sitzen nun hinter Gittern. Das mache Salmans Versprechungen klein, sagt Amnesty International. 

Ob und wann Loujain al-Hathloul und ihre Mitstreiter freikommen, bleibt vorerst unklar. 

Höchstwahrscheinlich werden sie das, wofür sie so lange gekämpft haben, so schnell nicht erleben dürfen: Gleichberechtigung.


Musik

Pietro Lombardi hat einen neuen Song – und nein, du musst ihn nicht hassen

Okay Leute, hier sind die Eckdaten: Pietro Lombardi hat am Freitag einen neuen Song herausgebracht. Er heißt "Phänomenal", ist ein Sommerlied und erinnert sehr an diese ganze "Senorita"-Angelegenheit mit Kay One im vergangenen Jahr (bento). 

Das Lied belegt sowohl Platz eins in den iTunes-Charts als auch in den YouTube-Trends. Die Leute lieben es also offenbar.

So viel zu den Fakten. Doch jetzt kommen die Gefühle. Und die sind bei den meisten vermutlich: "Oh mein Gott, Pietro Lombardi, hau ab mit dem Mist!"

Glaubt mir, ich wollte den Song richtig gerne hassen. Ich wollte zynische Tweets lesen und mich gemeinsam mit anderen Menschen unseres eigenen tollen Musikgeschmackes vergewissern und solche "Sommerhits" verurteilen.

Aber so einfach ist das leider nicht.