"Die Videos sind nicht nur für mich – sondern für alle Frauen!"

Amal arbeitet gerade an einer kleinen Revolution. Sie nimmt dafür zwei Eier in die Hand, zerbricht sie über einer Schüssel und fügt Mehl und Milch hinzu. Dann zerquirlt Amal die Masse, gießt sie in eine Pfanne und macht Crepes. Mit einer Kamera filmt sie ihre Hände bei der Arbeit – das Video auf YouTube haben bereits mehr als fünf Millionen Menschen gesehen. 

Die meisten kommen wahrscheinlich aus Saudi-Arabien, denn dort ist Amal El-Mziryahi ein Star. Sie gehört zu einer Gruppe junger Frauen, die online für Aufsehen sorgen.

In einem Land, das Frauen Autofahren verbietet, erobert diese Gruppe Frauen sich mehr und mehr Freiheiten im Netz.
"Frauen spielen längst eine große Rolle für die Zukunft von Saudi-Arabien"
Amal El-Mziryahi

Manche kochen und backen wie Amal, andere geben Schmink-Tipps oder Styleberatungen, wieder andere machen Comedy. "Frauen spielen längst eine große Rolle für die Zukunft von Saudi-Arabien", sagt Amal zu bento. Ihrem YouTube-Kanal folgen knapp 332.000 Menschen, mehr als 20.000 haben sie auf Instagram abonniert. 

Andere sind noch erfolgreicher: 

  • Die Mode-Vloggerin Al-Juhara Sajer, genannt "Jay", sammelt knapp 448.000 Abonnenten auf YouTube – viele Videos dreht sie mit ihrem Vater als Sidekick. 
  • Hessa al-Awad, auf YouTube als "Miva Flower" unterwegs, hat mit ihren Make-up-Tutorials knapp 500.000 Fans gesammelt.
  • Und Njoud al-Shammari erreicht mit einem Mix aus Comedy und Reisevlogging sogar mehr als 1,2 Millionen Abonnenten.

So präsentieren sich die jungen Saudi-Vloggerinnen im Netz:
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Auf den ersten Blick sind die jungen Frauen schlicht Influencer – es geht ihnen darum, Reichweite aufzubauen, um Marken anzupreisen. Hinter dem Geschäftsmodell wird jedoch ein Umdenken in der saudischen Gesellschaft sichtbar. 

Kinos sind in Saudi-Arabien verboten, Konzerte werden selten erlaubt (Forbes). Soziale Netzwerke sind daher der wichtigste Kanal für junge Saudis, um Dinge anzustoßen – gerade die Nutzung von YouTube stieg laut Mutterkonzern Google in den vergangenen Jahren rasant an.

Saudi-Arabien ist eine Monarchie, die Königsfamilie regiert das Land mit Härte. Vor allem die Rechte von Frauen sind stark beschnitten: In der Öffentlichkeit müssen sie sich verhüllen, Autofahren ist ihnen verboten. Ohne Begleitung von Männern dürfen Frauen auch nicht verreisen. Im April wurde ein Fall bekannt, bei dem saudisch-arabischen Behörden eine geflohene Frau auf Geheiß ihrer Familie sogar aus den Philippinen mit Gewalt zurückholten:

Die Regierung gründet all diese Gesetze auf islamischen Regeln – auch wenn sich im Koran so explizite Verbote gar nicht finden lassen. Im Alltag seien diese Regeln gar nicht so wichtig, sagt eine junge Frau, die anonym bleiben möchte, zu bento. 

Sie lebt in der Hafenstadt Dschidda und fühlt sich frei: "Wenn ich Bock auf Autofahren habe, lässt mich mein Mann – nach außen sind die Scheiben ja sowieso abgedunkelt", sagt sie. Auch Arbeiten sei ihr von ihrem Mann nicht verboten. Frauen brauchten bis vor Kurzem in einem strikten Vormundschaftssystem die Erlaubnis ihrer Männer, wenn sie Arbeiten wollten.

Tatsächlich bemüht sich die saudisch-arabische Regierung gerade, Frauen mehr Zugänge in die Wirtschaft und Politik zu ermöglichen, mit langsamen Schritten. 
  • Auf lokaler Ebene wurde ein Mädchenrat gegründet, in dem die Interessen von Jugendlichen gefördert werden sollen (bento).
  • Eine Regierungsinitiative will in den kommenden drei Jahren mehr als 140.000 Jobs für Frauen schaffen ("Arab News").
  • Erst vor wenigen Wochen wurde eine Frau erstmals zur Präsidentin der saudisch-arabischen Börse ernannt ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").
  • Und ein neues Dekret von König Salman regelt, dass Frauen nicht länger ihre Männer um Erlaubnis bitten müssen, wenn sie arbeiten wollen (bento). 

Im Alltag geschieht dieser Wandel nur sehr langsam – aber im Netz beschleunigen Frauen wie Amal den Prozess. 

Wenn ich Bock auf Autofahren habe, lässt mich mein Mann
Eine Frau aus Dschidda

Amal kommt ursprünglich aus Marokko, lebt aber in Saudi-Arabien. Ihren YouTube-Channel führt sie seit 2012. Im vergangenen November wurde sie zu den einflussreichsten YouTuberinnen des Landes gewählt ("Arab News"). YouTube selbst hat mittlerweile die arabischsprachige Plattform "Batala" geschaffen, um Vloggerinnen wie sie miteinander zu vernetzen. 

"Es geht mir darum, mich selbst zu verwirklichen", sagt Amal. Sie sei Mutter und führe daheim den Haushalt – die Backvideos seien ihre Chance, trotzdem in der Gesellschaft sichtbar zu werden. Dass sie dabei meistens trotzdem nur ihre Hände zeigt, empfinde sie nicht als Widerspruch: "Es geht ja nicht darum, wie ich vor der Kamera aussehe, sondern, was ich mache." 

Ihre Fans geben ihr recht: "Gepriesen sei deine Kreativität", loben sie in den Kommentaren. Oder: "Gott lobe deine Hände." 

Andere Frauen sind offensiver – vor allem Njoud al-Shammari. Die 21-Jährige zeigt sich mit Gesicht im Video, reißt Witze über die Gesellschaft und dreht auch schon mal Follow-Me-Videos aus Hong Kong. Die Videos würden ihr die Kraft geben, ihre Stimme zu erheben, sagt sie dem Sender CNN. Es gehe darum, die Veränderung zu erwirken, die die saudisch-arabische Gesellschaft dringend nötig habe.

3 Gründe, warum sich Saudi-Arabien langsam öffnet:

  • Dem Land geht das Öl aus: Bisher waren Ölverkäufe die Haupteinnahme, doch schon 2015 hatte der Haushalt ein Defizit von 90 Milliarden Euro. Riad braucht neue Einnahmen – und arbeitsfähige Frauen.
  • Die Krisen im Nahen Osten schwächen das Land: Seit dem Arabischen Frühling 2011 sind viele Kriege ausgebrochen, Riad hat seine Vormachtstellung verloren. Die Öffnung wird diesen Umständen gerecht.
  • Die Jugend übt Druck aus: Drei Viertel aller Saudis sind unter 30 Jahren – und wollen sich nicht länger von alten Männern bevormunden lassen. Die Regierung hat das begriffen, ihr neuer Shootingstar ist nicht umsonst der 31-jährige Prinz Mohammed bin Salman.
"Die Videos sind nicht nur für mich – sondern auch für alle anderen Frauen", sagt Njoud.

Ein Video dreht sie gemeinsam mit ihrem Bruder. Er soll sie schminken – und stellt sich dabei ziemlich linkisch an. In den Kommentaren amüsieren sich die Nutzerinnen, "dein Bruder ist so verrückt", schreibt eine. Dass ein saudisch-arabischer Mann zur Wimperntusche greift und den Spott erträgt, das ist Njouds Arbeit an der kleinen Revolution.

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Gerechtigkeit

Der Frauenanteil im Landtag in Schleswig-Holstein ist enttäuschend

Schleswig-Holstein hat gewählt – und nicht nur für die SPD ist es eine Niederlage. Denn der Anteil der weiblichen Abgeordneten ist auf rund 30 Prozent zurückgegangen. Von 75 Abgeordneten sind nur 22 Frauen. Bei der CDU, die mit 25 Abgeordneten die größte Fraktion stellt, sind nur 3 Frauen vertreten, Frauenanteil 12 Prozent.

Sogar die AfD schneidet besser ab, unter 5 Abgeordneten ist eine Frau vertreten. Das sieht zwar auch nach Männerclub aus, ist aber rein rechnerisch ein Frauenanteil von 20 Prozent.