Sunniten vs. Schiiten allein erklärt es nicht.

Was war passiert?

Saudi-Arabien hatte am Samstag 47 Menschen hingerichtet. Vor allem Terroristen, so erklärte das Königreich - allerdings auch den schiitischen Regimekritiker Nimr al-Nimr. Schiiten auf aller Welt, allen voran im Iran, reagierten empört. Irans Oberster Führer Ali Khamenei twitterte von einer "Rache Gottes", die die Hauptstadt Riad nun fürchten müsse. Aufgebrachte Demonstranten stürmten die saudische Botschaft in Teheran. (SPIEGEL ONLINE)

Am Sonntag zog Saudi-Arabien daraufhin seinen Botschafter ab und stellte Iran ein Ultimatum: Bis Dienstagabend muss das Land sein diplomatisches Personal aus Saudi-Arabien abziehen. Am Montag hat Riad zudem sämtliche wirtschaftlichen Beziehung mit Teheran abgebrochen.

Wie wichtig war Al-Nimr?

Al-Nimr galt in Saudi-Arabien als wichtiges Sprachrohr der Schiiten: Seit Jahren, vor allem aber mit Beginn des Arabischen Frühlings 2011 organisierte er Proteste für mehr Rechte der unterdrückten Minderheit. In seinen Predigten forderte er unter anderem die Abspaltung der von vielen Schiiten bewohnten (und sehr ölreichen) Ostküste Saudi-Arabiens. Schiiten in der ganzen Region bejubelten ihn.

Riad von oben(Bild: GettyImages/Jordan Pix)

In der Hauptstadt Riad kamen die Reden Al-Nimrs hingegen weniger gut an: Saudi-Arabien lebt mit dem sogenannten Wahhabismus eine aggressive Auslegung des sunnitischen Islam und erkennt Schiiten nicht als Muslime an. Al-Nimr wurde im Sommer 2012 festgenommen. Wegen Aufwiegelung, Ungehorsams und illegalen Waffenbesitzes verurteilte ihn ein Gericht knapp zwei Jahre später zum Tode.

Der Scheich hatte lange Jahre im Iran gelernt und den Rang eines Ajatollah erworben. Unter Schiiten gilt er daher als religiöse Autorität - die Hinrichtung des 56-Jährigen als Blasphemie.

Was ist der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten?

Die ersten Muslime waren Sunniten. Ihr Name leitet sich von "Sunna" ab, womit das richtige gottesfürchtige Leben des Propheten Mohammed gemeint ist. Mohammed ist der Religionsstifter des Islam. Nach seinem Tod stritten die Muslime über seine Nachfolge. Ein Kandidat auf das Amt war Schwiegersohn Ali. Seine Anhänger wurden als Schiiten (die "Schi'at Ali", Partei Alis) bezeichnet. Sunniten wie Schiiten buhlten zunächst nur um die politische Führung der islamischen Gemeinschaft, bald entstanden auch religiöse Unterschiede (zum Beispiel bei der Gebetshaltung oder bei Feiertagen). Sunnitische Herrscher ließen die Schiiten verfolgen. Heute gehören rund 15 Prozent aller Muslime den Schiiten an. Die meisten leben im Iran; der Libanon, Irak und Bahrain haben bedeutende Bevölkerungsanteile.

(Bild: Google Maps)

Droht der Region nun ein konfessioneller Krieg?

Den gibt es bereits an mehreren Schauplätzen: Iran und Saudi-Arabien führen in Syrien und dem Jemen Stellvertreterkriege, darüber hinaus nehmen sie Einfluss auf die Politik im Irak und im Libanon. Weder in Syrien noch im Jemen waren die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten Auslöser der Kriege - gehören aber mittlerweile zum stärksten Brandbeschleuniger.

Saudi-Arabien schickt bereits seit Jahrzehnten wahhabitische Prediger in muslimisch geprägte Länder, von Marokko bis nach Indonesien. Experten erklären sich auch dadurch das Aufkeimen islamistischer Terrorgruppen in den vergangenen Jahren (Carnegie-Stiftung). Nun finanziert das Königreich sunnitisch-extremistische Gruppen in der Region und schickt sogar eigene Truppen in den Jemen. Iran auf der anderen Seite fördert den Assad-Clan in Syrien sowie Milizen im Libanon, dem Irak und im Norden des Jemen. Der Gottesstaat schickt Geld, Söldner und Militärexperten.

All das könnte sich zu einem neuen Golfkrieg unmittelbar zwischen Riad und Teheran auswachsen: Vor allem Saudi-Arabien leidet unter sozialen Spannungen, seit der fallende Ölpreis die Wirtschaft schwächt. Das diplomatische Gebrüll soll davon ablenken. (taz) Die Frage ist, wie lange - und wie laut - Riad brüllen will.

Worum geht es eigentlich?

Um die Hoheit am Golf - und über die Ölexporte, die durch ihn hindurch in die Welt verschifft werden. Schon in der Bezeichnung des Gewässers, das Iran und Saudi-Arabien trennt, zeigt sich der Anspruch der Nationen: Iran bezeichnet das Meer als "Persischen Golf", im Saudischen wird es "Arabischer Golf" genannt.

Im Osten Saudi-Arabiens wie im Nachbarland Bahrain - das in Riad wie ein Schützling behandelt wird - leben viele Schiiten. Je mehr Einfluss der Iran bekommt, so die Angst in Saudi-Arabien, desto instabiler werden die eigenen Ölregionen. Seit der Westen im vergangenen Jahr zudem Sanktionen gegen den Iran aufgehoben hat, kurbelt dieser seine Ölförderungen wieder an. Saudi-Arabien leidet indes unter dem schwächelnden Ölpreis.

Nicht zuletzt ist die saudische Abriss-Politik daher auch ein Signal an Europa und die USA: Wir sind euer Ansprechpartner Nr. 1 im Nahen Osten!

Was bedeutet der Zwist für die Region?

Vor allem für den Syrien-Konflikt war es wichtig, Iran als Unterstützer des Assad-Regimes mit an den Verhandlungstisch zu holen. Saudi-Arabien ist bereits seit Ende 2014 Bündnispartner in einer gegen den "Islamischen Staat" gerichteten Koalition. Dass sich beide Länder nun raufen, bringt die ohnehin fragilen Verhandlungen um das Schicksal Syriens in eine neue Schieflage. Der große Einfluss der Saudis in der Region sorgt zudem für einen Dominoeffekt: Am Montag kappten auch Bahrain und Sudan ihre diplomatischen Beziehungen mit dem Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate schränken den Kontakt ein.

Mehr zu den Hintergründen auch beim Wall Street Journal

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