Bild: Getty Images/KSA Government; Montage: bento

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht ohne die Erlaubnis ihrer Männer oder Väter reisen. Die Regelung ist eine von vielen Methoden, mit denen Männer Frauen in dem erzkonservativen Königreich unterdrücken. 

Seit Kurzem gibt es dafür eine vom Königshaus herausgegebene App: "Absher" heißt das Tool des Patriarchat 2.0, was soviel wie "genehmigt" bedeutet. 

Bürger können mit der App Strafzettel bezahlen oder Neugeborene registrieren. Aber: Saudi-Arabiens Männer können mit der "Absher"-App auch ihre Frauen überwachen.

Und das funktioniert so: Der Mann registriert in der App eine Frau über ihren Namen und ihre Passnummer. Anschließend kann er ihr Berechtigungen erteilen, wann sie an welchem Flughafen das Land verlassen darf und in welche Länder sie reisen kann. Mit wenigen Klicks kann er diese Berechtigungen auch wieder ändern. 

Die App kann dem Nutzer auch Benachrichtigungen per SMS schicken, wenn die Frau ihren Pass an einem Grenzübergang oder am Flughafen benutzt. So haben die Männer im Blick, wenn eine Frau möglicherweise fliehen will (Insider).

Längst wird "Absher" aber auch ins Gegenteil verwandelt – junge Frauen planen damit ihre Flucht in ein besseres Leben.

Die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy teilte auf Twitter eine Nachricht, die sie von einer Frau erhielt, die sich als saudi-arabische Feministin bezeichnet. Sie sagt: Ohne die App ginge es Frauen in Saudi-Arabien auch nicht besser, sondern vielleicht sogar schlechter!

"Absher" sei nur ein Symptom des Problems, nicht das Problem selbst. 

Diese App ist natürlich abscheulich, aber sie hat Frauen eher geholfen als geschadet.

Warum das so sei? Bevor es die App gab, brauchten Frauen eine schriftliche Reiseerlaubnis ihres Vormundes. Dieser musste die Papiere persönlich einreichen. Ein hoher, bürokratischer Aufwand – und schwer zu umgehen. "Wer fliehen will, kann das mit Zugriff auf die App," vorher sei das nicht möglich gewesen, schreibt die Saudi-Araberin.

Viele Frauen geben sich im Netz Tipps, wie sie ihre Flucht organisieren können. Ein Forum ist wearesaudis.net – in dem auch viele in Deutschland lebende Saudi-Araber aktiv sind. Sie diskutieren, welche Fluchtrouten sicher sind oder an welche Stellen man sich bei einem Deutschlandbesuch wenden muss, um Asyl zu beantragen.

Auch "Absher" ist ein Thema: In einem eigenen Thread geben sich Nutzerinnen Tipps, wie sie die App für sich nutzen können. Eine schreibt, dass sie versuche, ihrem Vater das Handy zu klauen, um sich heimlich selbst Genehmigungen ausstellen zu können. Eine andere rät ihr, danach noch den Mail-Verlauf abzufangen – dort komme immer eine Bestätigung an. 

Andere Frauen wollen wissen, ob es Methoden gibt, Passwörter von Smartphones zu knacken – oder ob es sinnvoll ist, einfach heimlich die Telefonnummer in der App zu ändern und dann alles weitere vom eigenen Gerät aus zu regeln.

Der Exil-Saudi Taleb Al-Abdulmohsen ist der Admin von wearesaudis.net. Er lebt in Deutschland. Seit drei Jahren verhilft er anderen via Twitter und über das Forum zur Flucht. Viele junge Frauen wollten das Land verlassen, sagt er zu bento – wenn sie nur könnten.

Für den Umgang mit "Absher" hat er einen eigenen Thread im Forum gegründet und beschreibt verschiedene Methoden, mit denen man das Handy des Vormunds knacken kann. "Es wird gemacht, und es gibt Mädchen, die damit Erfolg hatten", sagt Taleb.

Schaffen es Menschen aus dem brutalen Königreich nach draußen, ist ihre Chance auf Asyl hoch. 

Seit 2016 haben 161 Menschen aus Saudi-Arabien in Deutschland Asyl beantragt – 89 von ihnen waren laut Bamf Frauen. Ihre Anerkennungsquote ist hoch, sie liegt bei rund 71 Prozent. (Frankfurter Rundschau)

In jüngster Zeit häufen sich die Geschichten von Frauen aus den reichen Golfstaaten, die vor Unterdrückung fliehen wollen: Anfang Januar ging der Fall von Rahaf aus Saudi-Arabien um die Welt, die sich am Flughafen von Bangkok verbarrikadierte, um ihrem Vater zu entkommen. Erst wenige Wochen zuvor sorgte die Geschichte von Scheikha Latifa für Aufsehen. Die Tochter des Emirs von Dubai floh aus ihrer Heimat und wurde von Söldnern eingefangen.

Trotz all der Tricks bleibt die Überwachungs-App aus Saudi-Arabien umstritten – vor allem, weil sie ganz einfach in den App-Stores von Apple und Google verfügbar ist.

Die beiden Unternehmen stehen dafür seit Tagen in der Kritik. Der demokratische US-Senator Ron Wyden hat einen Brief an Apple-Chef Tim Cook und Google-CEO Sundar Pinchai geschrieben. Darin fordert er beide auf, gegen "Absher" vorzugehen. 

Amerikanische Firmen sollten nicht das saudi-arabische Patriarchat begünstigen.
Ron Wyden

Eine Antwort blieb aus. Die App gibt es weiterhin – wie auch das System, für das die App steht. 


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