Bild: dpa/Hasan Jamali
Nun helfen sie sich selbst.

In weniger als einem Monat erlebt Saudi-Arabien Historisches: Ab Juni wird Frauen in dem erzkonservativen Königreich erstmals erlaubt, selbst Auto zu fahren (bento). Bislang war es ihnen all die Jahrzehnte verboten. Islamische Prediger hatten die Regel durchgesetzt, dass es "unislamisch" sei, wenn Frauen hinterm Steuer sitzen.

Zwar gab es auch bisher schon Frauen, die sich heimlich hinter getönten Scheiben ans Lenkrad gesetzt haben – aber sie fuhren immer unter dem Risiko, von Sittenwächtern oder Polizisten erwischt zu werden. Nun dürfen sie offiziell fahren. Und müssen daher auch offiziell den Führerschein machen.

Fahrlehrer und Offizielle versuchen nun, unerfahrene Frauen abzuzocken. Doch die wehren sich.

Um an den Führerschein zu kommen, gibt es eine Hürde. Frauen, die schon als Beifahrerinnen in Autos saßen, müssen 30 Fahrstunden nachweisen. Frauen ohne Erfahrung sollen sogar ganze 90 Fahrstunden leisten. 

Die Preise für die Fahrstunden sind nun in die Höhe geschnellt:

  • Zwischen 60 bis 75 saudische Rial kostet eine Stunde. Bei 90 Fahrstunden sind das umgerechnet knapp 1500 Euro. (Elle)
  • Männer bezahlen für das gleiche Paket hingegen nur etwa 80 Euro.

Auch offizielle Kurse haben extreme Preisschwankungen:

  • Eine Snapchat-Nutzerin hat hier einen Frauenkurs an einer Uni dokumentiert. Er kostet umgerechnet 530 Euro.

Die offizielle Seite des saudischen Innenministeriums schreibt hier Kurse hingegen für knapp 100 Euro aus.

Weil viele Frauen die Abzocke nicht hinnehmen wollen, organisieren sie nun Gratis-Fahrstunden via Twitter.

Unter dem Hashtag #مستعده_ادرب – übersetzt "Ich kann dir was beibringen" – finden sie sich. Wer schon Fahrpraxis hat und eine Frau ans Steuer lassen will, schreibt unter dem Hashtag, wann und wo er kann. Mehrere hundert Nachrichten sind in der vergangenen Woche bereits zusammengekommen, junge Frauen und Männer bieten ihre Hilfe an.

  • Das Ziel: So können Frauen ihre Fahrpraxis sammeln – und müssen dann nur noch 30 statt 90 offizielle Fahrstunden leisten.

Die Idee hatte die 32-jährige Hanaa. Sie hat diesen Tweet verfasst:

Übersetzt: 

"Gibt es Freiwillige, die anderen kostenlos das Autofahren beibringen wollen? Das Training startet nach [dem Fastenmonat] Ramadan, damit wir niemanden stören. Und es wird nur auf Parkplätzen sein, nicht an vollen Orten. Wer kann, schreibt den Namen seiner Stadt und den Hashtag #Ich_kann_dir_was_beibringen"

Nicht nur im Netz ist die Fahr-Abzocke ein Thema. Auch saudische Medien haben die unterschiedlichen Preise diskutiert. 

In einer Radioshow empörte sich ein Vater, dass sein Sohn nur 460 Rial für Fahrstunden zahlt, während seine Tochter 2400 Rial für die gleiche Leistung bezahlen soll. Genervt fragt er den Moderator:

Bringen die Mädchen bei solchen Preisen etwa bei, Raketen zu fliegen?

Der Streit um die Fahrpreise zeigt, in welchem Umbruch sich Saudi-Arabien befindet. 

In dem islamischen Königreich herrschte über Jahrzehnte eine Riege alter Männer, strenge Koran-Auslegungen bestimmten den Alltag. Frauen mussten sich unter anderem komplett verhüllen – ohne dass es dazu eine genaue Bestimmung im Koran gibt. (mehr dazu bei bento)

Nun ist mit dem 32-jährigen Mohammed bin Salman ein junger Thronfolger an der Macht, der das Land im Eiltempo ins 21. Jahrhundert katapultieren will. Er hat erkannt, dass es Zeit wird: 70 Prozent der Saudis sind unter 30, das Durchschnittsalter liegt bei 27 (CNN). Viele leben längst sehr viel moderner, als es ihnen die Greise im Königshaus vorschreiben wollen.

Also führt Salman – von allen nur "MbS" genannt – Lockerungen ein:

Er hat die "Vision 2030" gestartet – um Start-ups zu fördern und erneuerbare Energien voranzubringen. Und vor allem, um Frauen mehr Rechte einzuräumen.
Lange waren Frauen bevormundet, jetzt dürfen sie arbeiten, ohne einen Mann um Erlaubnis zu bitten und Sozialleistungen nutzen (mehr bei bento).
Noch eine überraschende Änderung: Frauen dürfen erstmals Auto fahren (mehr bei bento).
Das strenge Verhüllungsgebot soll fallen. Es gibt keinen Schleierzwang, hat Salman im Frühjahr 2018 verkündet (mehr bei bento).
Und auch ein Mädchenrat wurde erstmals gegründet – der gezielt Schülerinnen fördern soll (mehr bei bento).
Auch für Touristen soll Saudi-Arabien geöffnet werden: MbS will mehrere Inseln im Roten Meer zum Ferienressort ausbauen. Offen ist, ob Alkohol und Bikinis erlaubt werden (mehr bei bento).
Außerdem soll am Roten Meer für mehr als 420 Milliarden Dollar eine neue nachhaltige Megacity entstehen, "Neom" genannt.
Und selbst das Kino-Verbot wurde aufgebaut. 35 Jahre lang durfen Saudis nicht in Kinos gehen – nun ist das wieder möglich (mehr bei bento).
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Vor allem die Sittenwächter, die bisher jungen Saudis im Alltag vorschreiben durften, was sie tun und lassen sollen, haben nun keine Macht mehr. Und älteren Saudis geht der Wandel auch zu schnell.

Die Abzocke mit den Fahrpreisen zeigt genau das: Frauen dürfen per Gesetz Autofahren? Also machen wir es ihnen extra schwer!

Egal, ob die Twitter-Aktion nun viele Fahrstunden vermitteln kann – als Solidaritäts-Aktion hat sie schon jetzt Erfolg.

Oder wie es eine Nutzerin aus der Hauptstadt Riad formuliert: 

"Wir helfen, wir unterstützen. Das ist eine moralische Hilfe für jedes Mädchen, das sich durch Autofahren eingeschüchtert fühlt oder Angst vorm Fahren hat. Nein zur Abzocke."

Gerechtigkeit

Chinesen schenken Trier eine fünf Meter große Marx-Statue
Happy 200th Birthday!

Was ist passiert?

Die Stadt Trier hat ein Geschenk bekommen. Ein ziemlich großes. Überlebensgroß. Es handelt sich um eine Statue von Karl Marx – mit freundlichen Grüßen aus der Volksrepublik China.

Erinnert an die Freiheitsstatue, die einst ein Geschenk von Frankreich an die USA war. Klingt komisch? Ist in Trier, der Geburtsstadt von Marx aber jetzt so passiert.