Der Clip zeigt nicht die Wirklichkeit.

In einem Cabrio rauscht sie eine Küstenstraße entlang. Die sanfte Abendsonne schickt immer wieder Strahlen durch die wehenden Locken. Und dazu singt sie: 

"Wir wissen, was wir wollen
Wir wissen, jetzt ist unsere Zeit
Weg mit den überholten Vorstellungen
Die Zukunft gehört mir"

Die Zeilen gehören zum Lied "Drive", gesungen von der saudischen Sängern Tamtam. 

Ab Sonntag dürfen Frauen in Saudi-Arabien erstmals Autofahren. 

Tamtam hat nun den passenden Propaganda-Sound dazu geschrieben – denn nicht alles ist so fein, wie es das Lied vermuten lässt.

Tamtam wurde in der saudischen Hauptstadt Riad geboren, lebt aber in Los Angeles. Noch in ihren ersten Musikvideos musste sie anonym auftreten, die Eltern wollten angeblich nicht, dass man ihr Gesicht sieht (Vogue Middle East). Mittlerweile zeigt sie sich unverschleiert und besingt aus der Ferne den Fortschritt für Frauen in Saudi-Arabien.

Kronprinz Mohammed bin Salman, der neue starke Mann in Saudi-Arabien, hatte im September 2017 überraschend angekündigt, dass Frauen bald Autofahren dürfen (bento). Das war ihnen in dem erzkonservativen Königreich Jahrzehnte lang verwehrt – angeblich aus religiösen Gründen. Am Sonntag tritt die Erlaubnis endlich in Kraft.

Das Video ist seit Freitag im Netz – und will das Event begleiten. Es läuft exklusiv über die saudische Zeitung "Arab News", deren Herausgebergesellschaft zum saudischen Königshaus gehört. Hier ist der Song:

"Arab News" ist die größte englischsprachige Zeitung im Land. Durch die Nähe zur Königsfamilie wird die Fahrerlaubnis entsprechend positiv dargestellt: Es sei ein "aufregendes Event", Sängerin Tamtam fange nun mit ihren Worten ein, was viele Saudis über die "dramatischen Veränderungen" von Kronprinz Mohammed bin Salman denken. (Arab News)

Auch Sängerin Tamtam wird interviewt. Sie sagt:

Wenn ich gerade nur ein Wort für meine Gefühle hätte, wäre es Hoffnung. Frauen in Saudi-Arabien sind bereit, ihre Stimme zu erheben und unabhängig zu werden.
Tamtam
  • Das mag stimmen: Viele Frauen in Saudi-Arabien wünschen sich mehr Freiheiten und Teilhabe an der dortigen Männer-dominierten Gesellschaft. 
  • Was allerdings auch stimmt: Zunächst bleibt alles nur Hoffnung, wirkliche Freiheit gibt es nicht – auch nicht mit der Fahrerlaubnis.

bento kontaktierte in den vergangenen Wochen Dutzende Frauen in Saudi-Arabien. Keine von ihnen möchte mit Namen oder Gesicht sprechen, viele fürchten Repressionen. Das zeigt: So frei, wie das Video und die saudischen Medien Frauen darstellen, sind sie noch lange nicht.

In den vergangenen Wochen wurden mehrere Aktivistinnen festgenommen, die sich seit Langem für das Frauenfahrrecht eingesetzt hatten.

Unter den Verhafteten ist Loujain al-Hathloul, eine der prominentesten Frauenrechtlerin in Saudi-Arabien. Sie saß bereits in der Vergangenhei im Gefängnis, weil sie sich Fahrverboten widersetzte. Nun wird ihr Terrorismus vorgeworfen.

Es ist nicht die erste Maßnahme, die Frauen einschüchtern soll. Um an den Führerschein zu kommen, werden ihnen Hürden auferlegt: In den vergangenen Wochen sind in Saudi-Arabien die Preise für Fahrstunden stark angestiegen – allerdings nur für Frauen:

Die Vorgänge zeigen, dass der Wandel, den Mohammed bin Salman verspricht, bisher vor allem aus Worten besteht – nicht aus Taten.

Der 32-jährige Thronfolger – von allen nur "MbS" genannt – versprach vergangenes Jahr, sein Land im Eiltempo ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. 70 Prozent der Saudis sind unter 30, das Durchschnittsalter liegt bei 27 (CNN). Viele leben längst sehr viel moderner, als es ihnen die Greise im Königshaus vorschreiben wollen.

Außerdem geht Saudi-Arabien das Öl aus. Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich das Land öffnen und auch Frauen in Jobs bringen. "MbS" hat daher viele Maßnahmen angekündigt, um diesen Wandel zu beginnen:

Er hat die "Vision 2030" gestartet – um Start-ups zu fördern und erneuerbare Energien voranzubringen. Und vor allem, um Frauen mehr Rechte einzuräumen.
Lange waren Frauen bevormundet, jetzt dürfen sie arbeiten, ohne einen Mann um Erlaubnis zu bitten und Sozialleistungen nutzen (mehr bei bento).
Noch eine überraschende Änderung: Frauen dürfen erstmals Auto fahren (mehr bei bento).
Das strenge Verhüllungsgebot soll fallen. Es gibt keinen Schleierzwang, hat Salman im Frühjahr 2018 verkündet (mehr bei bento).
Und auch ein Mädchenrat wurde erstmals gegründet – der gezielt Schülerinnen fördern soll (mehr bei bento).
Auch für Touristen soll Saudi-Arabien geöffnet werden: MbS will mehrere Inseln im Roten Meer zum Ferienressort ausbauen. Offen ist, ob Alkohol und Bikinis erlaubt werden (mehr bei bento).
Außerdem soll am Roten Meer für mehr als 420 Milliarden Dollar eine neue nachhaltige Megacity entstehen, "Neom" genannt.
Und selbst das Kino-Verbot wurde aufgebaut. 35 Jahre lang durfen Saudis nicht in Kinos gehen – nun ist das wieder möglich (mehr bei bento).
1/12

Nur wenige der Neuerungen veränderten die Gesellschaft wirklich. Dass ein echter Wandel noch lange nicht in Sicht ist, sagen nun Menschenrechtler von Amnesty International. Salman sei nicht der, für den ihn viele halten.

Am besten fasst vielleicht ein ganz anderer Song zusammen, wie es Frauen in Saudi-Arabien geht. 

Das Satirevideo "No Women, No Drive" der saudischen Komiker Alaa Wardi und Hisham Fageeh. Sie besingen, warum Frauen auf keinen Fall fahren dürfen – und nutzen dafür echte Aussagen saudischer Kleriker:


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