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Edoardo Caroli hat die Proteste gegen Matteo Salvini mitinitiiert. Im Interview spricht er über rechte Freunde, unterschiedliche Erfahrungen und große Pläne.

Es begann mit einem Flashmob. Junge Menschen wollten in Bologna gegen einen Wahlkampfauftritt von Matteo Salvini protestieren. Sich gegen den rechten Hardliner positionieren, gegen Rassismus und Hass, für Toleranz. Ziel war es, mehr Menschen zu versammeln als der frühere Innenminister Salvini und, eng gedrängt wie Sardinen, den größten Platz der Stadt zu füllen. Über Facebook starteten sie den Aufruf: "6000 Sardinen gegen Salvini". Es kamen mehr als doppelt so viele. (SPIEGEL)

Inzwischen fanden auch in anderen Regionen Demonstrationen statt. Hunderttausende protestierten friedlich gegen Salvinis Politik, oft sangen sie gemeinsam das bekannte Partisanenlied „Bella Ciao“, eine Hymne antifaschistischen Widerstands. 

Erklärtes Ziel der Bewegung ist jetzt, einen Sieg von Salvinis Partei Lega bei den Regionalwahlen in der Emilia-Romagna am 25. Januar zu verhindern. An diesem Sonntag finden in verschiedenen Städten wieder Demonstrationen statt, auch in München.

Edoardo Caroli hat die Sardinen-Proteste in seiner Heimatstadt Ravenna organisiert. Er ist zu einem der Gesichter der Bewegung geworden, spricht mit Journalisten und tritt im Fernsehen auf. Der 26-jährige hat Politikwissenschaften studiert, unter anderem in Brüssel. Zuletzt absolvierte er ein Trainee-Programm im italienischen Außenministerium.

Im Interview erzählt Edoardo, was die Sardinen erreichen wollen, auf welche Widerstände sie treffen und wie er damit umgeht, dass auch einige seiner Freunde die rechte Lega wählen.

bento: Eure Bewegung hat mittlerweile hunderttausende Menschen auf die Straße gebracht, doch die rechte Lega von Matteo Salvini ist in den Umfragen immer noch die mit Abstand stärkste Partei. Wie geht ihr damit um?

Edoardo Caroli: Unser Ziel ist es, die zu erreichen, die sonst nicht wählen gehen. Meiner Erfahrung nach kommen viele Menschen zu unseren Demonstrationen, die nicht wissen, wen sie wählen sollen. Viele wünschen sich jetzt von uns, aus der Bewegung eine Partei zu machen. Das werden wir aber nicht machen.

bento: Warum nicht? Umfragen zufolge hätte eine Sardinen-Partei ein hohes Wählerpotenzial. 

Edoardo: Wir wollen nicht selbst Politiker werden, wir wollen einen Weckruf senden. An die Menschen, die lieber auf dem Sofa bleiben, anstatt ihre Bürgerpflichten zu erfüllen. Wir sind alle gefragt, uns zu informieren, um eine bewusste Wahlentscheidung treffen zu können. 

Ja, Salvini ist immer noch stark. Aber wir hoffen, dass durch uns mehr Leute zur Wahl gehen, die dann nicht rechts wählen. Wir positionieren uns zwischen der Politik und den Wählerinnen und Wählern. Wir wollen, dass beide Seiten mehr Verantwortung zeigen. Die Politik gegenüber ihren Versprechungen und die Wähler, indem sie sich politisch engagieren.

bento: Die Sardinen wurden von jungen Menschen ins Leben gerufen. Seid ihr eine Jugendbewegung? 

Edoardo: Meiner Erfahrung nach kommen Menschen aller Generationen zu den Demonstrationen. Familien mit Kindern, junge Menschen, aber auch Ältere bis hin zu Senioren. Es macht mich besonders stolz, dass wir Jungen es geschafft haben, auch alte Menschen auf die Straße zu bringen.

bento: Es gibt das Vorurteil, das jüngere Menschen progressiver sind als ältere. Salvinis stramm rechte Lega hat aber auch sehr viele junge Unterstützer. Woran liegt das?

Edoardo: Eine Hauptbotschaft unserer Bewegung ist, dass wir eine andere politische Rhetorik brauchen. Wir haben genug von verkürzenden, populistischen Parolen. Die Rechte setzt auf vereinfachte Aussagen, die jeder versteht, die bei genauerer Betrachtung aber keinerlei Substanz haben. Das funktioniert auch bei jungen Leuten.

bento: Hast du in deinem persönlichen Umfeld Menschen, die Salvini unterstützen?

Edoardo: Ja. Einige meiner Freunde haben die Lega gewählt.

bento: Warum?

Edoardo: Ich glaube, dass Bildung eine wichtige Rolle spielt und Auswirkungen auf die Weltoffenheit von Menschen hat. Wer weltoffener ist, reist eher, lernt andere Sprachen, lernt andere Kulturen kennen, ist neugieriger. Diesen Unterschied sehe ich zwischen mir und meinen Freunden, die Lega gewählt haben.         

bento: Wie gehst du damit um?

Edoardo: Ich versuche, mit ihnen darüber zu sprechen. Zu argumentieren, dass Diversität eine Gesellschaft stärkt. Sie hören mir auch zu, aber an einem Punkt endet die Diskussion immer mit den Worten: Edoardo, du bist anders als wir. Du hast im Ausland gelebt, sprichst vier Sprachen, du hast eine andere Mentalität. Sie sind sehr stur.

bento: Hast du versucht, sie auf eine Sardinen-Demo mitzunehmen?

Edoardo: Nein. Als wir in Ravenna, meiner Heimatstadt, demonstriert haben, hielt Salvini gleichzeitig eine Wahlkampfveranstaltung ab. Einige meiner Freunde sind also dort hingegangen. Danach haben wir uns getroffen.

bento: Gibt es für dich politisch rote Linien? Also Aussagen, die deine Freunde treffen könnten, nach denen du nicht mehr mit ihnen befreundet sein könntest?

Edoardo: Ich habe noch nie wegen Politik eine Freundschaft beendet und ich glaube auch nicht, dass das passieren wird. Mir sind Freundschaften wichtiger als Politik. Deswegen wissen wir immer, an welchem Punkt wir lieber das Thema wechseln.

bento: Zurück zur Sardinen-Bewegung: Der Zuspruch auf den Demonstrationen war groß, mit wie viel Gegenwind müsst ihr aber auch klarkommen?

Edoardo: Es gibt viele Verschwörungstheorien. Menschen behaupten, dass wir keine aus der Bevölkerung entstandene Bewegung seien, sondern von den politischen Eliten gesteuert.

Es kursieren Fake News über uns in sozialen Medien, mit dem Ziel, uns zu diskreditieren. Wir alle bekommen Nachrichten zugeschickt, immer mit ähnlicher Botschaft: Ihr seid Idioten, hört auf damit. Hofft darauf, dass wir euch nicht erwischen.

bento: Macht dir das Angst?

Edoardo: Nein. Ich weiß, dass diese Menschen nicht mutig genug sind, mir dasselbe ins Gesicht zu sagen. Am Handy auf ihrem Sofa sind sie Löwen, auf der Straße hat mich noch niemand so angegangen.

bento: In einer Woche finden die Regionalwahlen in der Provinz Emilia-Romagna statt. Was erhoffst du dir davon?

Edoardo: Unser wichtigstes Ziel ist es, Salvini und seine Partei zu verhindern. Die Emilia-Romagna ist die fortschrittlichste Region in Italien. Wir sind bekannt für Werte wie Gastfreundlichkeit, Integration und Offenheit. Wir brauchen keine politische Kehrtwende, die nur Schaden anrichtet.

bento: Welche Auswirkungen wird das Wahlergebnis auf die Zukunft der Bewegung haben?

Edoardo: Wir werden weitermachen, egal wie es ausgeht. In den nächsten Monaten stehen weitere Wahlen an. Anfang März wird es eine nationale Versammlung geben, bei der wir unsere Vision für Italien definieren wollen. 

Es gibt inzwischen nicht nur in Italien Demonstrationen, sondern unter anderem auch in Berlin und London. Die Sardinen könnten sich noch weiter ausbreiten. Vielleicht sogar weltweit. Wir sehen überall, wie rechte Bewegungen und Parteien erstarken, die Hass, Ausgrenzung und Desinformation fördern. Wir Sardinen sind das Gegengift.


Gerechtigkeit

Tierschützerin Hanna über ihre Arbeit: "Bio-Fleisch hat für mich schnell keinen Sinn mehr gemacht"
Alle guten Dinge: Was motiviert junge Leute? Folge 3: Tierschützerin Hanna

Als Hanna zehn Jahre alt ist, beginnt sie sich eine Frage zu stellen: Wie kommt eigentlich das Fleisch, das ich esse, auf meinen Teller? Was sie dann herausfindet und wie sie damit umgeht, wird sie auch als 24-Jährige noch beschäftigen. Zunächst setzt sie in ihrer Familie durch, dass Bio-Fleisch gegessen wird – mittlerweile ernährt sie sich seit mehreren Jahren vegan. "Ich hatte keine Lust mehr, inkonsequent und unlogisch zu handeln", sagt sie. 

Nicht nur ihr eigenes Leben hat Hanna dem Tierschutz angepasst. Seit fünf Jahren ist sie Aktivistin beim Verein "SOKO Tierschutz". 

Die Aktivistinnen und Aktivisten versuchen, mit schockierenden Foto- und Videoaufnahmen auf Tierleid aufmerksam zu machen. Der Verein erhält die Hinweise oft von Anwohnern aus der Umgebung oder von Mitarbeitern, die auf Missstände aufmerksam machen möchten, also Whistleblowern. 

Eingeschleuste Aktivistinnen filmen, was in einem Schlacht- oder Mastbetrieb, in einem Versuchslabor oder einer Pelzfarm passiert. Dabei entstehen stunden- und tagelange Videoaufnahmen. Eine von Hannas Aufgaben ist es, das Material genau zu sichten und nach Beweisen für Tierquälerei zu suchen.

Im Video erzählt Hanna, welche Dinge sie bei ihrem Aktivismus motivieren: