Bild: picture alliance

Sandra steht in einer Nebengasse der Chemnitzer Innenstadt und schaut für einen Moment weg. Die Studentin macht ein Gesicht, als würde sie gleich heulen. Seit Tagen versucht die 26-Jährige mit ihren Freunden, friedlichen Protest gegen immer neue rechte Kundgebungen zu organisieren. Doch die Mitglieder des Bündnisses "Chemnitz Nazifrei", von denen ein großer Teil der Aktionen ausgeht und zu dem auch Sandra gehört, sehen müde aus. Viele haben in den vergangenen Tagen kaum geschlafen.

Zwei Mal demonstrierten in der vergangenen Woche bereits Rechtsextreme im Zentrum von Chemnitz, warfen Böller, brüllten "Wir sind Adolf-Hitler-Hooligans" und zeigten Hitlergrüße. Die Polizei wirkte überfordert. Beide Male waren Sandra und ihre Mitstreiter vor Ort und hielten – deutlich in Unterzahl – dagegen. 

An dem Abend, als wir uns treffen, soll es die dritte Kundgebung geben. Das rechte Bündnis "Pro Chemnitz" hat sie angemeldet. Doch dieses Mal werden Sandra und ihre Freunde nicht dagegen auf die Straße gehen. Zu wenig Polizei, zu wenig Unterstützung, zu viele gewaltbereite Neonazis.

Am Mittwochabend hatte das Bündnis eine offizielle Stellungnahme veröffentlicht. Darin hieß es: "Die Demonstration am Montag hat uns gezeigt, dass die Polizei derzeit nicht Willens oder in der Lage ist, unser Grundrecht auf Versammlungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit zu garantieren. Aufgrund der Aggressivität und dem Gewaltpotential (...) halten wir es für unverantwortlich zu einer Demonstration aufzurufen."

Die Absage schlug Wellen. Bundesweit berichteten Medien darüber. 

Hat Chemnitz vor den rechten Krawallmachern kapituliert? Müsste man nicht gerade jetzt zu Protesten aufrufen?

Solche Fragen hören Sandra und die anderen Mitglieder von "Chemnitz Nazifrei" derzeit im Minutentakt. Vor dem "Rothaus", einem linken Ladenprojekt in der Chemnitzer Innenstadt, sitzen sie rauchend zusammen und versuchen, mit dem Druck und den Erwartungen umzugehen.

Chemnitz ist zum Symbol geworden. Hier wird gerade entschieden, ob Hitlergrüße, "Ausländer raus"-Rufe und Angriffe auf Migranten und politische Gegner wieder toleriert werden.

Am Montag gingen hier Tausende Menschen auf die Straßen – auf der rechten Seite. NPD-Kader, Identitäre, Mitglieder der rechtsextremen Kleinpartei "Der 3. Weg", Hooligans aus dem Umfeld des Chemnitzer FC, aber auch ganz normale Chemnitzer. Die AfD-Abgeordneten Stefan Räpple und Hans Peter Stauch twitterten danach wie im Rausch:

"Falls ich später mal gefragt werden sollte, wo ich am 27. August 2018 war, als die Stimmung in #Deutschland kippte: Ja, ich war in #Chemnitz dabei!"

Die Polizei schätzte die Rechtsextremen später auf 6.000 bis 8.000. Es war die größte derartige Demonstration seit Jahren in Chemnitz. Ihr gegenüber standen etwa 550 Polizisten und 1.500 Gegendemonstranten.

"Wir haben uns gefreut, in so kurzer Zeit hier so viele Menschen mobilisieren zu können. In Chemnitz ist das eher ungewöhnlich", sagt Sandra. Genau das ist jedoch das Problem: Wie viele Menschen am Ende wirklich kommen, wenn man zu Protesten gegen Nazis aufruft, kann in Chemnitz keiner sagen. Viele Gegendemonstranten waren extra angereist – aus Leipzig, Dresden, Berlin. Doch solche Mobilisierungen klappen nicht immer.

Und wenn sie nicht kommen, dann sind Sandra und ihre Freunde nicht genug. Das Bündnis hat vielleicht ein Dutzend aktiver Mitglieder, mal mehr, mal weniger. Es gibt keine Mitgliederliste, wer sich interessiert und etwas tun möchte, kommt einfach.

Sie sind ehrenamtlich und locker organisiert, neben Studierenden und Azubis sind auch Jungpolitiker und Mitglieder von SPD, Grünen und Linken aktiv. Vertreter von Union und FDP sind in dem Bündnis bislang nicht beteiligt. Vielleicht auch, weil manche der Mitglieder in der Antifa sind. Das heißt: Sie positionieren sich politisch klar links und organisieren sich in Gruppen, die selbstorganisiert und lokal gegen Rechtsextreme vorgehen – manche auch mit Gewalt. Immer wieder vergleichen sächsische Politiker die Antifa deshalb mit Rechtsradikalen.

Sandra wirkt dagegen harmlos. Sie ist bei den Jusos aktiv, der Nachwuchsorganisation der SPD. Sie sagt, dass sie zwar links sei, aber vor allem Dinge vor Ort verändern und zwischen unterschiedlichen Lagern vermitteln wolle. Genau das mache die Bündnisarbeit oft aus. Oft fühle sie sich, als habe sie fünf Rollen gleichzeitig inne.

Sandra und die anderen Aktivisten leben mit dem täglichen Konflikt: Auf der einen Seite fühlen sie sich verpflichtet, möglichst viele Menschen für den Kampf gegen Rechtsextremismus zu gewinnen. 

Aber auf der anderen Seite sind sie wütend, weil sie finden, dass das rechte Klima in Sachsen kein Zufall ist. Weil man einen schreienden Mob nicht überzeugen kann – sondern nur dagegenhalten, um ein Zeichen zu setzen.

Aus ihrer Sicht sei es vor allem die seit 28 Jahren regierende CDU, die für mangelnde Zivilcourage im Freistaat verantwortlich sei, die eine Kultur des Wegsehens immer weiter akzeptiert und gefördert habe. Dass es keine klare Abgrenzung nach rechts gegeben habe. Nicht wenige fürchten, dass es im kommenden Jahr in Sachsen die erste Koalition zwischen Union und AfD geben könnte.

Dass Ministerpräsident Kretschmer deshalb jetzt plötzlich zu Zivilcourage und Engagement aufrufe, sei absurd. Noch vor wenigen Monaten kritisierte der die Chemnitzer Band "Kraftklub" öffentlich, die ihm zu "links" sei.

Solche Sprüche sind typisch für Sachsen, sagt Sandra. Gegen rechts werde man erst aktiv, wenn das Image in Gefahr sei.

Wer in Sachsen heute Mitte Zwanzig ist, wurde in einer Zeit erwachsen, in der mit der NPD eine rechtsradikale Partei im Landtag saß und der rechtsextreme NSU in Chemnitz untertauchen konnte. Neonazis marschierten jahrelang ungestört durch kleinere und größere Städte, weil viele Politiker der Meinung waren, es sei die beste Lösung, ihnen keine Aufmerksamkeit zu verschenken.

Es ist diese Atmosphäre, in der Sandra und ihre Freunde versuchen, politisch aktiv zu sein. Ihre Meinung zu äußern. Sich einzusetzen. Sie rufen zu Demos auf und halten Mahnwachen, sie protestieren mal mit Plakaten und mal mit Sitzblockaden. Immer im Gepäck: Die Sorge, dass etwas schief gehen könnte. Die kennen viele von ihnen seit ihrer Jugend.

Auch Paul, 23, der eigentlich anders heißt, engagiert sich gegen Rechtsextremismus. Auch er ist im Bündnis und kommt aus einem Dorf in der Nähe von Chemnitz. Dort kümmerten sich Neonazis um die Jugendlichen, gingen auf die Kids zu, rekrutierten ihren Nachwuchs. Bei einer Zigarette im grauen Hinterhof des "Rothaus" erzählt er mit ruhiger, fast abgeklärter Stimme davon. Die anderen spielen auf ihren Handys, fast jeder hat hier ähnliche Erfahrungen gemacht.

"Bei uns im Dorf wurde man früh politisiert", sagt Paul und meint die Nachwuchsarbeit der Nazis. Irgendwann wurde beim Fußballspielen Thema, dass sein Vater nicht aus Deutschland kam. Weil er und zwei Freunden keine Lust auf rechte Parolen und rassistische Witze hatten, galten sie in ihrem Dorf bei Chemnitz bald als "Zecken".

An manchen Tagen hätten unangekündigt zehn Rechtsradikale vor seinem Mehrfamilienhaus gestanden. An anderen habe sein Kumpel im Supermarkt durch den Hinterausgang flüchten müssen, weil er zwischen Ravioli-Dosen und Fleischwurst bedroht worden sei, erzählt Paul. Als er und seine Clique einmal einen der örtlichen Nazis alleine in der Bahn trafen, schauten sie ihm in die Augen. Er verprügelte sie.

Vor Gericht mussten sie erklären, weshalb sie den Angreifer denn provoziert hätten, erzählt Paul. Mehrere Zeugen konnten sich plötzlich nicht mehr richtig erinnern. Trotz mehrerer Vorstrafen wurde der Angreifer freigesprochen.

Während Paul bei Vita Cola und Bier davon erzählt, sammeln sich am anderen Ende der Stadt langsam die Rechtsextremen für ihre dritte Kundgebung in dieser Woche.

Auf dem Platz vor dem CFC-Stadion stehen sie: Menschen mit tätowiertem Reichsadler im Nacken neben Familienvätern mit Kinderwagen und jungen Frauen mit "Division Erzgebirge"-Shirts. Die Rechten werden pöbeln, toben und Parolen brüllen.

Und niemand stellt sich ihnen entgegen.

Erst am Montag soll es so weit sein. Dann werden Sandra, Paul und die anderen noch einmal überregionale Unterstützung bekommen. Kraftklub und Marteria haben zu einem Protest-Konzert aufgerufen, auch KIZ und Feine Sahne Fischfilet werden spielen, tausende Zuschauer werden kommen – und wieder gehen.

Und Sandra und Paul werden erst einmal wieder allein sein, mit ihren Mahnwachen und Sitzblockaden, mit ihren Sorgen und ihrer Wut. 


Gerechtigkeit

"Chemnitz, wir haben ein Problem": Dieser offene Brief bewegt gerade Tausende

Zwölf Sätze. Mehr braucht der Brief nicht, um seine Nachricht unmissverständlich rüberzubringen. Sie lautet: 

  • Ein paar Rechte sprechen nicht für Deutschland. 
  • Sie sind nicht die Mehrheit
  • Und die Mehrheit hat die Schnauze voll von ihnen.

Der offene Brief ist auf der Website von Avaaz zu finden. Er wurde kurz nach den gewalttätigen Protesten in Chemnitz veröffentlicht und hat innerhalb von drei Tagen bereits mehr als 260.000 Unterschriften bekommen.