Jeder hat seine ganz eigenen Erinnerungen an die Schulzeit. Die einen lachen heute über ihre Fünfen in Mathe – die anderen twittern derzeit #SaetzevomLehrer. Dabei fällt auf: Vor allem jene berichten von Diskriminierung und Schikane in der Schule, die ausländische Wurzeln haben.

Wir haben mit vier Menschen über die schlimmsten Lehrer von damals gesprochen: Was hat es mit eurem Tweet auf sich? Und: Wie geht ihr heute mit den Erfahrungen um?

Can
Was steckt hinter deinem Tweet?

Ich wurde während meines letzten Schuljahres zum Schulsprecher gewählt, später kamen ein paar Schüler aus einer Parallelklasse zu mir und erzählten, dass ein Lehrer im Unterricht diesen Satz gesagt hätte.

Ich habe das in der nächsten Sitzung des Schulgemeinschaftsausschusses zur Sprache gebracht. Der Lehrer musste sich vor der Klasse noch einmal erklären, zudem hatten wir ein Gespräch unter vier Augen.

Ich kannte so etwas von vielen anderen "Anlässen". Ein paar Jahre zuvor etwa hatte unser Werklehrer der Klasse eine damals noch relativ unbekannte Band vorgespielt, vom Mix verschiedener Musikstile mit Mundartlyrics geschwärmt und gefragt, ob die jemand kenne. Ich sagte: "Klar. Attwenger."

Der Lehrer sah mich verwundert an und sagte zur Klasse: "Ist ja nicht normal, dass ihr das nicht kennt, aber der Türke schon."

Ist ja nicht normal, dass ihr das nicht kennt, aber der Türke schon.
Wie denkst du heute an diese Erfahrung zurück?

Hin und wieder muss ich an diese und andere Geschichten denken. Wenn Menschen verwundert bemerken, dass ich so gut Deutsch kann zum Beispiel. Und ich ihnen geduldig zu erklären versuche, dass das ja auch mit Zugang zu Bildung zu tun haben könnte.

Oder als ich Leiter der "Wienwoche" war: Journalistinnen und Journalisten haben das Projekt oft nicht als Kultur-, sondern als Integrationsfestival adressiert. Schließlich könnten ja Geschichten von und über Migration und Migrantinnen kein Teil des regulären (Kultur-)Betriebs dieser Stadt sein, sondern nur Sonderprogramm für Menschen mit speziellen Bedürfnissen.

Auch wenn man im Erwachsenenleben eine gewisse Souveränität erlangt, macht es dennoch weiterhin etwas mit einem.

(Bild: pixabay.com)
Olivera
Was steckt hinter deinem Tweet?

Es war die letzte Klasse im Gymnasium, ich lernte und sprach seit fünf Jahren Deutsch. Es war ausgerechnet in meinem Lieblingsfach: Geschichte. Schon die Vorbereitung für das Referat ging nicht gut von der Hand, die Aussicht auf freies Reden vor der Klasse machte mich nervös. Das Referat war grottenschlecht, ich stotterte viel. Irgendwann merkte ich, dass die Lehrerin lachte und mit ihr auch die Mitschüler.

Sie fragte ein Detail nach, lachte dabei, die anderen lachten noch lauter mit, ich verhaspelte mich noch mehr, verwendete falsche Fälle und Vokabeln. "So wird das aber nichts", meinte die Lehrerin. Statt abzubrechen und rauszulaufen, zog ich es durch.

Ich hab diese Kränkung sehr gut verdrängt und erinnerte mich ein paar Mal als ich in der Uni in einer ähnlichen Situation war. Im Job habe ich mittlerweile überhaupt kein Problem mit freien Reden. Ich bin mir meines Akzentes bewusst und finde ihn sogar charmant.

Wie denkst du heute an diese Erfahrung zurück?

Nie habe ich diesen Vorfall aus der 8. Klassen öffentlich erwähnt, dafür betone ich bei jeder Gelegenheit, wie wichtig gute Lehrer sind, wenn es darum geht, Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien zu unterstützen.

Aus so einer komme ich nämlich. Meine Eltern sind Gastarbeiter. Während sie in Österreich arbeiteten, blieb ich im damaligen Jugoslawien. Mit 13 Jahren kam ich 1992, als Quasi-Flüchtling, nach Wien, um bei ihnen zu leben.

In der neuen Schule hatte ich einen Deutschlehrer, der sich Mühe gab.

Nach einem knappen Jahr in der Hauptschule riet mir die Mathematiklehrerin, eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zu machen. Sie fand, ich gehörte dorthin. Ich lernte den ganzen Sommer und es klappte tatsächlich. In der neuen Schule hatte ich neue Lehrer, die sich Mühe gaben.

Dank des egalitären Bildungssystems im ehemaligen Jugoslawien und dank wunderbarer Lehrerinnen in Wien, die an mich geglaubt haben, bin ich die erste aus meiner Landwirte- und Arbeiterfamilie, die einen Uni-Abschluss gemacht hat. Heute ist die vormals völlig fremde Sprache das wichtigste Werkzeug in meinem Job.

Kerim
Was steckt hinter deinem Tweet?

In meiner Schulzeit hieß es: "In der Schule wird Deutsch geredet, alle anderen Sprachen könnt ihr zu Hause sprechen." Im normalen Unterricht kann ich es ja verstehen, dass wir Deutsch sprechen sollen. Was ich aber nie verstanden habe: Warum durfte ich nicht in den Pausen mit meinen Freunden Türkisch reden.

Deutsch ist meine Sprache, aber Türkisch ist auch meine Sprache. Ich habe mir die Frage das erste Mal in der Vorschule gestellt, seitdem beschäftigt mich das.

Ich habe selbst Pädagogik studiert. Das wichtigste Instrument meines Berufs ist die Beobachtung. Ich beobachte unter anderem im Beruf gerne, wie sich der Umgang mit "Minderheiten" entwickelt. Eine Standardaussage meiner Lehrer war: "Das ist wichtig für die Integration." Oder: "Nur so könnt ihr die Sprache richtig lernen." Das sind ja schöne Argumente. Aber ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen, in meiner Familie hat jeder einen Uniabschluss.

Was muss sich seitens der Lehrer als auch der Gesellschaft deiner Meinung nach ändern?

Pädagogen sollen den Schüler bei ihrer Sozialisation unterstützen, ihnen Grundwerte vermitteln. Dazu gehört Toleranz. Aber wie kann man den Kindern Toleranz beibringen, wenn ihre Toleranz selbst beschränkt ist. Viele denken Rassismus sind größere Erlebnisse, es sind aber eher die kleineren Sachen, die die im Alltag geschehen, die einem weh tun.

Ayesha
Was steckt hinter deinem Tweet?

Ich kann mich noch sehr gut an einen Tag im Jahr 1996 erinnern. Ich war in der 6. Klasse eines Gymnasiums in Hamburg. Als einzige People of Colour (und bekennende Muslimin) hatte ich schon eine spezielle Stellung in der Klasse. Meine erste Muttersprache zu der Zeit war Englisch. Obwohl ich immer Einsen in Deutscharbeiten schrieb, dachte meine Deutschlehrerin ich käme von einem anderen Stern.

Meine Deutschlehrerin dachte, ich käme von einem anderen Stern.

Eines Tages sollten wir eine Kochanleitung schreiben. Ich entschied mich für ein Rezept, für das man Kartoffeln kochen sollte. Als ich meinen Text vorlas, unterbrach mich meine Lehrerin und sagte:

"Kann jemand Ayesha mal erklären, wie man Kartoffeln kocht. Bei ihr wird anders gekocht."

Wie denkst du heute an diese Erfahrung zurück?

20 Jahre später muss ich jedes mal an diesen Tag denken, wenn ich Kartoffeln koche. Ich war verwirrt. Habe mich sogar irgendwie geschämt. Das ist eines der Erlebnisse von Ausgrenzung, an das ich mich besonders klar erinnere. Verstanden aber habe ich nie, wo der Fehler gelegen hatte. Erklärt hat es mir übrigens auch nie jemand. Die Lehrerin war keine Person mehr, die ich ernstnehmen konnte.

Wer weiß, ob ich heute überhaupt richtig (wie eine gute Deutsche) Kartoffeln koche?


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