Bild: Jens Wolf / dpa
Meine Heimat wählt AfD. Und ich will erklären, wieso.

Ich bin in Sachsen-Anhalt auf einem Dorf aufgewachsen. 22 Prozent haben hier bei der Europawahl die AfD gewählt. Zur Landtagswahl 2016 waren es sogar fast 30 Prozent. (Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land)

Nach diesen Ergebnissen kommt wieder die Frage auf, warum die AfD gerade in Ostdeutschland so stark ist. Stärker als in Westdeutschland. Aber ich bin überzeugt davon, dass nicht jeder Dritte im Osten ein Nazi ist. Warum wählt trotzdem jeder Dritte die AfD?

In meinen Augen hat es weniger mit Rassismus und mehr mit der Struktur zu tun.

Hier sind meine vier Beobachtungen:

1. Die fehlende Infrastruktur

Seit ich in der Schule gelernt habe, was Infrastruktur ist, sehe ich, wie diese verschwindet. Die Schulen, auf die ich ging, gibt es heute nicht mehr. Weder die Grundschule in meinem Heimatdorf, noch die Sekundarschule 15 Kilometer weiter.

In meiner Kindheit gab es bei uns zwei kleine Einkaufsläden, zwei Bäcker, einen Fleischer, einen Blumenladen, eine Postfiliale und zwei Bankfilialen. Heute gibt es nur noch einen kleinen Laden. Sogar die Geldautomaten sind weg. Bis 2011 sind wir per Modem oder ISDN ins Internet gegangen. Erst dann kam UMTS, so dass das gesamte Dorf über mobiles Internet versorgt wurde. Mit Datenvolumenbegrenzung, versteht sich. Streaming-Dienste wie YouTube und Mediatheken waren damit tabu. Erst 2017 kam schnelles Internet übers Telefonkabel. 

Bürgerinititaiven, Unterschriftenlisten und Proteste zum Erhalt oder gar Ausbau der Infrastruktur wurden bisher weitgehend ignoriert.

Die AfD ist nicht nur im Osten stärker als im Westen, sondern auch in ländlichen Regionen stärker als in Ballungsräumen. Damit meine ich kleine Orte, die so schlecht an Großstädte angebunden sind, dass tägliches Pendeln dorthin keine Alternative mehr darstellt. Von diesen ländlichen Regionen gibt es in Ostdeutschland mehr als in Westdeutschland. Die Menschen hier sind nicht nur gefühlt, sondern auch faktisch abgeschnitten. Es gibt nur Fernsehen und eine einzige Tageszeitung. Wer darüber erfährt, worin der Staat investiert – etwa Großprojekte wie den Flughafen BER – fragt sich, warum dafür Geld da ist, für die Infrastruktur vor Ort aber nicht.

Genau in diese Kerbe schlägt die AfD. Früher mit dem Narrativ, dass ihr Steuergeld für die Rettung von Griechenland genutzt wird. Heute damit, dass ihr Steuergeld für die Aufnahme von Flüchtlingen genutzt wird - und daher für die Infrastruktur vor Ort nichts übrig bleibe.

2. Das fragmentierte Sozialleben

Mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der DDR sind weite Teile der ostdeutschen Wirtschaft zum Erliegen gekommen. Millionen Menschen sind innerhalb kurzer Zeit in den Westen gezogen. Dort gab es Arbeit. Noch heute gehen jedes Jahr mehr Menschen aus Ostdeutschland nach Westdeutschland als andersherum. (Zeit Online.)

Es sind vor allem die Jungen und gut ausgebildeten, die wegziehen. Vor der Wende war der Altersdurchschnitt im Osten niedriger als im Westen. Heute ist es andersherum. Mit den jungen Menschen gehen diejenigen, die das soziale Leben ausmachen. Diejenigen, die Feste organisieren und feiern, die Vereine aufbauen und sich darin engagieren. Die sich eher mit Kunst und Kultur beschäftigen. Diejenigen, die sich mit allem Neuen beschäftigen: mit Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel.

In der DDR wurde die Kirche bekämpft. Ostdeutschland ist noch heute das atheistischste Gebiet Europas. Religion ist für viele Menschen ein Anker. Etwas, das in grundlegenden Lebensfragen Antworten gibt. Früher wurde diese Aufgabe von FDJ und Gewerkschaften übernommen. Seit dem Zusammenfall der DDR klafft hier eine große Lücke.

Mitte der 2000er gab es viel Aufregung um die Schulhof-CDs der NPD – und deren Jugendarbeit. (FAZ)  Gruppierungen wie diese gehen gezielt in die bestehenden Lücken und bieten ein Sozialleben, das junge Menschen in Ostdeutschland sonst nicht bekommen. Was in Westdeutschland die Pfadfinder bieten, erfüllen in Ostdeutschland oft rechtsradikale Kameradschaften. Und nun auch Identitäre und AfD.

3. Vitamin B

Der Westen hat sich spätestens seit den Siebzigern ein Netz aus Parteien, Vereinen, Stiftungen und Gemeinden aufgebaut. Jeder kennt irgendwen, der weiterhelfen kann. "Vitamin B" als Lösung von Problemen ist normal – sei es bei der Suche nach einem Praktikumsplatz oder bei der Förderung für ein fancy Computerprojekt. Der Nachbar ist vielleicht Journalist, die Mitbewohnerin arbeitet bei einem jungen Start-up und der Onkel erzählt vom alten Schulfreund, der als Abgeordneter im Landtag sitzt.

Im Osten wurden mit dem Ende der DDR bestehende Strukturen abgeschafft, weil sie Teil des Regierungssytems waren. Die neuen Strukturen wurden vom Westen geprägt. Die Treuhandanstalt hat vieles in westdeutsche Hände gegeben oder an die für den Osten neuen Parteien. Selbst leitende Angestellte in Ministerien, Richter und sogar Abgeordnete kommen bis heute oft aus Westdeutschland. (Zeit)

Im Westen ist "Vitamin B" eine gewachsene Struktur. In Ostdeutschland fehlt die Verbindung der Eliten zu weiten Teilen der Bevölkerung. Oder besser: andersherum.

Es gibt in Ostdeutschland keine Volksparteien. Die CDU hat in Sachsen-Anhalt etwa 6600 Mitglieder. Die SPD etwa 3600. Das sind nicht mal zwei Mitglieder auf 1000 Menschen. Selbst die Linkspartei, als Nachfolgerin der SED, hat nur marginal mehr Mitglieder als die SPD. Die AfD hingegen hat in ihrer kurzen Existenz schon über 1000 Mitglieder und wächst beindruckend schnell. (MZ)

Damit fehlt ein wichtiges, erklärendes und zuhörendes Bindeglied zwischen den Entscheidungsträgern und der Bevölkerung. Es gibt kaum Ortsverbände der Parteien. Die Politk findet "da oben" statt. "Die da oben" ist eine Redewendung, die ich in Ostdeutschland deutlich häufiger höre als in Westdeutschland.

4. Entkopplung vom Rassismus

"Wer die AfD wählt, nimmt Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Naziterror zumindest in Kauf", heißt es oft. 

Ja, das stimmt.

In Ostdeutschland gibt es deutlich weniger Menschen mit Migrationshintergrund als in Westdeutschland. Die Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen waren ein westdeutsches Phänomen. Das Wirtschaftswunder, dass sie mit entfacht haben, war ein Wunder des Westens. Für viele Wählerinnen und Wähler spielen Rassismuserfahrungen im Alltag schlicht keine Rolle. 

Was fehlt, ist Aufklärungsarbeit zur AfD und ihren menschenfeindlichen Ansichten. Der Mangel an Infrastruktur sorgt aber dafür, dass die eher gut Ausgebildeten in Ostdeutschland nach wie vor schwieriger Jobs finden und noch immer faktisch gezwungen sind, in Großstädten - die vor allem in Westdeutschland sind - zu leben. Ihr politisches Wissen, das sie im Umfeld von Hochschulen lernen, nehmen sie mit. Auch wenn sie in Ostdeutschland aufgewachsen und studiert haben, gehen sie danach häufiger in den Westen, als aufs ostdeutsche Land zurückzukehren.

Das alles sind Erklärungen, keine Rechtfertigungen. Was können wir dagegen tun?

Die AfD bietet keine Lösungen für die Probleme des Ostens. Sie erkennt aber den Frust und vereinnahmt ihn für ihre rassistischen, fremdenfeindlichen und nationalistischen Ziele. Diese werden weder die Infrastruktur noch das Sozialleben zurückbringen. Und ganz sicher keine wirtschaftlichen Investitionen in die Region.

Die AfD zu wählen sorgt nur dafür, dass noch weniger junge, weltoffene Menschen in diese Regionen ziehen – das erzeugt somit eine Spirale, die es nur schlimmer macht. Das einzige, was meiner Meinung nach helfen kann: Die Regierungen müssen massiv in Infrastruktur investieren. Damit könnte sie den Rassisten den Nährboden entziehen und Bedingungen schaffen, unter denen junge, gut ausgebildete Menschen wieder aufs Land in Ostdeutschland ziehen wollen. 

Um so das von der AfD genutzte Narrativ "die da oben" zu bekämpfen. 


Fühlen

Osama, 30, und Frau Wellmann, 90, leben in einer WG

Frau Wellmann hat Kaffee gekocht. Sie stellt ihn auf den Terrassentisch. "Hier, essen Sie die Kekse", sagt sie, "bevor die Schokolade verläuft."

Osama darf keine Kekse essen. Er macht gerade Ramadan.

Auf den ersten Blick sind Osama und Frau Wellmann ein ungleiches Paar. Er ist 30, sie ist 90. Er ist Muslim, sie ist Katholikin. Er stammt aus Syrien, sie aus einem 20.000-Einwohner-Ort an der holländischen Grenze. Seit September wohnen die beiden zusammen in einem kleinen Haus in Köln.

"Wohnen für Hilfe" nennt sich dieses Konzept: ältere Menschen, die ein freies Zimmer haben und sich Gesellschaft wünschen, und junge Menschen, meist Studierende, die eine Wohnung suchen, in einer Wohngemeinschaft. Hilfe im Alltag gegen ein Zimmer zum Wohnen – das ist der Deal. In einigen deutschen Städten gibt es Vermittlungsstellen, die Senioren und Studierende zusammenbringen.

Was genau der Untermieter zu leisten hat, wird vorher im Vertrag festgelegt. Osama bezahlt sein Zimmer mit zwei Stunden Gartenarbeit in der Woche. Fürs Putzen hat Frau Wellmann eine Haushaltshilfe. Dazu kommen 100 Euro Nebenkosten für Strom und Wasser.