Bild: Marc Röhlig

Im Zug nach Dresden warnt eine ältere Dame schon mal eine argentinische Mitreisende: "Gehen sie abends besser nicht ins Stadtzentrum." Dann berichtet sie von Wutbürgern, von Marschierenden, von Pegida. Die Argentinierin schaut ein bisschen ängstlich: "Ist wie in Diktatur?"

Der Zug rumpelt weiter an matschigen Feldern vorbei. Ich bin auf dem Weg nach Dresden, meine Geburtsstadt, und von dort aus weiter nach Pirna, einem Vorort mit knapp 40.000 Einwohnern. Nur 20 Kilometer weiter.

In den Nachrichten lese ich von national befreiten Zonen und Nazi-Schlägertrupps. Wo ist das liebenswürdige Sachsen meiner Kindheit?

Ich beschließe, jeden Abend in eine Kneipe zu gehen und einfach mal zuzuhören.

Als ich nach Pirna komme, ist es schon dunkel. Auf dem Weg durch die Altstadt bemerke ich ein Klappschild mit dem Hinweis, dass es hier kein WLAN gebe und man sich hier noch unterhalten müsse.

(Bild: Marc Röhlig)

Das Schild gehört zu einem Pub. Drinnen hängen verblichene Fotografien alter DDR-Sänger. Dazwischen Anti-Merkel-Aufkleber und Postkarten von der Copacabana. Es riecht nach Zigarettenqualm. Jemand hat Stiefel an die Decke genagelt. Ein paar ältere Männer kleben mit verschränkten Armen am Tresen, eine Gruppe Jungs mit gegelten Haaren sitzt nebenan.

Man unterhält sich über "arabische Schlägerbanden".

Es geht um den U-Bahntreter aus Berlin (der sich als Bulgare herausstellte) und einen Kerl, der in der Regionalbahn zwischen Dresden und Schöna mit seiner Sporttasche auf andere eingedroschen hatte (und sich im Laufe der Woche als junger Deutscher herausstellte). Sachsen, das fängt ja gut an.

PirnaStorys

In Kooperation mit dem Studiengang Digital Journalism der Hamburg Media School hat bento zehn Journalisten nach Pirna geschickt. Eine Woche lang suchte das Team nach Alltagsgeschichten aus der sächsischen Kleinstadt – und Wahrheiten abseits des Klischees vom "braunen Sachsen". Die erschienenen Texte findet ihr hier.

Aber Geschichten über kriminelle Ausländer begegnen mir die Woche sonst kaum, und immer bleiben sie diffus. Kein Wunder, denn Sachsens Kriminalitätsstatistik sieht im Bereich "Zuwanderer" für 2016 "keine gravierenden Ausschläge". Iraker, Syrer und Afghanen – immerhin die Mehrheit der Flüchtlinge – seien gar "unterrepräsentiert". (Sächsische Zeitung)

Pirna in Bildern – So sieht es in der sächsischen Kleinstadt aus:
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Was mir immer mehr begegnet: Geschichten vom "Über die Runden kommen". So nennt es Peggy, die beinahe 17 Stunden am Tag in drei Jobs schuftet. Sie betreibt allein die Kantine eines Bildungszentrums, bietet abends Catering für Firmenfeiern und verkauft nachts selbst entworfenen Schmuck im Internet.

Und da ist Christopher, der erst Fußball im Verein gespielt und dann auf Schiri umgeschult hat, "als man eingesehen hat, das andere besser kicken". Jetzt engagiert sich der 22-Jährige im Fußball-Kreisverband Sächsische Schweiz, weil es ja sonst keiner macht. Die Region brauche Leute, die anpacken, sagt Christopher und erzählt vom Elbe-Hochwasser 2002.

Damals war die gesamte Altstadt von Pirna tagelang überflutet, das Wasser stieg auf mehr als zwölf Meter (pirna.de). Strom- und Wasserversorgungen fielen aus. "Wenn es was Gutes an dem ganzen Schlamassel gab", sagt Christopher, "dann der Zusammenhalt." Zum ersten Mal seien sie alle gleich gewesen. Etwas Schöneres habe er noch nie gespürt.

(Bild: Marc Röhlig)
Am nächsten Abend bin ich im Vereinsheim des 1. FC Pirna.

Unten sind die Umkleiden, oben wird geraucht und getrunken. Der Verein führt die Tabelle in der Kreis-Oberliga an, im jüngsten Spiel hat Pirna den SC Motor Freital 3:0 besiegt (hier findet ihr eine weitere Geschichte über einen Flüchtling beim FC).

An der holzverkleideten Bar sitzen Männer, die hier seit Minuten oder auch Tagen sitzen könnten. Männer, denen sich all der Scheiß vergangener Tage aus dem Gesicht schält. Es gibt Radeberger und Hasseröder, Fettschnitten und Bockwurst mit Toast. Im Eckfernseher laufen Nachrichten, die Sprecherin berichtet von den letzten Stunden von Aleppo. Alle schweigen. "Die armen Menschen", sagt dann einer in die Stille.

Ich bestelle eine Fettbemme. "Drüben sagen ja alle nur noch Schmalzstulle dazu", sagt der Wirt und verschwindet in der Küche. Die Schnitte schmeckt nach Heimat. Und die Zeit scheint kurz angehalten.

(Bild: Marc Röhlig)

"Hier" und "drüben" ist für viele hier immer noch ein Thema, egal in welchem Alter. Viele haben mal im Westen studiert oder gejobbt, anders kommt man ja nicht voran. Aber wenn die Welt dort fremd bleibt, kommst du halt doch irgendwann zurück. Und siehst deine Heimat, für die sich anscheinend keiner interessiert. "Guck mal, in Russland kommt jeder Bus an, egal bei welchem Wetter", sagt mir einer der Dartspieler. "Bei uns bleibt die Bahn doch ab 1 Grad minus sofort liegen."

"Es tut weh, dass Sachsen wegen dieser paar Brüllenden da in Dresden als Ganzes so leiden muss."
Schiri Christopher über Sachsen in den Medien

Läuft nicht so in Sachsen. Nach der Wende wurden viele Industriegebiete geschlossen, Braunkohletagebaue dicht gemacht. Klar, Pirna hat ein saniertes Stadtschloss und eine nach der Flut wieder hübsch gemachte Altstadt. Aber Pirna hat auch verwaiste Plattenbauten, in denen jetzt Automatencasinos untergebracht sind und Gehwege, in denen der Asphalt unter den Schuhsohlen knackt. Das hier aus Berlin keiner hinguckt, spürst du mit jedem Tritt.

"Wo lebst’n du?", empört sich Steve. "Deutschland nagt doch längst am Hungertuch!"

Wir sitzen zusammen mit seinem Kumpel Markus im "GeheimRAD". Die Kneipe ist in einem Hinterhof versteckt, nur wer sie kennt, kann sie finden. Alte Fahrräder hängen an der Gewölbedecke, im Bücherregal gibt es "Mosaik"-Comichefte aus den 80ern.

(Bild: Marc Röhlig)

Steve hat Arbeit, Freundin und Kind in Bayern, Markus hat in NRW studiert. Trotzdem zieht es sie in die Heimat zurück. Es gibt Diesel und Haffti, einen lokalen Birnenschnaps, von dem Wirt Norbi sagt, er sei so scheußlich, dass er schon wieder gut ist. Steve hat schon mehrere Schnäpse hinter sich. Er brüllt. Rentner müssten von 250 Euro im Monat leben, Schulen würden nicht saniert und die Arschgeigen da oben würden immer reicher.

Am selben Abend spricht ein paar Kilometer weiter der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff in Dresden. "Ungleichheiten werden dann nicht akzeptiert, wenn Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden", sagt Wulff (Sächsische Zeitung). Die gleiche Erkenntnis, nur schöner formuliert.

(Bild: Marc Röhlig)

Steve erzählt jetzt von den "Skinheads Sächsische Schweiz" und einem baldigen "Krieg auf deutschem Boden". Der rechtsextreme Schlägertrupp wurde schon vor Jahren vom Verfassungsschutz verboten. Steve sagt, es gebe ihn immer noch im Untergrund, einige seiner Freunde seien dabei.

"Wenn ich mit Ratten marschiere, muss ich mich nicht wundern, wenn ich selbst Ratte genannt werde."

Markus unterbricht seinen Kumpel: "Man muss ja dazu sagen, dass gerade Sachsen leider einen sehr schlechten Ruf haben." Nazis, Pegida, die AfD-Frontfrau Frauke Petry, brennende Flüchtlingsunterkünfte und dutzende Angriffe auf Ausländer. Für Markus eine Frage der Erziehung: "Wenn deine Eltern schon auf die Fresse geflogen sind, dann entwickeln halt auch die Kinder keinen gescheiten Blick auf die Welt."

Norbi, der Wirt, kommt vom Tresen rüber und stellt neue Hafftis hin.

Er sagt: "Viele nehmen das als Ausrede, weiterhin faul zu bleiben, denn der Ausländer sei ja schuld." Markus sagt: "Viele hier vergessen, dass Flüchtlinge auch Menschen sind." Und Steve sagt nichts mehr.

Der letzte Tag. Im Zug zurück nach Hamburg warnt ein junger Kerl aus Leipzig einen anderen Sachsen schon mal vor der Reeperbahn. Nicht von Frauen mitschnacken lassen, nicht auf dicke Hose machen und bitte, bitte nicht Geld für einen Technoschuppen ausgeben.

Dann fangen beide an zu lesen. Einer hat die "Le Monde diplomatique" gekauft, sie reichen die Seiten hin und her. Als sie fertig sind, will der eine die Zeitung in den Müll stopfen. "Nee, lass mal liegen", sagt der andere. "Ich find’s immer gut, wenn auch andere sich bilden."


Gerechtigkeit

Bye, bye Britannien: Der Brexit-Plan steht nun fest
Die Roadmap in 5 Punkten erklärt.

Der Brexit kommt – aber lange war unklar, wie genau. Und wann. Und überhaupt. Jetzt hat sich die britische Premierministerin Theresa May in einer Grundsatzrede geäußert – und einen Zwölf-Punkte-Plan vorgestellt ("The Guardian").

Nicht jeder einzelne davon ist wichtig. Einige aber schon. Die Übersicht:

1. Der Brexit kommt hart

May will keinen weichen Übergang, sondern einen klaren Schnitt von der Europäischen Union (EU). Großbritannien könne "nicht halb drinnen, halb draußen sein". May will Ende März in Brüssel offiziell das Austrittsgesuch einreichen – es bleiben dann zwei Jahre für die Austrittsverhandlungen.