Wie russische Frauen gegen häusliche Gewalt kämpfen

Die Arme sind schützend vor den nackten Körper gelegt, auf ihnen klebt schwarzes Klebeband, darauf steht auf Russisch: "Ich werde es schnell und schmerzlos machen." Die Fotoreihe "Ne Nasilie" (keine Gewalt) auf zeigt Tabuthemen auf: häusliche Gewalt, toxische Beziehungen, sexualisierte Übergriffe. Verletzende und gewaltvolle Botschaften, die zwischen Tattoos, Kleidungsabdrücken und Narben stehen. Die Künstlerin Varvara Grankova (31) aus Moskau porträtiert Menschen, die ihre Erfahrungen mit Gewalt anonym auf Instagram teilen – darunter vor allem Frauen.

Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem in Russland. 

"Wenn er dich schlägt, dann liebt er dich", sagt ein russisches Sprichwort. Es zeigt, wie tief das Problem in der Gesellschaft verankert ist.

Die genaue Dimension häuslicher Gewalt in Russland ist trotzdem unbekannt. Statistiken werden nicht erhoben, aber das russische Innenministerium gibt an, dass etwa 40% aller Straftaten gegen Frauen innerhalb der Familie passieren. 12.000 bis 14.000 Frauen werden schätzungsweise jedes Jahr in Russland getötet.  16 Millionen Frauen werden jährlich Opfer häuslicher Gewalt. 145 Millionen Einwohner hat Russland. 

Zum Vergleich: in Deutschland sind etwa 140.000 Fälle registriert, bei 83 Millionen Einwohnern.

Aber seit einigen Monaten tut sich etwas: In den großen Städten demonstrieren besonders russische Frauen gegen häusliche und sexualisierte Gewalt. 

"Die Gesetze schützen uns nicht" und "Ich will nicht sterben" steht auf ihren Plakaten. Einer der Auslöser: Der Fall der Chatschaturjan-Schwestern. Die drei Schwestern aus Moskau wurden jahrelang von ihrem Vater brutal missbraucht und belästigt, bis sie ihn erstochen haben. Nun sind sie wegen Mordes angeklagt, ihnen drohen bis zu 20 Jahre Haft. (DER SPIEGEL

Einen Teil der Proteste in Russland bildet die Aktion "Brücke der Schwestern": Junge Russinnen und Russen sammeln sich in russischen Städten an Brücken und zeigen dabei öffentlich ihre Unterstützung für die Schwestern. Neben den Demos veranstalten sie auch Ausstellungen, Festivals. Die Stimmen junger Russinnen werden lauter – trotz einer aussichtlos scheinenden Lage.

"Häusliche Gewalt ist keine private Angelegenheit, sondern betrifft auch die Öffentlichkeit", sagt die dreißigjährige Anna Rivina aus Moskau. Anna spricht schnell und entschieden, denn sie hat wenig Zeit und ist gerade jetzt viel unterwegs, eilt von Interview zu Interview, sitzt auf Panels und in Podiumsdiskussionen. Gleich steht für Anna ein Interview im Fernsehen an - häusliche Gewalt ist zurzeit ein brennendes Thema in Russland. 

Anna setzt sich schon seit 2015 gegen diese Form der Gewalt ein. Sie ist Gründerin und Direktorin von Nasiliu.Net ("keine Übergriffe"). Als die angehende Juristin vor fünf Jahren auf der Suche nach rechtlichem Beistand für Gewaltopfer war, stand sie plötzlich vor einer klaffenden Informationslücke. Diese will Anna nun langsam füllen. "Wir sind keine politische Organisation oder Partei, wir machen täglich auf das Problem aufmerksam. Wir wollen zeigen, wie schlecht das System funktioniert", erklärt Anna. Ihre Organisation berät Opfer häuslicher Gewalt und bringt das Thema endlich auch in die sozialen Medien.

"Besonders brutale Fälle, wie die der Chatschaturjan-Schwestern, zwingen uns dazu, endlich einmal über das Ganze zu sprechen", stellt Anna Rivina fest. So berichtete kürzlich die Aktivistin Margarita Gracheva sogar im konservativen, staatlichen Fernsehen des autoritären Landes über das Tabuthema der häuslichen Gewalt. Margarita Gracheva ist selbst Opfer dieser Gewalt geworden, ihr Ex-Partner hackte der zweifachen Mutter die Hände ab. Davor war sie mehrmals erfolglos bei der Polizei, die nicht eingriff.

 "Wir brauchen ein Gesetz, wir brauchen mehr Verständnis und Schutz vor Aggressionen. Der Staat muss die Gesundheit und das Leben der Bürgerinnen schützen", sagt Anna Rivina. Aktuell gibt es in Russland kein Gesetz, welches sich geschlechtsspezifischer Gewalt annimmt. Im Gegenteil: Im Jahr 2017 lockerte der Kreml sogar die Strafen gegen häusliche Gewalt. (DER SPIEGEL)

Varvara, die Fotokünstlerin und Illustratorin aus Moskau, möchte in ihrem Projekt zeigen, wie tief der Hass gegen Frauen im Alltag verankert ist. Ihr Kanal @nenasilie ("keine Gewalt") gewann in kürzester Zeit 6000 Follower*innen und war bereits Teil einer Ausstellung in einem Moskauer Museum für moderne Kunst. Varvara hat großes Verständnis für die sensiblen Inhalte, die sie zeigt. "Nicht alle haben die Kraft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es tut weh. Es ist schwer. Kunst macht es vielleicht einfacher, sich diesen tief liegenden Problemen zu stellen", glaubt sie. 

Trotzdem will sie sich keine Illusionen machen. "Ich habe trotz der medialen Aufmerksamkeit das Gefühl, dass außerhalb einer bestimmten Blase von Künstlerinnen, politisch Aktiven oder Juristinnen nicht so viel über das Thema der häuslichen Gewalt gesprochen wird", erzählt sie.

Und die Aktivistinnen bekommen Widerspruch, zu einem großen Teil auch aus dem Umfeld der russisch-orthodoxen Kirche. 

"Uns wird gesagt, dass wir mit unserem Einsatz gegen Gewalt die Familienwerte zerstören wollen", fügt Varvara hinzu. Viele Vertreterinnen der Kirchen sehen die Bewegungen gegen genderspezifische Gewalt als Teil einer angeblich radikalen, feministischen Ideologie und befürchten durch sie die Auflösung von klar verteilten Geschlechterrollen.

Das erlebt auch die Aktivistin Katya Valera (23) aus St. Petersburg. Sie kommt gerade von einem Organisationstreffen des Musikfestivals "Ne Vinovata" ("nicht schuldig"). "Wir müssen wahrscheinlich noch viele Jahre gegen das Problem ankämpfen", stellt sie fest. Auch für 2020 ist eine Ausgabe von "Ne Vinovata" geplant. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, treten bei "Ne Vinovata" Bands und DJs in verschiedenen Städten Russlands auf. Die Einnahmen gehen dabei an lokale Organisationen zur Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt. 

Katya hat das Festival zusammen mit anderen russischen Feministinnen organisiert, sie zählt eine Menge feministischer Mitstreiter, DJs und Musikerinnen auf. Doch trotz des Zuspruchs und Erfolgs: In sozialen Medien wurde ihre Aktion von vielen als unnötiger Feminismus abgewertet und es gab Beleidigungen. Auch wenn das Problem der häuslichen Gewalt gerade Aufmerksamkeit erfährt, bleibt Katya so nüchtern: "Wir haben Angst vor noch mehr negativen Reaktionen. Das Thema ist gerade so stark in den Medien präsent und leider werden die Leute müde, ständig davon zu hören."

Es scheint eine aussichtlose Situation zu sein. Anna Rivina von Nasiliu.Net sieht ihre Arbeit jedoch als Teil eines größeren Problems in Russland: "Wir müssen uns klar machen, dass es sich bei der Gewalt gegen Frauen um eine allgemeine Verletzung der Menschenrechte handelt. Wir müssen die Situation von Opfern häuslicher Gewalt verbessern, aber dürfen uns da eigentlich auch nichts vormachen", erklärt sie in Bezug auf die rechtliche Situation in Russland. "Wir können nicht erwarten, dass ein Bereich der Menschenrechte besonders gut laufen wird, wenn wir Probleme an anderen Stellen haben, etwa Fälle von Polizeigewalt und Korruption", sagt sie.


Fühlen

Man kann sich nicht gratis vorsorglich auf Geschlechtskrankheiten testen lassen – das muss sich ändern
Warum die jetzige Gesetzgebung verlogen ist

An U-Bahnhöfen und Litfaßsäulen überall in meiner Stadt hängen Plakate mit der Aufschrift: "Juckt's im Schritt? Lass dich testen!" Wenn ich sie sehe, werde ich wütend. 

Dabei stimme ich zu: Tests auf sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind wichtig, um uns und unsere Sexpartnerinnen und Sexpartner nicht zu gefährden. Was mich aufregt: Die Plakat-Kampagne wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) finanziert, einer staatlichen Institution. 

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen aber gar nicht für Vorsorge-Tests auf STI. 

Wenn ich ein verantwortungsvolles Sexleben führen will, wird das teuer. Was der Staat in der Kampagne von mir verlangt, kostet bei meiner Gynäkologin um die 80 Euro – pro getestetem Krankheitserreger. Wenn ich mich nur auf ein paar leicht übertragbare Krankheiten testen lassen möchte, die häufig bei Frauen vorkommen – so wie Chlamydien, Gonorrhoe und Trichomonaden – dann bin ich schon bei 240 Euro.  

Immer weniger Menschen in Deutschland infizieren sich mit HIV (Aidshilfe). Andere STI-Infektionen nehmen aber zu: Die Zahl der Syphilis-Infektionen ist zwischen 2010 und 2017 kontinuierlich gestiegen (ECDC). In Sachsen, wo Gonorrhoe meldepflichtig ist, haben sich die Fälle seit 2001 mehr als verzehnfacht (LUA).